primenews
Streaming-Dienste drängen ins klassische TV-Geschäft
20.01.2015

Streaming-Dienste drängen ins klassische TV-Geschäft

Netflix & Co Eine Prognos-Studie beleuchtet die Entwicklung des Fernsehmarkts in Österreich, Deutschland und der Schweiz

Es wird nicht so heiß gegessen wie gekocht: Branchenexperten relativieren die Folgen des Markteintritts der „Neuen”.

Wien/Freiburg. Streaming-Dienste, so heißt es, bedrohen das traditionelle Film- und Fernsehgeschäft. Sogar bei den Golden Globes räumten jetzt mit Amazon und Netflix zwei Streaming-Anbieter Preise ab: Amazon („Amazon Prime”) mit der Online-Serie „Transparent” und Hauptdarsteller Jeffrey Tambor – und Netflix mit Kevin Spacey in „House of Cards”.

Im Video-on-Demand-Markt hat sich seit dem Netflix-Start im Herbst in Österreich einiges getan. Neben dem ORF – der sich an der Video-Plattform Flimmit beteiligt hat – haben auch andere Anbieter längst ihre Aktivitäten erhöht. Eine aktuelle Studie von Prognos (mediareports Fernsehen 2018/„Zukunftsperspektive oder Utopie?”) setzte sich jetzt mit dem Wandel des Fernsehsystems „vor dem Hintergrund unverändert schlechter Rahmenbedingungen” auseinander: Die Altersgruppen der 14- bis 29-Jährigen und der 14- bis 49-Jährigen, so heißt es in der Studie, schrumpfen bis 2018 zahlenmäßig sowohl in Öster-reich als auch in Deutschland und der Schweiz – „etwas weniger in der Schweiz, durchaus spürbar in Österreich und stark wie schon bisher in Deutschland”. Erschwerend komme in allen drei Ländern die nach wie vor unsichere Wirtschaftslage hinzu. Die Werbe-märkte in allen drei Ländern stagnierten.

„Eingetrübte Aussichten”

„Wenn”, so die Studienautoren, „in einem zukünftigen, IP-basierten Fernsehsystem alle Abruf- und Nutzungsvorgänge einzeln erfasst werden können, wird zudem die herkömmliche Nutzungsmessung in Fernsehpanels immer mehr an Aussagekraft verlieren”. Dies gefährde „ohne Gegenmaßnahmen mittel- und langfristig die Geschäftsgrundlage des herkömmlichen Fernsehens”.Die weitere Entwicklung des Fernsehens werde in den nächsten Jahren deshalb zunehmend zu einer Gratwanderung werden. Der Trend zur nicht-linearen Fernsehnutzung und zum personalisierten Programm sei „unaufhaltsam”, bei eingetrübten Aussichten für das angestammte Geschäft. Den etablierten Fernsehstationen drohe dabei „ein ähnlicher Bedeutungsverlust wie der Musikindustrie”. Wie schätzen das die Branchenexperten ein? Wir haben nachgefragt: Walter Zinggl, Geschäftsführer der RTL-Vermarktungstochter IP Österreich, relativiert die Studienergebnisse: Bei allen Betrachtungen über in den USA erfolgreiche Geschäftsmodelle und deren Eintritt in andere Märkte außerhalb der USA gelte es vorerst, die Situation für den durchschnittlichen TV-Konsumenten zu vergleichen: „Wer immer jemals in den USA ‚free to air'-TV gesehen hat, versteht, warum in diesem Markt Kabelnetzwerke wie HBO oder Video-Streaming-Dienste wie Netflix erfolgreich sind.” In den meisten europäischen Ländern stelle sich die Situation „gänzlich anders dar” – „Auch wenn immer wieder Polemik betrieben werden kann – oder auch soll –, ist die Qualität der frei empfangbaren Sender (in der überwiegenden Zahl werbefinanziert) um Lichtjahre besser als in den USA. Ohne Platitüden zitieren zu wollen: Content is King – und der Konsument entscheidet mit der Fernbedienung.” Zusätzlich böten zwischenzeitlich fast alle Free-TV-Sender Online-Abrufplattformen an. Zinggl: „Wie auch in der Prognos-Studie dargelegt, können Netflix und ähnliche Anbieter vor allem Mitbewerber für Pay-TV-Sender werden – mit der Betonung auf werden, aber auch hier ist der Weg ein langer. Eine Alternative zum linearen Free-TV werden Video-Streaming-Dienste im Sinne eines ‚Massenmediums' nie sein – und aus Sicht der werbetreibenden Wirtschaft ist das auch gut so.” Zinggl abschließend: „Wir begrüßen Netflix gern als Werbekunden und freuen uns über die eingesetzten Budgets.”

„TV ist der Treiber”

Auch ATV-Chef Martin Gastinger zeigt sich „überzeugt davon, dass der TV-Sektor seinen hohen Kurs halten wird”. Für ATV sei Internet „keine Bedrohung, sondern ein weiterer Verbreitungsweg für Content und gleichzeitig ein weiterer vermarktbarer Kanal”: „Außerdem benötigen auch die globalen Player nationalen Content, um die Seher mit lokalen Formaten zu unterhalten. Somit ergeben sich auch mit den neuen Anbietern im Markt Allianzen.” Die ATV.at-Mediathek laufe „hervorragend”.„Die Video-on-Demand-Nutzung findet on-Top zur TV-Nutzung statt”, präzisiert Puls 4- und ProSiebenSat.1 Österreich-Chef Markus Breitenecker. „Wir sehen im VoD-Markt die ideale Ergänzung zu TV. Die TV-Nutzungsdauer ist trotz digitaler Angebote nach wie vor auf sehr hohem Niveau. Das klassische TV ist dabei der Treiber, Millionen Menschen lernen über diesen Kanal TV-Serien ja erst kennen. In der Online-Videothek haben sie dann die Möglichkeit, verpasste Folgen nachzuholen oder auch die komplette Staffel.” Zudem sei „die ProSiebenSat.1 Puls 4-Gruppe längst schon kein klassisches TV-Haus mehr”. Man sei „mittlerweile mit maxdome.at und MyVideo.at sehr gut aufgestellt”. (sb/fej)

Bewerten Sie diesen Artikel

Teilen Sie diesen Artikel

Ihr Kommentar zum Thema