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Goldene Zeiten vorbei: „Es können ja silberne folgen”
Jürgen Hofer 10.03.2015

Goldene Zeiten vorbei: „Es können ja silberne folgen”

Gespräch Wimmer Medien-Chef Rudolf Andreas Cuturi wirft einen Blick auf seinen Verlag, die Branche und die Zukunft

Über Erosion, heftigen Wettbewerb, blutige Nasen und seinen persönlichen, naheliegenden Abschied.

Wien/Linz. 70 jähriges Bestehen feiern die Oberösterreichischen Nachrichten im heurigen Jahr 2015, seit über 40 Jahren lenkt Rudolf Andreas Cuturi die Geschicke des Flaggschiffs der Wimmer Medien. Im medianet-Interview beschreibt er den Erfolg der Tageszeitung aus seiner Sicht und welche Weichen er für seine persönliche Zukunft, aber vor allem für jene des Medienhauses, stellen will.

„Die Kraft der OÖN liegt in der starken Verankerung in der Region”, beschreibt der Medienmanager die Bindung des Blatts zum Leser, „insbesondere auch, weil das die Konkurrenz in dieser intensiven, auch kostenaufwendigen Form eben nicht tut.” Täglich bietet man sechs Lokalausgaben und verbucht gesamt gesehen laut Media-Analyse 2013/14 knapp 30% Reichweite in Oberösterreich; österreichweit sind es über 380.000 Leser. Dem doch nicht einfachen Printmarkt entsprechend stabil zeigt man sich auch bei der ÖAK: Knapp über 106.000 Exemplare verkauft man täglich, in der ersten Jahreshälfte 2014 konnte man sogar – als einzige Tageszeitung Österreichs – bei Druckauflage, verkaufter Auflage und verbreiterter Auflage zulegen. Eine „gewisse Erosion” müsse man am Lesermarkt natürlich eingestehen, so Cuturi, der diesen Trend auch auf sein Medium zukommen sieht: „Die jüngeren Leser, die in einem Nicht-Print-Haushalt aufwuchsen, befreunden sich weniger mit Zeitungen, weil sie dieses Ritual in der Früh schlicht nicht kennen. Natürlich gibt es das Internet, aber auch dort muss man die Zeitung erst einmal lesen wollen.”Eine weitere Problematik, wie in der gesamten Branche der Anzeigenmarkt, sei von der Entwicklung her schwierig einzuschätzen. Cuturi rechnet jedoch damit, dass Werber durch den seiner Meinung nach störenden Faktor von Werbung bei TV und Online sich wieder auf die Stärken von Print besinnen würden. „Werbung in Print hat ihre Stärken – und ist sie unerwünscht, so überblättert man sie einfach. Das kann der Konsument in anderen Medien nicht so einfach. Ich schließe daher nicht aus, dass Teile der Werbung zu den gedruckten Zeitungen zurückfinden oder bestehende Budgets intensiviert werden.”

„Markt wird sich bewegen”

Für die Oberösterreichischen Nachrichten sieht er die Zukunft positiv, weil man stark an den Leser und dessen in diesem Fall stabile Aboerlöse gebunden sei. „Ich fürchte mich nicht davor, dass die Zeitung in große Turbulenzen kommen könnte. Aber es wird schwieriger werden, die Ausgaben unter den Einnahmen zu halten. Die goldenen Zeiten sind vorbei, aber es können ja silberne folgen; das ist doch nicht das Schlechteste”, so der Herausgeber. Der Markt werde sich in den nächsten Jahren bewegen, aber es werde zu keinen dramatischen Bewegungen hin zu anderen Gattungen kommen. Die OÖN hätten es schon in der Vergangenheit nicht immer leicht gehabt; Cuturi verweist etwa auf Versuche anderer Verlage, in Oberösterreich Fuß zu fassen: „Der Wettbewerb wurde hier teilweise sehr heftig geführt”, spricht er Versuche der Konkurrenz über den Einstieg bei der OÖ Rundschau an, „aber die sind noch alle mit einer ziemlich blutigen Nase nach Hause gegangen.” Auch bei Versuchen von Gratistageszeitungen am oberösterreichischen Markt habe man sofort entgegnet und mit einem eigenen Produkt dagegengehalten.

