AUTOMOTIVE BUSINESS
Die Coronakrise bremst den Automobilmarkt aus © APA/dpa/Mohssen Assanimoghaddam
© APA/dpa/Mohssen Assanimoghaddam

Redaktion 19.06.2020

Die Coronakrise bremst den Automobilmarkt aus

Covid-19 lässt den Pkw-Absatz global einbrechen und dürfte viele Hersteller in gefährliche Schieflage bringen.

••• Von Jürgen Zacharias

Geschlossene Autohäuser, stillstehende Fabriken und Absatzeinbrüche rund um den Globus: Die Corona-Pandemie hat die Autoindustrie in eine Krise gefahren, von der sie sich wohl lange nicht erholen wird.

Aktuelle Zahlen der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY zeigen bereits im ersten Quartal des laufenden Jahres rückläufige Ergebnisse und lassen für das zweite Quartal noch stärkere Einbußen vermuten – Hoffnung kommt aber ausgerechnet aus China.

Branche in den roten Zahlen

Der Gesamtgewinn der 17 größten Autokonzerne der Welt schrumpfte den EY-Zahlen zufolge im ersten Quartal um 58% auf 7,5 Mrd. € und damit auf den niedrigsten Stand seit 2008/2009, den Jahren der Finanzkrise. Der Umsatz ging um neun Prozent zurück, die Zahl der verkauften Neuwagen sank sogar um 21%.

Laut Gerhard Schwartz, Leiter des Bereichs Industrial Products bei EY Österreich, zeigen diese Rückgänge aber längst noch nicht das gesamte Ausmaß der Krise: „Im ersten Quartal haben wir nur die anfänglichen Auswirkungen der weltweiten Covid-19-Pandemie gesehen. Das zweite Quartal wird noch sehr viel schlechter ausfallen. Dann rutscht die Autoindustrie weltweit tief in die roten Zahlen.”
Vier Unternehmen wiesen demnach schon zum Jahresauftakt ein negatives operatives Ergebnis aus, im zweiten Quartal wird nach Einschätzung von Schwartz sogar die Mehrzahl der Konzerne Verluste machen. „Gerade Unternehmen, die vor allem auf dem europäischen Markt engagiert sind, wird es im zweiten Quartal hart treffen, denn hier war der Absturz besonders massiv.”
Nachdem der Markt in China im ersten Quartal mit 38% stärker eingebrochen war als jener in Europa (minus 28%) und den USA (minus 15%), ist China mittlerweile auf Erholungskurs: Die Autoverkäufe legten dort im April um 4,4 Prozent und im Mai sogar um 14,5% zu, während in Europa im April ein historisches Minus von 76% eingefahren wurde.

Zuwächse im Reich der Mitte

Diese Entwicklung sei zwar insbesondere für die deutschen Hersteller, die in China mittlerweile mehr als jedes dritte Auto aus ihrer Produktion absetzen, positiv. Für Gerhard Schwartz ändert das aber nichts am insgesamt tristen Ausblick für die Branche, der seine Ursachen auch schon in der Vor-Corona-Zeit habe: „Bereits im vergangenen Jahr waren die Gewinne der Autokonzerne deutlich zurückgegangen – insgesamt um 13 Prozent. Die Profitabilität sank damit auf den niedrigsten Stand seit 2009.”

„Die Margen waren schon vor der Coronakrise wegen hohen Investitionen in die Elektrifizierung und Digitalisierung, Handelsstreitigkeiten und eine schwache Konjunkturentwicklung stark unter Druck”, so Schwartz weiter.
Nun steht der Branche eine lange Durststrecke bevor. Denn die massiven konjunkturellen Folgen der weltweiten Eindämmungsmaßnahmen führen zu steigenden Arbeitslosenzahlen, Unternehmensinsolvenzen, Sparmaßnahmen bei Unternehmen und Einkommensverlusten bei Privatleuten.

Viele Arbeitsplätze gefährdet

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht die Autoindus­trie in Deutschland folgedessen bereits „von der Kurzarbeit in eine Entlassungswelle steuern”.

Von Jänner bis Ende Mai seien in den deutschen Werken nur noch knapp 1,2 Mio. Autos gebaut worden – um 44% weniger als im Vergleich zum Vorjahr. „Die Krise wird damit alleine in Deutschland gut 100.000 Arbeitsplätze in der Automobil- und Zulieferindustrie kosten”, so der Professor weiter.
Für Gerhard Schwartz sind folgedessen auch Werksschließungen unumgänglich: „Die Autoindustrie litt schon vor Corona unter hohen Überkapazitäten – spätestens jetzt gibt es keinen Grund mehr, Kapazitäten vorzuhalten, die auf absehbare Zeit nicht gebraucht werden und massiv die Margen belasten.”
Auch darüber hinaus stellen die Hersteller laut dem Experten nun alles auf den Prüfstand: „Investitionen, die nicht unbedingt nötig sind, werden verschoben. Und die Konsolidierung beschleunigt sich – diese Krise werden nicht alle Autohersteller überleben.”
Die übrigen Konzerne würden näher zusammenrücken und sehr viel enger zusammenarbeiten als bisher.

Großes Finanzpolster hilft nun

Immerhin: Bei der Bewältigung der Krise können die Autokonzerne auf ein großes Finanzpolster zurückgreifen: Zum Ende des ersten Quartals verfügten die größten Autokonzerne der Welt EY-Zahlen zufolge über liquide Mittel in Höhe von 207 Mrd. € – 13 Prozent mehr als drei Monate zuvor. Ob das aber reicht, um die aktuelle Absatzflaute zu überstehen?

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