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Ende der Euphorie?
06.03.2015

Ende der Euphorie?

Gastkommentar Letzter Teil der Liveberichte vom MWC 2015

Eine Branche in Panik Die Diskussionen auf dem World Mobile Congress schwanken zwischen Euphorie über die technologische Zukunft und Panik angesichts der multiplen Kannibalisierungen der Gegenwart. Denn der Geschäftskuchen der Telekoms wird von mehreren Seiten angeknabbert, wenn nicht gar aufgefressen. Während Apple es sich leistet, beim globalen Branchentreffen durch Abwesenheit jenen besondere Missachtung zu zeigen, die die einstige Computerfirma mit dem Designertouch zum weltweit wertvollsten Unternehmen gemacht haben, so kommen die Anwendungskaiser – Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Sundar Pichai von Google oder die Excutives von Twitter und Pinterest – zumindest nach Barcelona, um ihren Anteil am Geschäftsmodellmord der Telekoms schönzureden. Denn schließlich wissen sie, dass ihre globale Reichweite mit Milliarden von Handynutzern die Voraussetzung für die zig Milliarden an Werbeeinnahmen ist, die sie mit höchster Datenintelligenz jährlich einfahren. Die Telekoms bieten diesen Internetfirmen die Infrastruktur für ihr Business an – und dies meist ohne irgendeinen Kostenersatz.

Doch nicht nur von daher rührt die Panik der Branche. Sie wird noch von weiteren Seiten geschürt. Da sind zunächst die Hofers und Rewes dieser Welt. Wenn Supermarktketten zu Telekomanbietern werden, dann nützen sie ihre Nähe zum Konsumenten und ihre Marke, um den angestammten Firmen die Kunden gezielt abzuwerben. Das Rezept kommt aus der Einführungsvorlesung zum Marketing-Bachelor: Kunden werden beste Preise garantiert, die einfachst gegliedert sind. Dazu eine ausgebaute Filalstruktur, mit einem Geschäft an nahezu jeder Ecke. Und wer nicht mit Hofer telefonieren will, sondern es etwas abenteuerlich-aggressiver bevorzugt, geht zu Red Bull mobile. Da kann man sich zusätzlich mit Musik „glücklich streamen”; dazu noch einen Newsletter zu Events und Apps. Kundenbindung wird hier aufwendig und erfolgreich umgesetzt. Das tut jeder Telekom weh.

Noch schlimmer als „disruptive” …

Die Panik wird jedoch auch noch von der anderen Seite verursacht: vom Geschäft mit den Anschlüssen. Jedes Kaffeehaus, jeder Zug und Flughafen, jedes Sportstadion und jedes Einkaufszentrum bietet schon heute mit WiFi ein drahtloses Funknetz ins Internet an. Damit lässt sich famos telefonieren, texten, surfen und noch mehr. In den USA sind seit einiger Zeit schon Mobilgeräte auf dem Markt, die das gezielt ausnützen. „WLAN First” bezieht sich auf mobile Geräte und Dienste, die Wi-Fi als primäres Netzwerk verwenden. Mobilfunknetze werden nur genutzt, um die Versorgungslücken zu füllen. Solche Lösungen haben enorme Kostenvorteile für die Verbraucher und öffnen Türen für völlig neue Geschäftsmodelle. Ganz schlimm aber wird es für die Telekomindustrie, wenn Google das wahr- macht, was in den Gängen des World Mobile Congress am hektischsten diskutiert wird: Google soll den Großeinkauf von Konnektivität von zwei Mobilfunkanbietern planen und dann seinen Kunden das jeweils nach Ort und Geschwindigkeit bessere Service weiterverkaufen. Die Amerikaner nennen diese Entwicklung von neuen Geschäftspraktiken und -modellen „disruptive”: das kann entweder störend, spaltend oder zerreißend heißen. Die Telekoms müssen es sich selbst übersetzen. Ihr Heil liegt vermutlich einzig bei der Weiterentwicklung ihrer Kundenbeziehung: Nähe und ein klarer Mehrwert werden es entscheiden.

Peter A. Bruck, ehrenamtl. Vorstand des Internationalen Centrums für Neue Medien und Chairman des World Summit Award; www.wsa-mobile.orgDie Gastkommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Wir behalten uns das Recht auf Kürzung vor.

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