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Charme, Schmäh, Gemütlichkeit
31.03.2015

Charme, Schmäh, Gemütlichkeit

In den vergangenen Wochen zeigte der Wiener ­Bürgermeister den Kollegen und Kontrahenten wieder einmal, wo genau der Bartl den Most holt.

Gut drauf Wien wurde in einer internationalen Vergleichsstudie auch 2015 wieder zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität gekürt. Aber: Wien hat nicht nur die beste „Quality of Living”, sondern auch den fröhlichsten Bürgermeister. Vom Finanzminister zur seit Jahrzehnten überfälligen Pensionsreform bei den Gemeindebediensteten aufgefordert, antwortete das Stadtoberhaupt: „Wenn Schelling in Wien Wahlkampf führen will, soll er kandidieren.” Als Genosse Faymann zur Mäßigung bei der freihändigen Vergabe von Werbegeldern aufforderte, konterte der Bürgermeister mit „Er macht, was er will, wir machen, was wir wollen” – wiewohl, man ist ja kein Unmensch, er auf die Ratschläge des Kanzlers in Sachen Inserate prinzipiell vertraue: „Weil davon versteht er was.”

Von Häupl stammt auch „Das von mir geschriebene Buch ‚Die Kriechtiere und Lurche Niederösterreichs' war eine gute Vorbereitung auf die Politik” – und: „Persönliche Befindlichkeit ist kein guter Ratgeber.” Dies allerdings war nicht als persönliches Mantra zur Eindämmung rhetorischen Aufbrausens zu verstehen, sondern als Ratschlag an den grünen Koalitionspartner im Gefolge der personalpolitischen Trickserei zur Abwehr einer Änderung des Wahlrechts. Zusatz: „Die Grünen haben geglaubt, wir lassen uns das einfach so gefallen.” Na, aber echt nicht.Geradezu antithetisch mutet an, dass es keine zehn Jahre her ist, als der damalige Chef der Österreich Werbung die Idee gebar, den österreichischen Charme zum immateriellen Weltkulturerbe erklären zu lassen. Kein Witz. Schöne Landschaften, exzellente Küche oder Kulturschätze hätten andere Länder auch, sagte Arthur Oberascher. Was ein Land wie Österreich aber „unverwechselbar” mache, sei „der Charme an der Schnittstelle zwischen Gast und Gastgeber”. Das Wesen des Austro-Charmes definierte man so: „Zuvorkommend und galant, aber niemals devot. Mit Liebe zum Detail, mit Schmäh und Augenzwinkern.” So lustig das klingt, wurde es tatsächlich ernsthaft diskutiert. Allerdings ist ja, das wissen wir Wiener, bei uns der Charmebegriff anders konnotiert als im Rest Österreichs. Charme nennen die mit dem goldenen Herzen ja auch den eleganten Schwung, der das Hackl tiefer landen lässt. Die Mehrheit der Österreicher hat sich damals übrigens einer Umfrage zufolge gegen diese Initiative ausgesprochen; 18 Prozent plädierten dafür, das waren die ganz Boshaften.

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