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„Originalität statt Gigantomanie”
Dinko Fejzuli 17.03.2015

„Originalität statt Gigantomanie”

23.5.2015 Alle Teilnehmer und Songs für den diesjährigen 60. Eurovision Song Contest stehen fest: Insgesamt rittern 40 Nationen um den Sieg

Im Talk: Edgar Böhm, Chef der ORF TV-Unterhaltungsabteilung, managt als oberster Verantwortlicher den ESC in Österreich.

Wien. Noch 63 Tage, dann findet mit dem Song Contest einer der größten TV-Events dieses Planeten statt.

medianet bat Edgar Böhm, den obersten ESC-Verantwortlichen, zum Interview: Sein Fazit: „Wir wollen nicht mit Gigantomanie, sondern mit Originalität und Einzigartigkeit punkten.”

medianet: Herr Böhm, als klar war, Österreich hat den ESC gewonnen, und der ORF ist 2015 Host-Broadcaster: Überwog die Siegesfreude oder eher der Schock über die Herkulesaufgabe, die nun auf Sie und Ihr Team zukam?Edgar Böhm: An diesem Abend haben wir uns riesig gefreut, schließlich hatte Österreich ja über Jahre erfolglos teilgenommen. Somit war der ESC hierzulande auch in den Hintergrund getreten. Der Gewinn war dann wie eine Art Wiedergutmachung für all die Misserfolge der letzten Jahre. Wir haben uns riesig gefreut, aber auch gewusst, dass viel Arbeit auf uns zu kommt.medianet: Der ESC wird von einem sehr großen Team organisiert. Wie sehen die Strukturen aus?Böhm: Es wurde sehr rasch ein Core-Team gegründet. Hierfür wurden etliche Mitarbeiter quasi aus dem ORF herausgelöst und hier zu einem neuen Team formiert. Bei laufendem Betrieb ist das natürlich nicht leicht, und es hat die Unterstützung der Geschäftsführung gebraucht, dieses Team innerhalb von vier bis sechs Wochen entstehen zu lassen. Mittlerweile sitzen hier 60 Personen und beschäftigen sich mit den Bereichen Technik, Produktion, Finanzen, Kreativ (Showentwicklung), Bühnenbild, Presse, Event, Security, Ticketing sowie Marketing. medianet: Gab es für den ESC ein Sonderbudget?Böhm: Klar ist, dass der ESC nicht aus dem normalen Budget des ORF finanzierbar ist. Tatsache war schon immer, dass der ORF 15 Millionen Euro aus seinem Budget stellt; weitere zehn Millionen werden durch Einnahmen wie dem Ticketverkauf generiert, außerdem haben wir Sponsoren, es gibt Teilnahmegebühren, und die Stadt Wien nimmt als Kooperationspartner viel Geld in die Hand.medianet: Aber auch Unternehmen können für den Event eine Lounge buchen …Böhm: … beim ESC handelt es sich um ein einmaliges Erlebnis, an dem die Menschen teilhaben wollen. Somit entsteht eine ideale Situation für Unternehmen, die besten Kunden und Mitarbeiter einzuladen und zu betreuen. Die Kooperationspartner haben dadurch die Möglichkeit, gemeinsam mit ihren Mitarbeitern und Kunden etwas Einzigartiges und Teamförderndes zu erleben. In Zusammenarbeit mit dem Vermarkter MTVI GmbH, www.mtvi.at, bieten wir VIP-Ticket-Pakete für die Jury- und Family-Shows, mit Plätzen in der besten Kategorie, aber auch Fast-Lane, Sektempfang und Catering.medianet: Wird es beim österreichischen ESC Neuerungen oder Aktionen geben, die es so noch nie zu sehen gab?Böhm: Im Vergleich mit den letzten 15 Contests wird es viele Dinge geben, die es in Österreich erstmalig gibt. Beispielsweise darf das Nicht-EBU-Mitglied Australien teilnehmen. Es gab dagegen einige Widerstände, aber wir haben gesagt: ‚Wenn wir eine 60 Jahre-Geburtstagsfeier veranstalten, dann können wir auch einladen, wen wir wollen.'

Eines ist mir wichtig: Wir wollen nicht durch eine Gigantomanie punkten, sondern mit Originalität und Einzigartigkeit. Das Bühnenbild etwa wird den Menschen sicher im Gedächtnis bleiben. Es wird eine neue Bildsprache gegeben, und es wird vieles geben, was es so im Fernsehen noch nie gegeben hat. Das Motto ‚Building Bridges' soll deutlich werden und als Grundhaltung hervorgehoben werden. Am Eurovision Village am Rathausplatz haben alle 40 Länder die Gelegenheit, sich zu präsentieren – das hat es bisher in dieser Form noch nicht gegeben.

medianet: Im Gegensatz zu anderen Ländern stellen Sie auch die Shows vor den eigentlichen drei Final-Shows in den Vordergrund. Von denen wussten viele bisher gar nicht, dass es sie überhaupt gibt ...Böhm: Sie wurden weniger präsentiert und viele waren bisher gar nicht ausverkauft. Allerdings sind bei diesen Durchläufen der Show alle Moderatoren, Künstler und Mitarbeiter da. Alle sind im Kos-tüm, und die Bühne ist offen, wieso sollte man das nicht zugänglich machen? Wenn wir aber zehn Mal spielen, erleben 100.000 Personen das einmalige ESC-Gefühl.medianet: Es gab eine große Diskussion bezüglich der Location. Was hat am Ende für Wien den Ausschlag gegeben?Böhm: Die Wiener Stadthalle ist die Halle mit der größten Kapazität in ganz Österreich. Etwas zu bauen, was in einem Jahr gebraucht wird, wäre zu waghalsig gewesen. Wir haben uns auch für Wien entschieden, weil Wien als Hauptstadt die beste Verkehrsanbindung und eine optimale Infrastruktur bietet – und nicht zuletzt ist Wien die traditionsreiche Welthauptstadt der Musik im Herzen Europas und deshalb die perfekte Location für diesen Musikevent.medianet: Wie wird sich Öster-reich bei der Liveübertragung zwischen den einzelnen Songs präsentieren?Böhm: Mit unseren Showacts werden wir zeigen, dass wir ein offenes, aufgeschlossenes Land sind, dennoch achten wir dabei auf unsere Wurzeln. Bei unseren TV-Postcards werden wir schöne Bilder in Kombination mit den Kandidaten verwenden. Es wird keinen plumpen Werbeblock geben, sondern immer eine inhaltliche Verknüpfung zu sehen sein.

