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Extreme Arzneimittel-Preise ­lassen die Wogen hochgehen
Martin Rümmele 24.02.2015

Extreme Arzneimittel-Preise ­lassen die Wogen hochgehen

Hintergrund Wie Krankenkassen und Arzneimittelhersteller versuchen, die aktuelle Debatte über teure Medikamente für sich zu nutzen

Experten sehen die gesamte Pharmabranche aufgrund einzelner Ausreißer unter Druck. Vor allem kleine Firmen könnten bluten.

Wien. Wer glaubt, Simmering gegen Kapfenberg ist brutal, sollte einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen Debatte über neue und teure Arzneimittel werfen. Zwischen den Krankenkassen und der Pharmaindustrie hat sich ein Streit über die Preise neuer Arzneimittel entwickelt, der alles bisher dagewesene in den Schatten stellt.

Die Debatte über den Preis des Hepatitis C-Medikaments Sovaldi gibt einem traditionell schwelenden Konflikt zwischen Kassen und Industrie neue Nahrung. Zum Start vor etwa einem halben Jahr kostete eine Dreimonatstherapie rund 140.000 €. Viel Geld – zu viel Geld, sagen die Krankenkassen. Gleichzeitig wird damit aber ein unheilbar erkrankter Mensch geheilt. Und deshalb ist es Aufgabe der Krankenkassen, so ein teures Produkt dennoch zu finanzieren. Zudem spart das Gesundheitswesen sich noch teurere Kosten für Lebertransplantationen, argumentiert die Pharmaindustrie. Die Komplexität des Systems (siehe unten) macht eine Gegenrechnung aber nicht möglich. Die Kassen bleiben auf den Kosten sitzen – die Einsparungen fallen woanders an.

Enorme Kosten für Kassen

In der Zwischenzeit ist der Preis für die Therapie nicht zuletzt aufgrund weiterer Anbieter zwar gefallen, doch die Kassen hat das in nur einem halben Jahr mehr als 50 Mio. € gekostet. Und gleichzeitig – so Recherchen britischer Medien – soll das Herstellerunternehmen Gilead die Entwicklungskosten in nur einem Jahr komplett wieder hereingespielt haben. Von Entwicklungskosten kann man allerdings kaum reden: Gilead hat das Produkt in einem Bieterstreit und einem noch nie dagewesenen Deal um satte elf Mrd. USD eingekauft. Und die wurden in einem Jahr wieder reingespielt. Nicht nur die Einzelpreise einer Tablette von über 700 € sind hier also super-lativ. In der Hoffnung, ob solcher Preise auch die Patienten auf ihrer Seite zu haben, rüsten die Krankenkassen nun auf. Nahezu jeder Funktionär durch alle Bundesländerkassen kennt das Hepatitis-medikament inzwischen beim Namen und argumentiert auch mit der so oder so ähnlich lautenden „unmoralischen Gier” der Pharmaindustrie. Ein altes Feindbild ist also wieder erstanden. Industrie und Ärzte wiederum bringen die Patienten in Stellung und argumentieren, dass die Kassen bei der Bezahlung lebensrettender Medikamente bremsen. Vielmehr sollte in den Strukturen des Gesundheitswesens gespart werden. Sovaldi ist allerdings nur eines von mehreren hochpreisigen Medikamenten, die den Kassen Sorgen bereiten. Auch neue Krebstherapeutika und Arzneimittel im Bereich Rheuma sind teuer. Das könnte das Defizit der Krankenkassen heuer wieder auf mehr als 120 Mio. € hochschnellen lassen. Grund genug, dass die Kassen wohl Druck machen in den Verhandlungen um einen neuen Pharmarahmenvertrag. Der regelt Zulassungsbestimmungen, Erstattung und nicht zuletzt auch einen Sammelrabatt von Industrie, Großhandel und Apotheken. Und hier – so die Sorge vor allem kleinerer Pharmaunternehmen – könnten die Kassen nun versuchen, alle Firmen zur Ader zu lassen. Josef Probst, Generaldirektor im Hauptverband der Sozialversicherungsträger, will dieses Thema nicht kommentieren: „Dazu äußere ich mich derzeit nicht”, sagt er im medianet-Gespräch. Die Industrie bremst: Dank der „bahnbrechenden Innovationen der pharmazeutischen Industrie werden immer mehr Krankheiten heilbar”, argumentiert Verbands-Generalsekretär Jan Oliver Huber (Pharmig). „Die Arzneimittelentwicklung ist ein Hochrisikogeschäft, verbunden mit durchschnittlichen Investitionen von bis zu zwei Milliarden Euro.” Unternehmen, die Hochrisikoinvestitionen tätigen, müssten die Möglichkeit haben, im Anschluss neue finanzielle Reserven für Reinvestitionen aufbauen zu können. Huber: „Nur so kann eine kontinuierliche Erforschung weiterer innovativer Therapien sichergestellt werden.” Einem drohenden Deckel für die Preisforderungen der Unternehmen, wie ihn bereits manche Politiker fordern, will Huber deshalb mit allen Mitteln verhindern: „Arzneimittelpreise mit planwirtschaftlichen Vorgaben deckeln zu wollen, behindert den Wettbewerb, gefährdet pharmazeutische Unternehmen und somit letztlich den Zugang zu hochwertigen Arzneimitteln.”

EU-weites Problem

Der Vorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Peter McDonald, hat in seinem Haus nun den Auftrag erteilt, „gegenzusteuern”. So sollen Ärzte noch mehr wirkstoffgleiche, güns-tigere Medikamente verschreiben. Das träfe wiederum Hersteller, deren Patent auf andere Medikamente bereits abgelaufen sind. Beobachter vermuten, dass die Kassen so versuchen, auch einen Keil in die Industrie zu treiben. Denn nicht alle sind mit der Preispolitik jener zufrieden, die innovative Produkte auf den Markt bringen. Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) sieht das Problem national nicht regelbar und hofft EU-weit auf Lösungen. Dort steht das ­Thema seit Wochen auf der Agenda.

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