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Ein scharfer Blick in die Glaskugel der Analysten
12.03.2015

Ein scharfer Blick in die Glaskugel der Analysten

Weltwirtschaft Wie geht es mit der Weltwirtschaft weiter – und insbesondere mit dem Wirtschaftsraum Europa?

David Lafferty, Natixis: „Keine Garantie, dass das EZB-Programm das Disinflationsproblem lösen wird.”

Paris/Boston/Wien. Das „Ende der Globalisierung” prophezeite kürzlich die Welt. Die Argumentation: Über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten sei der wachsende Handel – und die engere wirtschaftliche Verflechtung der Welt – ein „wesentlicher Motor für das Wirtschaftswachstum” gewesen. Von Krisenjahren wie 1982 und 2001 abgesehen, wuchs das weltweite Handelsvolumen stets stärker als die Wirtschaftsleistung. In den Jahren 2012 und 2013 habe sich der Trend jedoch umgedreht, seitdem steigen die Wachstumsraten von Welthandel und Weltwirtschaft nur noch mit stark gedrosselter Geschwindigkeit: „Es kommt Sand ins Getriebe der Globalisierung.”

Der Status quo

Wie also geht es mit der Weltwirtschaft weiter – und insbesondere mit Europa? Dieser komplexen Frage gingen die Investmentexperten von Natixis Global Asset Management nach. Der Status quo: Schon im zweiten Halbjahr 2014 waren erste Anzeichen eines Aufwärtstrends der US-Wirtschaft sowie des US-Dollars erkennbar, während in der Eurozone die Europäische Zentralbank (EZB) zur Belebung der Wirtschaft („Anleihenkaufprogramm”) auf neue und kapitalintensive Ankurbelungsmaßnahmen setzt. In China hat sich das Wachstum abgeschwächt, Japan befindet sich in einer Rezession, und die Schwellenländer müssen heuer mit einem stärkeren US-Dollar zurechtkommen.

Billiges Öl, schwächerer Euro

Was aber bedeuten diese Faktoren für das weltwirtschaftliche Umfeld?„Auf den ersten Blick scheint alles auf eine schrumpfende Weltwirtschaft hinzudeuten”, bestätigt David Lafferty, Chief Market Strategist von Natixis. So stecke etwa die Eurozone tief in einer Disinflation bzw. einer Deflation – und es gebe keine Garantie dafür, dass das EZB-Programm dieses Problem lösen werde. Wohl würde Europa letztlich davon profitieren, doch dürften das preiswertere Öl sowie der schwächere Euro „noch stärker zu einer Ankurbelung des Wachstums in Europa beitragen”.„Im Moment führen die Griechen ganz Europa an der Nase herum”, meint Jörg Knaf, Executive Managing Director von Natixis Global Asset Management. „Aber die Märkte scheint es nicht zu kümmern. Im Gegenteil, selbst vor einem Grexit scheut der Anleger nicht zurück.” Die aktuelle Debatte zeige klar, dass „reformunwillige Länder zurückfallen werden und die Konkurrenz unter den Wirtschaftsblöcken bzw. Währungsregionen zunimmt”. Die Strömung der Kapitalflüsse, so Knaf, werde sich zugunsten der USA wenden. Anleger mit einer Allokation zu Schwellenländern – allen voran zu solchen, die von Rohstoffexporten abhängen – sollten sich „warm anziehen”.

„Große Überraschung”

Ein positiveres Bild Europas zeichnet Natixis-Chief Economist Philippe Waechter. Der Euroraum könnte laut Waechter 2015 für eine „große Überraschung” sorgen. Warum? „Ein niedrigerer Euro-Wechselkurs sollte die Wettbewerbsfähigkeit dieser Region steigern”, so Waechter. Nachdem die EZB ihr QE-Paket vorgestellt hatte, fiel der Euro gegenüber dem US-Dollar Ende Jänner auf ein Elfjahrestief. Waechter: „Darüber hinaus sollten die gesunkenen Ölpreise der Kaufkraft der Privathaushalte ebenso zugutekommen wie den Gewinnmargen der Unternehmen.” Diese mittelfristige Beflügelung des Wirtschaftswachstums sei auch ein wirksames Instrument zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung. Allerdings, gibt Waechter zu bedenken, bedürfe es „auch noch struktureller Reformen zur Senkung der Staatsverschuldung”. Sein Fazit: „Europa wird wettbewerbsfähiger.”

Indien nimmt Fahrt auf

Weitere globale Prognosen Laffertys: Die US-Wirtschaft zieht weiter an. Angesichts der längerfristigen demografischen Entwicklungen seien die Aktivitäten am Wohnimmobilienmarkt immer noch lediglich mäßig. Gleichzeitig habe die Automobilproduktion wieder angezogen, während die Arbeitslosigkeit auf ein wieder „normaleres” Niveau gesunken ist. China wächst nach wie vor: Obwohl die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt weiter an Fahrt verliere, werde sie im Jahr 2015 den Erwartungen zufolge um sieben Prozent wachsen, und auch für die nächs-ten Jahre gehe man von einem Wachstum von deutlich über sechs Prozent aus. Lafferty: „Damit wächst die chinesische Wirtschaft immer noch kräftig, wenn auch etwas moderater als noch in den letzten Jahren.” Dazu komme, dass die Konjunktur in Indien Fahrt aufnimmt: Während sich die chinesische Wirtschaft leicht abschwäche, scheine Indien auf dem besten Weg zu sein, diese Wachstumslücke zu füllen. So erwartet der IWF, dass das BIP-Wachstum in Indien von derzeit rund 5% auf fast 7% ansteigen wird. „Damit dürfte Indien China im Jahr 2016 wohl als die am schnellsten wachsende bedeutende Volkswirtschaft ablösen”, schreibt Lafferty. Natixis Global Asset Management, S.A. ist eine Gesellschaft mit diversen Tochterfirmen, die einen gebündelten Zugang zu mehr als 20 spezialisierten Investment-gesellschaften in den Vereinigten Staaten, in Europa und in Asien bietet. Das Unternehmen zählt zu den weltweit größten Asset Managern. (sb)

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