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Die verlorene ­Generation
10.02.2015

Die verlorene ­Generation

Gastkommentar Warum wir jetzt etwas in Sachen Lehre tun müssen

Handlungsbedarf Der Vorstoß der Populisten in Griechenland zeigt eines sehr deutlich: Es brodelt im europäischen Wirtschaftsraum – und vor allem unter den Jugendlichen regt sich Widerstand. Angesichts der erschütternden Jugendarbeitslosigkeit von 49,8 Prozent in Griechenland ist das auch kein Wunder.

Im Vergleich zu Südeuropa ist die Jobsituation heimischer Jugendlicher am Papier geradezu rosig, und das System wirkt stabil. Eurostat weist Österreich eine Jugendarbeitslosigkeit von „lediglich” zehn Prozent aus. Ein Grund zum Entspannen ist das aber keiner, denn auch hierzulande kämpfen ausende junge Menschen um eine Zukunftsperspektive: Jährlich brechen 35.000 Jugendliche zwischen 15 und 18 ihren Ausbildungsweg bzw. die Schule ab oder beginnen nach der Pflichtschule gar keine weitere Ausbildung. Die Folge ist meist der Schritt in die Armutsfalle. Keine Perspektiven?Nun denkt die Regierung über eine Ausbildungsverpflichtung bis 18 nach: Jeder Jugendliche muss demnach ab dem Schuljahr 2016/17 nach der Pflichtschule entweder eine weiterführende Schule oder Lehre besuchen oder zumindest staatliche Angebote wie überbetriebliche Lehrausbildungen oder Produktionsschulen in Anspruch nehmen. Das klingt am Papier sehr vernünftig und begrüßenswert – wird in der Realität aber vor allem im Bereich der Lehre neue Herausforderungen schaffen: Schon jetzt ist die Zahl der Betriebe, die Lehrlinge ausbilden, massiv rückläufig. Gleichzeitig steigt die Zahl derjenigen, die in der ursprünglich als Notkonstrukt eingeführten, überbetrieblichen Lehre landen, kontinuierlich und liegt nun bei 9.187 Jugendlichen. Österreich erntet mit diesem Modell zwar europaweit zu Recht viel Lob – schließlich bietet es vielen Jugendlichen bessere Chancen am Arbeitsmarkt. Dennoch wird sie von vielen Kritikern aus Kostengründen und in Bezug auf fehlende betriebliche Praxis weiterhin als Notlösung angesehen. Eine Notlösung, die meiner Meinung nach mit etwas Optimierung das Potenzial zur Tugendlösung hat: Derzeit gibt es in Sachen Lehre – vor allem aus KMU-Sicht – nur „ganz oder gar nicht”. Das führt dazu, dass Betriebe, die grundsätzlich bereit wären, Lehrlinge auszubilden, sich dagegen entscheiden, weil sie nicht die Ressourcen haben, um einen jungen Menschen in wirklich allen Facetten einer Ausbildung zu unterstützen. Auf der anderen Seite gibt es die Ausbildungseinrichtungen, die gerade in der überbetrieblichen Lehre langjährige Erfahrung mitbringen und vor allem bei der Grundausbildung sowie der Vermittlung von Softskills einen wichtigen Part übernehmen können. Wenn man nun das Beste aus beiden Welten fusioniert anstatt eine Entweder-oder-Lösung anzustreben – also die Lehre modular auf Betriebe und Weiterbildungsinstitute aufteilt –, wäre allen Seiten geholfen: Die KMU könnten sich die händeringend gesuchten Facharbeiter kostengüns-tiger selbst ausbilden, und den Jugendlichen könnte viel leichter eine Lehrplatzgarantie inklusive der so wichtigen Betriebspraxis gegeben werden.

Franz-Josef Lackinger, Geschäftsführer BFI Wien; www.bfi.wienDie abgedruckten Gastkommentare geben ausschließlich die Meinung des Verfassers wieder. Wir behalten uns das Recht auf Kürzung vor.

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