medianet: Alice Tumler und Mirjam Weichselbraun vom ORF und Arabella Kiesbauer, die eigentlich für ATV tätig ist, werden den ESC moderieren. Wie kam es zu dieser Entscheidung für diese doch etwas überraschende Kombination?Böhm: Das Ereignis sprengt die Grenzen zwischen Privat-TV und ORF. Und man darf auch nicht vergessen: Die wenigsten Moderatoren im Unterhaltungsbereich sind exklusiv für einen Sender tätig. Mit den drei Frauen haben wir gestandene Moderatorinnen, die alle Karriere machen, gut ausgebildet sind und schon große Erfolge feiern konnten. Außerdem decken sie insgesamt acht Sprachen ab. medianet: War es schwer, drei Moderatorinnen für diesen Event zu finden, die diese Aufgabe auch wirklich bewältigen können?Böhm: Der Event ist ein Marathon, aber auch der größte Showroom, in dem ein Moderator auftreten kann. Bei dieser Anfrage kann man also nur ja sagen. Alle drei haben die Anfrage als eine wahnsinnig tolle Herausforderung, Chance und Ehre verstanden. Es ist für uns alle eine Ehre, denn wir wissen, dass es hier nicht nur um die Show geht, sondern auch um die Repräsentation unseres Landes.medianet: Apropos Ehre. Es werden auch sehr viele freiwillige Helfer beim Event mitarbeiten. Gab es einen großen Andrang?Böhm: Noch in der Nacht, als wir in Kopenhagen in der ersten Pressekonferenz saßen, bekam ich die ersten Mails mit einer Anfrage. Der Event hat eine unglaubliche Wirkung. Über 1.500 Menschen wollten hier dabei sein, davon konnten wir rund 800 bei einem Casting dann auch tatsächlich auswählen. medianet: Auch für Journalisten wird es spezielle Programme geben. Wie viele Journalisten werden nach Österreich kommen und wie sieht deren Betreuung aus?Böhm: Es werden rund 1.700 Medienvertreter nach Wien kommen. Das ist eine unglaubliche Zahl. Für die Betreuung haben wir mit WienTourismus zusammengearbeitet, es gibt Side Event-Veranstaltungen über zwei Wochen hinweg. Die Journalisten erhalten einen Vienna-Pass, mit dem sie Ausstellungen und Museen besuchen und an Ausflügen teilnehmen können.medianet: Eine weitere Besonderheit ist, dass der ESC als ‚Green Event' über die Bühne geht. Wie sieht es mit der generellen Nachhaltigkeit eines solchen Mega-Events aus?Böhm: Auch um dieses Thema werden wir uns kümmern. So wird es genau dazu sogar eine begleitende wissenschaftliche Untersuchung geben. Die Veranstaltung wird umweltbewusst und erstmalig als Green Event ausgetragen; auch das Motto ‚Building Bridges' wird nachwirken, aber inwieweit das den Zeitgeist verändert, können wir nicht abschätzen. Es ist derzeit noch ein singulärer Event; was davon bleibt, werden wir danach erfahren.medianet: Wie schätzen Sie die Stimmung im Land für den ESC ein? So ein Großevent hat nicht nur Freunde.Böhm: Alle freuen sich darauf, bisher sind wir nur auf Zustimmung gestoßen.medianet: Wann geht es für Sie und Ihr Team in die absolut heiße Phase?Böhm: Ernst wird es, wenn die Umsetzung des ESC am 7. April ins Physische geht, mit dem Einzug in die Stadthalle. Dann beginnt die logistische Herausforderung mit dem Aufbau und der Belegung. Die heißeste Phase wird im Mai stattfinden, in den zwei Wochen, in denen mit den Künstlern und den Delegationen gearbeitet wird.medianet: Apropos ‚heiß'. Wie sieht es um das Thema Sicherheit aus?Böhm: Dieses steht auf der Prioritätenliste ganz oben. Wir stehen von Anfang an mit der Polizei und dem Innenministerium in Kontakt und haben eine professionelle Zusammenarbeit mit den besten Firmen und Kräften. Ab der Probezeit wird in der Stadthalle Flughafensicherheit herrschen, und mit der ersten Show wird diese weiter erhöht. Es wird zwar aufwendig und teuer, das ist aber absolut notwendig, wenn wir wollen, dass es ein Fest des Friedens ist.medianet: Gibt es etwas, was Sie nicht ruhig schlafen lässt in Bezug auf den ESC?Böhm: Ich habe nur vor dem Angst, was wir nicht beeinflussen können. Gerade bei dem Thema Sicherheit können wir alles tun, aber jeder, der etwas mit dem Thema Security zu tun hat, wird sagen, dass eine 100%-Sicherheit nie garantiert werden kann. Vor technischen Problemen habe ich keine Angst, zur Not gibt es ein Backup. Wenn aber jemand irgendwo durchdreht, gibt es kein Backup. songcontest.orf.at

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