AUTOMOTIVE BUSINESS
Die Coronakrise schlägt auf den Automarkt durch © APA/dpa/Mohssen Assanimoghaddam
© APA/dpa/Mohssen Assanimoghaddam

Redaktion 24.04.2020

Die Coronakrise schlägt auf den Automarkt durch

Als Folge der Pandemie brechen die Neuzulassungen weltweit massiv ein – weitere Rückgänge drohen.

••• Von Jürgen Zacharias

Versperrte ­Geschäfte, leere Schauräume und kaum Umsätze – keine Frage, die vergangenen Wochen bedeuteten für die globale Automobilbranche eine Zäsur, von der sie sich vermutlich jahrelang nicht erholen wird und die jetzt für viele Marktteilnehmer zu einem Überlebenskampf zu werden droht. Während sich in China, wo die Corona-Pandemie ihren Ursprung hat, nach einem massiven Rückgang der Verkäufe zu Jahresbeginn (minus 80% im Februar!) inzwischen eine Erholung abzeichnet und die Neuzulassungen im März „nur mehr” um 48% zurückgingen, geht die Talfahrt in Europa und den USA jetzt erst richtig los.

EU-weite Unterschiede

Aktuellen Zahlen aus Washington zufolge musste der US-Markt im März Einbußen von 38% hinnehmen, in den EU-Ländern fielen die Neuregistrierungen sogar um 55%. Da der Lockdown in den verschiedenen europäischen Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten beschlossen wurde, fallen die Einbußen unterschiedlich aus.

Im besonders früh und besonders stark betroffenen Italien sank der Absatz am stärksten: um 85%. In Frankreich und Spanien wurden Rückgänge von 72 beziehungsweise 69% registriert, Österreich verzeichnete laut Statistik Austria einen Rückgang von 66,7%. In Finnland und Schweden ist der Absatz hingegen nur um ein und neun Prozent zurückgegangen – dort sind die Autohäuser nicht geschlossen worden.

Krise hält weiter an

Im April ist wohl mit noch schlechteren Werten zu rechnen. Laut Autoexperte Peter Fuß von der Unternehmensberatung EY könne die Branche diesen Monat „weitgehend abschreiben”.

„Selbst wenn nun die Autohäuser in einigen Ländern wieder öffnen und die Engpässe bei den Zulassungsstellen hoffentlich behoben werden, kommen die Kunden plötzlich nicht in Scharen in die Autohäuser”, so Fuß. „Wer wegen der Krise seinen Arbeitsplatz verloren hat oder in Kurzarbeit ist, wird sich kein neues Auto leisten. Auch bei den gewerblichen Neuzulassungen durch Firmen ist mit Einbußen zu rechnen, da viele von ihnen wegen Umsatzrückgängen gezwungen sind, zu sparen.”
Gerhard Schwartz, Partner und Sector Leader Industrial Products bei EY Österreich, rechnet im April EU-weit mit einem Absatzrückgang von etwa 70%. „Der Online-Vertrieb für Neuwagen steckt noch in den Kinderschuhen und kann die wegbrechenden stationären Verkäufe nicht ausgleichen. Zudem muss die Produktion der Autofabriken erst wieder anlaufen – was angesichts der stark internationalisierten und teils mehrere Hundert Zulieferer umfassenden Lieferketten eine gigantische Herausforderung ist.”
Der EY-Experte weiter: „Wenn die Produktion wieder anläuft, wird sich zeigen, ob die Lieferketten gehalten haben.” Im schlimmsten Fall stünden die Automobilwerke wenige Tage nach dem Hochlaufen wieder still, weil essenzielle Teile fehlen. „Die Hersteller sind in diesen Tagen damit beschäftigt zu verhindern, dass die Kette reißt.”

Großer Nachholbedarf

Für die Automobilindustrie bestehe aber durchaus Grund zur Hoffnung, so Schwartz: „Derzeit werden in großem Stil geplante Anschaffungen vertagt, die Branche schiebt also eine immer größer werdende Welle an Neuwagenkäufen vor sich her. Wenn die aktuelle Krise einmal überwunden und ein Impfstoff beziehungsweise wirksame Medikamente entwickelt wurden, wird es einen enormen Nachholbedarf geben. Und wer dann lieferfähig ist und attraktive Modelle im Angebot hat, der wird zu den klaren Gewinnern der Krise gehören.”

Gute Nachrichten gibt es auch von den Elektroautos: Die Zahl der Neuzulassungen ist auf den Top-5-Märkten Westeuropas – das sind Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien – im März um 71% gestiegen, bei Plug-in-Hybriden lag das Plus sogar bei 77%.
Anders in Österreich, wo auch elektrische Antriebe von diesem Negativtrend betroffen waren: Rein elektrische Fahrzeuge verzeichneten einen Rückgang um 44%. „Die insgesamt positive Entwicklung bei elektrifizierten Fahrzeugen in vielen Märkten ist zu einem großen Teil auf staatliche Kaufanreize zurückzuführen”, beobachtet Schwartz, der damit rechnet, dass das starke Wachstum im Elektrosegment nicht von Dauer sein wird.
„Im März wurden die Fahrzeuge ausgeliefert und neu zugelassen, die in der Vor-Corona-Zeit bestellt und produziert wurden. Stillstehende Fabriken werden aber auch im Segment der Elektroautos in den kommenden Monaten für Rückgänge sorgen – trotz der starken Nachfrage.”

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