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Hersteller sind hochgradig erfolgreiche Märchenonkel
fritz weber 03.02.2015

Hersteller sind hochgradig erfolgreiche Märchenonkel

Gut vorgegaukelt Der Normalverbraucher zieht heile Welt-Schmus komplexem Hintergrundwissen über Agrarwirtschaft vor

Branche zu Aufklärungsarbeit aufgefordert, Hauptzielgruppe sollen die unter 39-Jährigen sein.

Wien. Udo Pollmer, wissenschaft-licher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in München, ist bekannt dafür, dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Diesem Ruf machte er einmal mehr alle Ehre, als er im Rahmen der Wintertagung des Ökosozialen Forums in Wien eine Rede hielt.

Mit einer gehörigen Portion Wut, einem ordentlichen Schuss Kritik, einer Prise Sarkasmus und vor allem enormem Hintergrundwissen ging er der Frage nach, ob wir wirklich wissen wollen, was wir essen. Seine einleitende Feststellung : Industrie und die Agrarwirtschaft produzieren in erster Linie eine heile Welt, voll mit gebauchpinselten Hühnern und handgestreichelten Möhren. Die Hersteller verstünden sich primär als geschichtenerzählende Märchenonkel, mit Protagonisten wie Landliebe, Alpenglück und wie sie alle heißen. Dabei sind sie hochgradig erfolgreich.

Die handgestreichelte Möhre

Denn wie kompliziert es mittlerweile wirklich zugeht im Anbau und der Herstellung von Nahrungsmitteln, das möchte der Verbraucher gar nicht wissen. Die Kühlschränke der Gentechnik-Gegner beispielsweise sind Pollmer zufolge längst zum Zentrum der Gentechnik geworden. In so gut wie jedem Lebensmittel steckt die Technologie, und wenn sie es nicht täte, dann würde der Konsument das meiste Essen gar nicht bekommen – und schon gar nicht zu dem gewohnten (niedrigen) Preis. Die Möhre in der Art, wie wir sie heute kennen, würde nicht existieren, hätten Gentechniker nicht dazu beigetragen, sie so resistent gegen Krankheitserreger und mit einem so geringen Gehalt an allergenen Proteinen zu züchten. Auch dass sie die so typische Farbe bewahrt, ist zu einem Großteil dieser Forschung zu verdanken. „Aber wer will das schon wissen?”, fragt Pollmer.

Optimal geschmacksneutral

Auch mit der Lebensmittel-ampel rechnet er ab, es sei denn man reagiere so darauf, wie es die Briten tun. Die würden nämlich nur mehr rot gelabelte Lebensmittel kaufen: „Von denen wissen sie, dass sie satt machen.” Der ganze Wahn rund um die richtige Ernährung könne ja auch beängstigende Ausmaße annehmen. Zum Beispiel beim Cordon Bleu: „Ich kann mir ein schönes Stück Kalbfleisch nehmen, dazu ein gutes Stück Schinken und ein ebenso gutes Stück Käse. Das Ganze lasse ich panieren und bin dabei bei einer tiefroten Ampelfarbe angelangt.” Ein „grünes” Pendant ist aber ebenso möglich: Man nehme ein mit Wasser vollgepumptes Stück Putenfleisch, eine mit Wasser vollgespritzte Scheibe Schummelschinken und eine Scheibe Analogkäse. Pollmer: „Dann bin ich bei den Kalorien und Fetten nicht drüber und habe auch noch jede Menge der empfohlenen Tageszufuhr an Wasser zu mir genommen. Mahlzeit!” Nicht zu reden von dem Gedöns rund um die saisonale Ernährung. „Der Ostblock hatte nur saisonales Essen. Irgendwann haben die Leute gesehen, dass die Produkte irgendwann auf der ganzen Welt Saison haben und haben sich gedacht: Das will ich auch haben.” Oder die Regionalität – in seinen Augen ein Rettungsanker für solche Produkte, die zu schlecht sind, um sich andernorts zu verkaufen. „Oder glauben Sie, dass Hersteller von Parmaschinken oder Schampus auf die Idee kämen, regionalen Konsum einzufordern?” Überhaupt sehe die Ökobilanz gewissermaßen bei jenen Konsumenten am miesesten aus, die von Geschäft zu Geschäft fahren und da das Fleisch, hüben das Brot und drüben das Gemüse kaufen. Am besten würde noch der Diskonter abschneiden, weil die Kunden dort gleich alles auf einmal mitnehmen würden.Ebenso hat er mit den Veganern ein Hühnchen zu rupfen: Gut 60% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche seien aufgrund der Beschaffenheit des Bodens ausschließlich für die Tierzucht verwendbar. Wenn plötzlich alle vegan werden würden, was sollten dann die Tierhalter machen, fragt er, und antwortet sich gleich selbst: „Die müssten wir alle mit Salat versorgen. Und die Veganer müssten sich bei den Fleischessern bedanken, weil sie die Fleischberge wegputzen.” Kritisch sieht er auch die Sache mit den Tierwohl-Labeln. „Die tragen zur Destabilisierung des Kunden im Laden bei, weil sie das schlechte Gewissen generell verstärken. Und bei einem Siegel weiß man ja nicht so richtig, was man eigentlich bekommt.”

Von Hühnern und Kindern

Weiters nicht zu vergessen: die Kinderarbeit. „Der moderne Konsument möchte, dass die Ware frei von Kinderarbeit produziert wird. Herzliche Grüße von der Bergbauernfamilie”, keift Pollmer. Dass der bolivianische Präsident Evo Morales gerade Regeln für „angemessene” Kinderarbeit aufgestellt hat, das wollen die europäischen Konsumenten wieder nicht wissen. „Sie wollen bloß, dass die Hühner fröhlich zum Metzger laufen.”Und wie sollte Pollmer zufolge diesem Problem der Unaufgeklärtheit in Sachen Ernährung entgegengearbeitet werden? „Für die Vermittlung solcher Kenntnisse sind heute nicht mehr die Lehrer zuständig”, entgegnet er. Daher sei es der jeweiligen Branche überlassen, die die Aufklärungsarbeit selber angehen müsse. Wobei die sich in erster Linie an Leute unter 39 Jahren richten solle, sprich nicht mehr über Printmedien erfolgen kann, sondern über die diversen digitalen Kanäle. Erst wenn diese Kommunikation geleistet ist und bestimmte Kenntnisse vermittelt sind, könne man solch wichtige Themen auf vernünftigem Niveau diskutieren.

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