Flaggschiff „OÖN” stärken

„Wir haben nie geschlafen”, verweist Cuturi auf zahlreiche Neugründungen bei den Wimmer Medien, deren Portfolio ja weit über die OÖN hinausgeht (siehe Infobox). So hat man beispielsweise Tips als regionale, wöchentlich erscheinende, Gratiszeitung positioniert und auch beim Aufbau von Digitalauftritten investiert. „Wir haben andere Einnahmequellen, die natürlich vorher Investments erfordern, aber langfristig gewinnbringend sind und so auch das Flaggschiff OÖN stärken.” Hier kündigt Cuturi auch eine stärkere Zusammenarbeit der Redaktionen an – „das leben wir bisher nur in Ansätzen”. 2017 wird man übrigens mitten in Linz ein neues Medienzentrum mit einem 1.000 Quadratmeter großen Newsroom eröffnen. Wo er durchaus Aufholbedarf in der gesamten Branche sieht, ist der intensivere Kontakt von regional verwurzelten Medien zu ihren Lesern. „Regionalzeitungen haben im Großen und Ganzen ein gutes Image beim Leser. Das nutzen Zeitungen überhaupt nicht, hier vergeben wir Chancen.” Zwar kooperiert man unter anderem mit der Autobranche beim ‚Autofrühling' oder initiiert ein Musikfestival, eine Zeitung müsse sich aber noch „viel breiter im Leben der Region einbringen und kann dafür auch entsprechende Kostenabdeckung verlangen”. Man werde die Vorteile eines Abos für den Leser noch stärker in den Vordergrund stellen, beispielsweise – wie es die OÖN tun – mit Gutscheinheften für die Gastronomie.

Leserbindung intensivieren

„Wir müssen noch viel mehr zum unersetzbaren Teil des Oberösterreichers werden – und da spreche ich nicht nur vom Beliefern mit Nachrichten.” Eben diese Information könnte man künftig neben der klassisch gedruckten Zeitung womöglich auch auf biegbaren E-Ink-Bildschirmen zum Leser bringen, schwebt Cuturi vor. „Gehen wir davon aus, dass jeder Leser solch ein Gerät besitzt: Als Zeitung würden wir dann weder Vertrieb noch Druckerei brauchen und könnten trotzdem im Prinzip das selbe Produkt liefern – allerdings mit bis zu 60% weniger Kosten für den Verlag. Dann hätten wird das Problem der Finanzierung bestens gelöst, wenn wir gleichzeitig unsere Leser und Anzeigenkunden halten.” Diese Zukunft wird – geht es nach Cuturi – wohl nicht mehr von ihm, sondern von seinen Kindern geprägt werden: „Ich mache das noch maximal vier Jahre. Dann bin ich 75 und entweder die Verkalkung sehr weit fortgeschritten sein oder die Lust an der Arbeit abnehmen”, avisiert Cuturi seinen Abschied mit einem Schmunzeln. Bereits seit zehn Jahren verantwortet sein Sohn den Vertrieb bzw. Abo- und Leserservice, ein weiterer Nachkomme steigt nach einem Abstecher beim Springer Verlag im Juni ein. Der dritte von fünf Söhnen agiert im Immobilien-Segment des Verlags, einer studiert noch, der fünfte scheint als Begünstigter im Medienhaus auf. Die beiden Erstgenannten sollen ihm künftig nachfolgen: „Ich sehe die beiden am Ruder mit geteilten Aufgaben”; gefordert habe er dieses Engagement aber nie, so Cuturi abschließend: „Der Sinn des Lebens ist es nicht, dem Papa oder sonst wem zu dienen, sondern möglichst zufrieden durch das Leben zu wandern. Dazu gehört maßgeblich auch die Wahl des Berufs.”

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