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„Vieles unter dem Label ist überzüchteter Unsinn”
britta biron 06.03.2015

„Vieles unter dem Label ist überzüchteter Unsinn”

Industrie 4.0 Der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx teilt die Begeisterung für das Trendthema nicht ganz

Kritik an Smart Factory und Internet der Dinge kommt aber auch aus den Reihen der Industrie.

Wien. Große Zukunftsthemen wie Industrie 4.0, Smart Security und das Internet der Dinge beschäftigen klarerweise auch den bekannten Zukunftsforscher Matthias Horx. Allerdings ist er überzeugt, dass sich hinter den vielzitierten Schlagworten auch viel heiße Luft und weniger echtes Vordenken verbirgt.

„Wir müssen Smart Tech – im Sinne der Menschen – neu definieren, weil vieles, was uns unter diesem Label angeboten wird, überzüchteter Unsinn ist, Spielzeug, das man schon morgen in den Keller räumt”, stellte er anlässlich seines gestrigen Vortrags „Die Macht der Megatrends und die Zukunft von Sicherheit und Qualität” im Palais Eschenbach, zu dem TÜV Austria und der Österreichische Gewerbeverein geladen hatten, provokant in den Raum. „Wir werden das Internet der Dinge nicht einfach so entwickeln können, dass wir jedes Bügeleisen mit der Waschmaschine und dem Auto verbinden.” Es seien vor allem auch – wie bei Organismen – adaptive Immunsysteme und eine hohe Flexibilität erforderlich. Kritik kommt im Zusammenhang mit Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge aber auch vonseiten der Industrie selbst, wie der Vision Talk des Hasso-Plattner-Instituts Mitte Februar zeigte.

Wichtige Knackpunkte

So bemängelt etwa Franz Gruber, Chef des IT- und Beratungshauses Forcam, dass es nach wie vor keinen einheitlichen Stecker gibt, mit dem Maschinen ganz einfach kommunizieren können. Denn eines der Kernthemen von Industrie 4.0 sei die Interoperabilität von Anlagen. Gruber: „Wir müssen es schaffen, heterogene Steuerungen IT-technisch zu vernetzen”, forderte er. „Die Amerikaner haben bereits Führungsarbeit geleistet und mit der Schnittstelle MTConnect einen Standard entwickelt, um das babylonische Sprachgewirr von Steuerungen zu überbrücken.”

USA auf Überholspur

Nach Meinung von Heinrich Munz von Kuka Roboter sowie stellvertretender Vorsitzender der ARGE 2 bei der „Plattform Industrie 4.0” sei allerdings nicht die technische Seite, sondern viel mehr die Bürokratie schuld, wenn Europa von den USA überholt wird: „Wir haben diesen Standard intern definiert. Aber wir dürfen dazu nichts sagen. Das Verbandsrecht in Deutschland verbietet es, dass Empfehlungen abgegeben werden.” Die Herausforderungen am Weg zur vernetzten Zukunft waren kürzlich auch Thema der Internationale Branchenkonferenz ConnectedWorld 2015, veranstaltet von Bosch, an der gut 800 Experten teilnahmen.

Mehr finanzielle Mittel

„Die deutsche Industrie ist nach wie vor technisch innovativ. Um im Internet der Dinge zu bestehen, muss sie aber auch neue, innovative Geschäftsmodelle schaffen”, so Bosch-Chef Volkmar Denner. Hilfreich wären dafür stärkere Kooperation klassischer Industrieunternehmen mit Internet-Start-ups. Diese wiederum bräuchten, um ihre Idee zur Marktreife zu bringen und eine relevante Marktgröße zu erreichen, mehr finanzielle Unterstützung. „Europa braucht endlich eine funktionierende und an Finanzmitteln reiche Venture Capital-Szene”, fordert Denner. Ohne gesicherte Investitionen könnten deutsche oder europäische Start-ups nie so erfolgreich und groß werden wie die US-amerikanische Konkurrenz”, so Denner. Mit der arbeitet der deutsche Konzern aber indirekt zusammen: Bosch hatte Anfang Februar bekannt gegeben, am ersten aus Europa betriebenen Projekt des International Industry Consortiums (IIC), einer von den US-Unternehmen Cisco und General Electric sowie ausländischen Partnern wie Hitachi und Huawei initierten Industrie 4.0-Kooperation, mitzuarbeiten. www.tuv.atwww.bosch.de

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