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„Eine Ungleichheit durch eine andere zu ersetzen, nützt nichts”
Gianna schöneich 31.03.2015

„Eine Ungleichheit durch eine andere zu ersetzen, nützt nichts”

Sexismus Im Rahmen eines Symposiums wurde dafür plädiert, Sexismus und dessen Folgen wieder in die gesellschaftliche Diskussion zu führen

Marion Gebhart, Leiterin der Frauenabteilung Wien, sprach über Sexismus und neue Anforderungen an die Medienbranche.

Diskutierten beim Symposium zum Thema Rollenbilder und Klischees: ÖWR-Präsident Michael Straberger, Gerit Götzenbrucker (Uni Wien), Martina Thiele (Uni Salzburg), Marion Gebhart (Werbewatchgroup Wien), Konrad Mitschka (Moderator).

Wien. Marion Gebhart ist Leiterin der Frauenabteilung Wien und Mitglied der Wiener Werbewatchgroup. Im Rahmen eines Symposiums zum Thema Rollenbilder und Geschlechterklischees in Journalismus und Werbung sprach medianet mit der Expertin, die auch Frauenvorsitzende der SPÖ Leopoldstadt ist, über Sexismus und neuen Anforderungen für die Medienbranche.medianet: Frau Gebhart, was können Veranstaltungen wie dieses Symposium leisten? Marion Gebhart: Das Thema Sexismus in den Medien gelangt so durchaus wieder in die Diskussion. Häufig wird gesagt, das Thema sei ausgelutscht, es wäre schon alles gesagt und jeder wisse Bescheid; das zeigt allerdings, dass es noch einiges darüber zu sagen gibt. medianet: Was ist die Aufgabe einer institutionellen Einrichtung wie der Werbewatchgroup?Gebhart: Zunächst machen die Watchgroups auf verschiedene Sexismen aufmerksam. Häufig denkt man ja an plakative Dinge, wie einen entblößten Busen, wir können allerdings aufzeigen, wie vielfältig Sexismus ist. Beispielsweise schließt das auch Rollenstereotype mit ein. Wir bewerten Werbung nach objektiven Kriterien und konfrontieren die mit Sexismen werbenden Unternehmen mit Stellungnahmen. medianet: Wie reagieren Unternehmen auf eine Stellungnahme der Werbewatchgroup zu ihrer sexistischen Werbung?Gebhart: Es gibt drei Arten von Reaktionen. Das Unternehmen erhält einen Brief mit der Nachricht, dass seine Werbung sexistisch ist und wird aufgefordert, eine Stellungnahme seinerseits zu formulieren. Die häufigste Reaktion darauf ist, dies einfach zu ignorieren. Die zweite Reaktion ist eine Verteidigung der Werbung; hier kommen dann häufig Aussagen wie ‚Frauen mit Humor verstehen das' und andere Seitenhiebe gegen Emanzen. Andere reagieren mit Betroffenheit und ziehen sogar die Werbung zurück.medianet: Wenn Ihre Stellungnahmen so häufig ignoriert werden, wäre dann ein Verbot von sexistischen Inhalten nicht sinnvoll?Gebhart: Im Gegensatz zum österreichischen Werberat sind wir, die österreichischen Werbewatchgroups, für ein Verbot. Mit Appellen kommt man nur bis zu einem gewissen Punkt, die Ignoranz bleibt. In anderen Staaten sieht man, dass ein Verbot von sexistischen Inhalten gebraucht wird. Allerdings reicht nicht nur ein Verbot, es muss auch mit Sanktionen verbunden sein. medianet: Welche Gefahren birgt sexistische Werbung, sodass man sie sogar verbieten sollte?Gebhart: Werbung hat einen Einfluss auf die Bilder in unseren Köpfen, wir lernen so, was typisch männlich oder weiblich ist und das schon von klein auf. Man versucht, den Bildern nachzueifern; das führt dann zu Stereotypen, Klischees und im schlimmsten Fall zu gesundheitlichen Auswirkungen, wenn junge Frauen und Männer einem medial vermittelten Körper nacheifern wollen.medianet: Gibt es auch ein Beispiel für gelungene Werbung?Gebhart: Eine der populärsten gelungenen Werbungen war wohl jene für die Produkte von Dove vor ein paar Jahren. Die Marke warb mit normalen Frauen, die aus einem repräsentativen Sample stammten. Es waren ältere, normalgewichtige und nicht magersüchtigen Frauen dabei, das Unternehmen konnte seinen Umsatz steigern und das zeigte, dass eine solche Darstellung der Frau beim Zielpublikum erwünscht ist.medianet: Jeder kann auf der Website der Werbewatchgroup Beschwerden über sexistische Werbung einreichen. Wer nutzt dieses Angebot häufiger?Gebhart: Die Beschwerden werden über eine Maske eingetragen, es werden keine Angaben über das Geschlecht gemacht, weswegen ich nicht sagen kann, ob Männer oder Frauen sich häufiger beschweren. Es wird aber, denke ich, durchaus so sein, dass sich Frauen häufiger beschweren, weil sie sich von der Werbung häufiger betroffen fühlen und erkennen, dass diese nicht ihren realen Lebenswelten entspricht. Es setzen sich aber auch viele Männer ein; wichtig ist, dass gerade jene in höheren Positionen, wie im Journalismus, in Werbeagenturen oder Unternehmen, die werben, ein Bewusstsein besitzen. medianet: Es sitzen immer mehr Frauen in höheren Positionen der Medienbranche, denkt man nur an Eva Weissenberger bei News oder Antonia Gössinger von der Kleinen Zeitung. Glauben Sie, dass sich durch diese Frauen eine Bewusstseinsveränderung einstellen kann?Gebhart: Hier muss man sagen, dass in der Basis der Medienbranche viele Frauen sitzen; oben in der Führung sind es nach wie vor zu wenige. medianet: Ein häufiger Vorwurf ist, dass Frauen zu wenig gemeinsam agieren. Braucht es einen größeren und breiteren Zusammenschluss?Gebhart: Das ist ebenfalls ein Stereotyp, der immer wieder angesprochen wird. Oft wird auch von irgendwelchen Zickengeschichten erzählt. Faktum ist aber, dass meistens Zusammenschlüsse von Frauen Dinge starten, denkt man beispielsweise an Sexismus in der Werbung oder die Pink Stinks-Bewegung in Deutschland oder der Shitstorm gegen frauenfeindliche Werbung; das alles wurde von Frauenorganisationen und Zusammenschlüssen gestartet.

