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Die Züge rollen, der Rubel nicht
30.01.2015

Die Züge rollen, der Rubel nicht

Einkaufszentren Die Geschäfte am neuen Wiener Hauptbahnhof laufen (noch) nicht so, wie es sich die Handelsbranche erwartet hat

Trotz hoher Frequenz in den Hallen ist in den Geschäften eher wenig los.

Wien. Mit viel Wirbel, Pomp und Trara eröffnete vergangenen Herbst der neue Hauptbahnhof. Von einem Meilenstein in der Geschichte der ÖBB war die Rede, vom großen Wurf; ein völlig neues Grätzel würde entstehen, so hieß es, mit smart living, smart working und ungeheuerlichen smart shopping-Angeboten.

Über hundert Tage sind seitdem vergangen – Zeit also für eine erste Zwischenbilanz darüber, wie es im von der deutschen ECE betriebenen Einkaufszentrum in der Bahnhofcity läuft. Denn bis dato sind recht unterschiedliche Meinungen darüber zu hören. Mitte Jänner etwa berichtete der ORF über schlecht laufende Geschäfte; in vielen Läden herrsche Leere, hieß es auf der Internetseite, manche Betreiber müssten sogar schon Personal kündigen. Die Geschäftsleute hofften auf den Fahrplanwechsel, der mehr Züge in den neuen Hauptbahnhof ein- und ausfahren lässt.

Testbesuch am frühen Abend

Wenig später hieß es erneut, dass viele der Shopbetreiber alles andere als zufrieden sind. Einige Mieter denken sogar ans Zusperren, brodelte es wild aus der Gerüchteküche. Die enorme Passantenfrequenz am Standort (angeblich an die 100.000 Personen pro Tag) vermag das Geschäft nicht zum Laufen zu bringen – nur ein Bruchteil der Besucher soll sich in die Geschäfte „verirren”. Aufgrund der unterschiedlichen Stimmungsbilder entschließt sich medianet zum Lokalaugenschein. Am Wochentag, spätnachmittags, scheint es an potenziellen Kunden keineswegs zu fehlen, in den Hallen der Bahnhofcity herrscht reges Geschiebe. In den Geschäften dagegen zeigt sich ein durchwachsenes Bild. Voll ist die Filiale der Reformhauskette „Martins – Reformstark”. Das Geschäft mit dem ganzheitlichen Ansatz dürfte den Nerv der Zeit treffen, indem es gesunde und hochwertige Nahrungsmittel (nicht nur) für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten anbietet.Ebenfalls gut besucht ist die Dekoraktionswarenkette Depot, die wohl nicht zuletzt deswegen viele Kunden abfangen kann, weil sie gleich beim Aufgang von der U-Bahn zur Haupthalle gelegen ist. CCC, das rasant expandierende Günstig-Schuhmodenkonzept aus Polen, sowie die Tchibo-Filiale kommen ebenfalls gut an. In Ers-terem verweilt junges Publikum, in Zweitem die Damenwelt, die sich beim Kaffee zum Pläuschchen trifft. Eine Verkaufskraft erzählt, dass es in den Tagen und Wochen nach der Eröffnung wahnsinnig betriebig zugegangen ist. Jede Menge neugieriger Besucher – und nicht nur Neugierige, sondern auch solche, die gekauft haben, als ob sie sich für einen nicht endenden Winter vorbereiten würden.

Modesparte ausbaufähig

Nicht zu erwarten war, dass sich im wunderschön eingerichteten Interspar eher wenig abspielt. Doch der Verbrauchermarkt dürfte vor allem dann gut Kasse machen, wenn andere Lebensmittelhändler in der Umgebung bereits Ladenschluss haben. Fast keine Kundschaft ist aber in den Modegeschäften zu finden: Weder im New Yorker Promod oder Desigual, noch im italienischen Strumpfladen Calzedonia spielt es sich ab. Eine kleine Besucherinnengruppe schlendert durchs Geschäft und hält fest, dass das Textilienangebot in dem Einkaufszentrum nicht ganz das Wahre sei. „Wir haben gerade festgestellt, dass es andere Orte in Wien gibt, an denen wir mehr Auswahl finden, die unserem Geschmack entspricht”, sagt eine der Jugendlichen. Fazit: In einigen Segmenten, wie der Bekleidung, gibt es offenbar Potenzial in der neuen Wiener Bahnhofcity. (red)

Trubel herrscht mehr als genug in der neuen Wiener Bahnhofcity. Jetzt muss sich der Handel noch Konzepte einfallen lassen, um die Menschen in die Läden zu locken.

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