AUTOMOTIVE BUSINESS
„Das Mobilitätsverhalten wird sich ändern …” © APA/Barbara Gindl
© APA/Barbara Gindl

Redaktion 03.04.2020

„Das Mobilitätsverhalten wird sich ändern …”

medianet-Talk: VCÖ-Sprecher Christian Gratzer über mittel- bis langfristige Auswirkungen der Coronakrise.

••• Von Jürgen Zacharias

Keine täglichen Fahrten zur Arbeit, weniger Flüge, öffentliche Verkehrsmittel im Wochenend-Takt: Die Coronakrise wirkt sich auch auf unser Mobilitätsverhalten aus. Aber inwiefern wird die Krise auch mittel- bis langfristig Spuren in unserer alltäglichen Mobilität hinterlassen, wenn die geltenden Ausgangs- und Reisebeschränkungen wieder aufgehoben sind? Könnten sich die langfristigen Folgen der Coronakrise sogar positiv auf den Klimaschutz auswirken? Ein Gespräch mit Christian Gratzer, Sprecher des „VCÖ – Mobilität mit Zukunft”.


medianet:
Herr Gratzer, abgesehen von den Grenzen gab es in Österreich zuletzt kaum Staus; das Verkehrsaufkommen wurde spürbar geringer, auf früher viel befahrenen Straßen kommt nun oft minutenlang kein Fahrzeug mehr vorbei. Daran könnten sich viele vom Verkehr geplagte Österreicher durchaus gewöhnen …
Christian Gratzer: Definitiv, wobei die Entwicklungen, die dazu geführt haben, natürlich mehr als unerfreulich sind. Ziel muss es sein, unsere Mobilität auch dann, wenn die Krise wieder vorbei ist und die Wirtschaft wieder auf vollen Touren läuft, so zu organisieren, dass sie leiser, umweltfreundlicher und reduzierter erfolgt als zuletzt. Dahingehend kann die Krise aber in jedem Fall einen Beitrag leisten.

medianet:
Inwiefern?
Gratzer: Viele Unternehmen und Beschäftigte dürften nun er­kennen, dass ihre früheren Bedenken gegenüber Homeoffice und Videokonferenzen unbegründet waren. Natürlich, es läuft noch nicht alles perfekt, es gibt in vielen Bereichen Verbesserungspotenzial, aber unter dem Strich funktioniert der Arbeitsalltag trotzdem ganz gut und das könnte da oder dort schon einen Umdenkprozess auslösen.

medianet:
Sie meinen, Unternehmen und Beschäftigte machen aus der Not eine Tugend und setzen in Zukunft vermehrt auf Homeoffice und Videokonferenzen?
Gratzer: Es ist illusorisch, zu glauben, dass wir in Zukunft alle von zu Hause arbeiten werden und Besprechungen plötzlich nur noch digital erfolgen. Aber sowohl Betriebe als auch Beschäftigte bauen in diesen Bereichen gerade viel Kompetenzen und Erfahrungen auf, die sie zum Teil sicher auch in Zukunft nutzen werden. Wenn einige infolgedessen einen Tag die Woche weniger ins Büro fahren oder Besprechungen von zu Hause aus erledigen, könnte das den Verkehr gerade in Stoßzeiten deutlich entlasten.

medianet:
Ist nicht auch – frei nach dem Motto, ‚Wenn ich schon ins Büro muss, dann besser mit dem eigenen Auto, als unterwegs in Zug oder Bus von Mitreisenden mit irgendeiner Krankheit angesteckt zu werden' – ein Zuwachs des Autoverkehrs denkbar?
Gratzer: Das ist ein Punkt, den es sicher zu beachten gilt. Der öffentliche Verkehr wird sich sehr anstrengen müssen, um nach Corona alle Fahrgäste zurückzugewinnen. Allerdings werden wir die Klimaziele nicht erreichen, wenn plötzlich jeder mit dem Auto zur Arbeit fährt. Wir sollten uns daher möglichst schon jetzt Lösungsansätze für diese Problematik überlegen.

medianet:
Wie könnten diese aussehen?
Gratzer: Man könnte beispielsweise Anreize schaffen, um mehr Leute vom Auto zum Radfahren zu bringen. Mehr als 50 Prozent unserer Alltagswege betreffen Distanzen unter fünf Kilometer, und mit Elektrofahrrädern sind auch Distanzen von zehn bis 15 Kilometer kein Problem, das Verlagerungspotenzial ist enorm. Bei der dafür notwendigen Infrastruktur gibt es aktuell noch großen Nachholbedarf, aber genau diesen könnte man mit den nun notwendigen staatlichen Investitionen in die Wirtschaft beginnen aufzuarbeiten.

medianet:
Sie meinen in Form von Infrastrukturprojekten?
Gratzer: Es wäre wichtig, Investitionen zum Ankurbeln der Wirtschaft so zu setzen, dass sie einerseits Arbeitsplätze sichern, andererseits aber auch einen Beitrag zur Lösung der Klimakrise leisten. Da kann der Ausbau der Radinfrastruktur oder der Fußgängerinfrastruktur in Städten ebenso wie Investitionen im Energiebereich und in die Digitalinfrastruktur viel bewirken. Untersuchungen zeigen, dass solche lokal gesetzten Investitionen vor allem kleinen Baufirmen helfen und mehr Arbeitsplätze schaffen, als würde man das gleiche Geld beispielsweise in den Ausbau einer Autobahn stecken.

medianet: Wird sich die Corona-krise auch auf die ­Reisemobilität auswirken?
Gratzer: Das ist schwer zu prognostizieren, weil aktuell niemand weiß, wann die Krise zu Ende sein wird und welche Beschränkungen es darüber hinaus in Österreich und in anderen Ländern geben wird. Zumindest für diesen Sommer ist aber ein deutlich reduziertes Reiseaufkommen zu erwarten, und wir rechnen damit, dass die Folgen auch in den kommenden Jahren spürbar sein werden.

medianet:
Spürbar werden die Folgen wohl auch im Transport- und Güterverkehr sein, oder?
Gratzer: Die aktuelle Krise hatte in China ihren Ausgangspunkt und hat vielen Unternehmen sehr anschaulich vor Augen geführt, wie anfällig ihre Lieferketten in den vergangenen Jahren geworden sind. Es wird daher nun sicherlich nun Bemühungen zur Stärkung der regionalen Versorgung und Wirtschaft geben und das wiederum wird die Transportwege verkürzen und sich auf den zuletzt immer weiter anschwellenden Warenfluss von China in alle Welt auswirken. Als Folge davon würden auch weniger Produkte in die zuletzt in Südeuropa teils massiv ausgebauten Häfen kommen, was in weiterer Folge positive Auswirkungen auf den Süd-Nord-Warentransit durch Österreich hätte.

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL