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„Nicht alles am BIP festmachen”
29.01.2015

„Nicht alles am BIP festmachen”

Konjunktur Mittelfristig keine Rückkehr zu starkem Wachstum; niedrige Zinsen reichen nicht für eine Ausweitung der Investitionen aus

Ex-Wifo-Chef Helmut Kramer: „Neue Strategie, die über ökonomisch-technokratische Ziele hinausgeht.”

Wien. Die Erholung ist – wie so oft in den letzten Jahren – verschoben: 2016 soll das (reale) BIP-Wachstum wieder einen Einser vor dem Komma aufweisen – alle Angaben ohne Gewähr –, nach 0,4% im Jahr 2014 und 0,5% 2015. Im Detail: 2017 soll das BIP-Plus auf 1,4% steigen, 2018 auf 1,6% und 2019 auf 1,8%, so die Mittelfrist-Prognose des Wirtschaftsforschungsinstituts.

Die Lage am Arbeitsmarkt bleibt angespannt, die Arbeitslosigkeit werde bis 2017/18 steigen. „Das geringe Tempo der Erholung in Österreich geht in erster Linie auf eine schwache Exportdynamik zurück, bedingt durch das niedrige Wachstum bei den Haupthandelspartnern”, heißt es in einer Pressemitteilung am Mittwoch. Die niedrigen Zinsen reichen nicht für eine Ausweitung der Investitionen aus, die Investitionsbereitschaft der Unternehmen werde „gedämpft” bleiben. Auch Einkommen und Konsum bleiben „verhalten”.

Kaufkraft: Löhne stagnieren

Über fünf Jahre dürfte das verfügbare Einkommen („Kaufkraft”) der privaten Haushalte um jährlich 1,1% im Vergleich zum Durchschnitt der Periode 2010–2014 wachsen. Dabei, relativiert das Wifo, legen aber praktisch nur die Einkommen aus Vermögen und Transferleistungen zu, denn die Bruttoreallöhne pro Kopf dürften im Schnitt nur um 0,1% pro Jahr steigen. Für 2015 und 2016 erwartet das Wifo sogar eine Stagnation der Bruttoreallöhne.Die leichte Expansion der Wirtschaftsleistung ermögliche zwar eine Ausweitung der Beschäftigung um 0,8% im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019, bringe aber keine Entspannung am Arbeitsmarkt, weil mehr ausländische Arbeitskräfte sowie mehr Frauen Arbeit suchen und zugleich der Übertritt in die Pension erschwert wird. Damit könnte die Arbeitslosenquote 2017 und 2018 nach österreichischer Definition auf 9,4% und nach EU-Definition auf 5,4% steigen, um dann 2019 jeweils um 0,2 Prozentpunkte zurückzugehen. Für heuer prognostiziert das Wifo eine Arbeitslosenquote von 8,9%.„Ein ausgeglichener Staatshaushalt – sowohl nach der Definition von Maastricht als auch strukturell – kann durch das in der Prognose unterstellte Konjunkturszenario und die unterstellten wirtschaftspolitischen Maßnahmen – selbst ohne Steuerreform – nicht erreicht werden”, so das Wifo.

Kramer: andere Zielgrößen

Die EU insgesamt brauche eine Strategie 2030, forderte Ex-Wifo-Chef Helmut Kramer am Mittwoch in einem „Policy Brief” der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik. Die Strategie 2030 müsse über ökonomisch-technokratische Entwicklungsziele hinausgehen, denn die Krise sei Ausdruck eines viel tieferen Epochenwandels. „Es gibt gesellschaftliche Probleme, die sich nicht so leicht in wenigen quantitativen Zielgrößen fassen lassen”, sagte Kramer zur APA. Dinge, die Menschen stark bewegen, seien eben nicht, ob es ein BIP-Wachstum von 1,7 oder 2,2% gebe, sondern welche Möglichkeiten es für eine höhere Beschäftigungsquote gebe oder wie es zusammenpasse, dass man die Jugendarbeitslosigkeitsquote senken und gleichzeitig das Pensionsalter heraufsetzen möchte.

Kultur etc. einrechnen

Die BIP-Berechnung brauche man zwar weiter, aber man müsse sich klar sein, dass sie nicht alle Entwicklungen richtig weitergebe; Kramer fordert daher eine erweiterte Zielgröße mit den Komponenten Ökologie, Soziales und Kultur. (APA/red)

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