medianet: Wo müsste man Ihrer Meinung nach ansetzen, um ein Bewusstsein für die Thematik beim Nachwuchs der Medienbranche zu schaffen?Gebhart: Tatsächlich im Kleinkindalter. Hier braucht es schon ein Gegengewicht, damit Stereotype nicht aufkommen. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass die Herausbildung von Klischees und Stereotypen dann beginnt, wenn Außenkontakte beginnen. Dem muss man entgegensteuern. medianet: Die Schaffung von Bewusstsein könnte auch über alternative Formen der Werbung geschehen. Diskutiert werden beispielsweise Geschlechterparodien, in denen sich Männer in typisch weibliche Posen begeben. Gebhart: Ja, das sieht man immer wieder. Die Salzburger Werbewatchgroup hat genau das getan, sie hat Männer in weibliche Posen gesteckt und konnte damit zeigen, wie skurril und lebensfremd diese Darstellungen sind. medianet: Ein breit diskutiertes Thema ist das Gendern, also die geschlechtergerechte Sprache. Es werden immer wieder Stimmen laut, die sich für eine rein weibliche Form aussprechen. Ist das die neue Gleichberechtigung der Sprache?Gebhart: Wünschenswert wäre, beide Formen zu verwenden. Ich denke, viele wären irritiert, wenn man nur die weibliche Form nutzen würde, allerdings verwirrt es niemanden, nur die männliche Form zu verwenden. Abgesehen davon würde es nichts nützen, eine Ungleichheit durch die andere zu ersetzen. Für ausgewogene Verhältnisse sorgt man sicher nicht, indem auf 2.000 Jahre Männerwelt 2.000 Jahre Frauenwelt folgen. medianet: Ein Argument für sexistische Werbung ist die Repräsentation von sexueller Aufgeschlossenheit. Kann das Werbung leisten?Gebhart: Das sind zwei Paar Schuhe. Die Frage ist, ob ich mich im öffentlichen oder privaten Bereich bewege. Sexuelle Aufgeschlossenheit bedeutet sexuelle Vielfalt, die Werbung ist allerdings stereotyp und repräsentiert keine Vielfalt. Das ist eine Einschränkung und hat nichts mit Aufgeschlossenheit zu tun. medianet: Sollte man Presseförderungen an Gleichstellungen in Redaktionen und behandelte Genderthemen koppeln?Gebhart: Das würde ich für einen wichtigen Ansatz halten. Eine Förderung der Geschlechtergerechtigkeit ist absolut wünschenswert und wäre eine gute Steuerungsmöglichkeit. medianet: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft sexistischer Inhalte in der österreichischen Medienbranche?Gebhart: Es wäre wünschenswert, die Belustigungen über sensible Bilder oder gendergerechte Sprache hinter sich zu lassen. Es muss normal und selbstverständlich sein, sexistische Inhalte zu verurteilen. Wir sollten aufhören zu diskutieren, sondern handeln. Einen Bericht zum Symposium ­lesen Sie am kommenden Freitag.

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