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In der „Pfuscherbranche” rollt der steuerfreie Euro
05.02.2015

In der „Pfuscherbranche” rollt der steuerfreie Euro

Schattenwirtschaft Wachsende Arbeitslosigkeit und hohe Steuerbelastung lassen den „Pfusch” heuer weiter zunehmen

Die gute Nachricht: Auch der Pfusch belebt die Konjunktur – und im Vergleich zu Italien sind wir eh brav.

Wien. Auch Schattenwirtschaft ist Wirtschaft: Nach diesem Motto zählen selbst Geschäfte von Drogenhändlern, Prostitution und Zigarettenschmugglern zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Grund sind neue Vorgaben der EU bei der Berechnung des BIP, die in Österreich schon seit 2009 angewendet werden. Neben Schwarzarbeit, Geschäften ohne Rechnung, Trinkgeldern („Schattenwirtschaft”) wird auch Drogenhandel, Prostitution und Zigarettenschmuggel („illegale Produktion”) von der Statistik Austria geschätzt. Für das Jahr 2012 etwa betrug die Zuschätzung zum BIP für diese illegale Produktionstätigkeit rund 890 Mio. €, das waren ca. 0,3% des BIP; um 460 Mio. € erhöhte sich das BIP 2013. Für 2014 gibt es noch keine endgültigen Zahlen.

Fröhliche Urständ in Italien

Mit weniger konservativen Zahlen rechnet der Linzer Volkswirtschaftsprofessor und Schattenwirtschaftsexperte Friedrich Schneider: Wachsende Arbeitslosigkeit und konstant hohe Steuer- und Sozialabgabenlast werden den „Pfusch” in Österreich heuer weiter steigen lassen. Die Schattenwirtschaft dürfte 2015 das dritte Jahr in Folge zunehmen und auf 21,35 Mrd. € bzw. 8,14% des BIP klettern, nimmt Schneider an – und dies sei EU-weit der niedrigste Wert. Die italienische Schattenwirtschaft etwa generierte – laut offiziellen Zahlen des italienischen Statistikamts Istat von September 2014 – im Jahr 2011 einen Jahres-Umsatz von 187 Mrd. € oder 11,5% des BIP. Wenn man auch kriminelle Aktivitäten wie Drogenhandel, Pros-titution und Schmuggel dazurechnet, waren es stattliche 200 Mrd. € .Größter Verlierer beim Pfuschen sei der Staat, dem dadurch in Österreich Steuern und Sozialbeiträge in Höhe von 2 bis 3,5 Mrd. € pro Jahr entgehen, rechnet Schneider vor. Die Steuerverluste selbst würden sich in Grenzen halten, da das schwarz verdiente Geld sofort wieder im offiziellen Wirtschaftskreislauf ausgegeben werde. Weiterer Verlierer seien die Krankenversicherungen, die Kosten zusätzlicher Unfälle bzw. von Arbeitsunfähigkeit der Pfuscher tragen müssten.In der EU ist Österreich – in positiver Hinsicht – Schlusslicht beim Anteil der Schattenwirtschaft, gemessen am BIP. Ebenfalls einstellige Raten weisen nur noch Luxemburg, die Niederlande und Großbritannien auf. Jedoch ist Österreich eines von nur sechs EU-Ländern, in denen der Pfusch zunimmt – um 4,5% gegenüber dem Vorjahr, schätzt Schneider. Quantitativ am bedeutendsten ist die Schattenwirtschaft in Wien (5,88 Mrd. €) sowie in den großen Bundesländern Ober- und Nieder-österreich mit 3,57 bzw. 3,46 Mrd. €. Baugewerbe und Handwerksbetriebe (samt Reparaturen) halten in Österreich mit circa 39% naturgemäß den Löwenanteil beim Pfusch.

Beleglotterie als Ansporn?

Es sei Aufgabe der staatlichen Institutionen, sich mit allen Mitteln für eine verstärkte anreizorientierte Bekämpfung der Schwarzarbeit einzusetzen, so Schneider. Geschehen könne dies durch eine befristete Rückvergütung der Mehrwertsteuer bei arbeitsintensiven Dienstleistungen und die Einführung einer steuerlichen Absetzbarkeit von haushaltsnahen Dienstleistungen und Investitionen im Haushalt. Zudem sollten Firmen, die schwarz arbeiten oder arbeiten lassen, für drei bis fünf Jahre von öffentlichen Aufträgen gesperrt werden; und es sollten auch die Lohnnebenkosten sinken. Um Schattenwirtschaft und Steuerbetrug zu bekämpfen, empfahlen SPÖ-Experten im vergangenen Dezember im Zuge der Steuerreformverhandlungen eine Belegpflicht für alle Transaktionen. Durch eine „Beleglotterie” sollen die Konsumenten ermuntert werden, bei jedem Kauf eine Rechnung zu verlangen; organisatorisch läuft dies so ab, dass die Rechnungen der Finanz zugesandt werden und „Lose” in einer öffentlichen Ziehung darstellen. In der Slowakei, Kroatien und Portugal winken dabei etwa Autos oder Geldbeträge als Gewinne. Die ÖVP lehnte diese Vorschläge ab. (sb/APA)

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