AUTOMOTIVE BUSINESS
„Die Customer-Journey wird immer digitaler” © FCA Austria/Christian Houdek; Panthermedai.net/Ajafoto / Montage: B. Schmid
© FCA Austria/Christian Houdek; Panthermedai.net/Ajafoto / Montage: B. Schmid

Redaktion 30.10.2020

„Die Customer-Journey wird immer digitaler”

FCA Austria-Geschäftsführer Markus Wildeis über Corona, Digitalisierung und die aktuelle Geschäftsentwicklung.

••• Von Oliver Jonke und Jürgen Zacharias

Die FCA Austria GmbH hat seit Mitte des Sommers einen neuen Managing Director: Nach fast drei Jahren in der Turiner Zentrale kehrte Markus Wildeis nach Österreich zurück und übernahm die Leitung des Österreich-Geschäfts. Wir haben mit ihm unter anderem über die aktuelle Geschäftssituation, Lehren aus Corona sowie die Elektrifizierungs- und Hybridisierungs-Strategie ­seines Unternehmens gesprochen.


medianet:
Herr Wildeis, Sie sind im Sommer als Geschäftsführer zur FCA Austria GmbH zurückgekehrt. Wie hat sich das Unternehmen während Ihrer Abwesenheit verändert?
Markus Wildeis: Dadurch, dass ich schon davor lange im Unternehmen tätig war, hat sich die Rückkehr wie eine Heimkehr angefühlt. Viel Eingewöhnungszeit blieb mir allerdings nicht, hatten und haben wir mit den Auswirkungen von Corona doch alle Hände voll zu tun – gerade die Autoindustrie ist davon doch sehr stark betroffen. Das erste Mal in der mehr als 100-jährigen Geschichte unseres Unternehmens standen weltweit für Wochen alle Werke still und konnten wir praktisch keine Autos verkaufen.

medianet:
Inwiefern konnte die Lockdown-Zeit auch positiv genutzt werden?
Wildeis: Wir haben gelernt, in kurzer Zeit sehr viele Arbeitsabläufe virtuell abzubilden und Kunden verstärkt auch über digitale Kanäle anzusprechen; parallel dazu haben wir die Situation aber auch genützt, um Innovationen voranzutreiben.

medianet:
Könnten Sie beispielhaft so eine Innovation nennen?
Wildeis: Konzerntechnisch haben wir in der Zeit beispielsweise die Hybridisierung und Elektrisierung der Produktpalette beschleunigt, wobei es natürlich noch etwas dauert, bis das am Markt schlagend wird, weil diverse Research- und Developmentprozesse vorgelagert sind. Wir konnten aber auch die Digitalisierung der Kommunikation mit dem Handel vorantreiben und dass wir virtuelle Kundengespräche führen, wäre davor auch nicht denkbar gewesen.

medianet:
Kundengespräche sind das eine, echte Abschlüsse das andere: Lassen sich Autos bereits virtuell verkaufen?
Wildeis: Es ist schwierig, virtuell einen Abschluss zu machen, aber die sogenannte Customer-Journey ist an ihrem Beginn definitiv digitaler geworden und verlagert sich immer mehr ins Netz. Der ‚Point of Sale' liegt trotzdem nach wie vor beim Händler, und wir glauben, dass das in naher Zukunft so bleiben wird.


medianet: Sie haben vorhin von Hybridisierung und Elektrifizierung gesprochen: Welche Modelle sind damit gemeint?
Wildeis: Bevor wir darüber sprechen, sollten wir vielleicht zuerst die Rahmenbedingungen klären: Die CO2-Ziele, die die Automobilwirtschaft vor sich hat, sind äußerst ambitioniert und in naher Zukunft nur mit Elektrifizierung zu erreichen – und damit meine ich jede Form der Elektrifizierung, vom ‚Mild Hybrid' bis zum vollelektrischen Auto. Dahingehend haben wir im Konzern in den vergangenen Jahren massive Investitionen in alle Marken und Produkte getätigt, die nun nach und nach auf den Markt kommen werden.

medianet:
Welche Modelle kommen da? Vollelektrische Ver­sionen des Fiat 500 und des ­Ducato wurde ja bereits präsentiert, ebenso Plug-in-Versionen des Jeep Compass und Rene-gade.
Wildeis: Welche Antriebsart in einem Modell verfügbar sein wird, ist bei uns immer Nutzer-abhängig. Es geht darum, was die Leute wollen, was sie kaufen und was sie sich leisten können. Während wir beispielsweise bei den Klein- und Kompaktwagen in Richtung Hybridisierung und Vollelektrifizierung gehen, wird der Weg bei großen Modellen wie Jeep Wrangler ein wenig anders aussehen; in diesem Bereich setzen wir ganz klar auf Plug-in-Hybride.

medianet:
In der Klasse wird es keine Vollelektrisierung geben?
Wildeis: Sag niemals nie, aber wenn man die Größe der Fahrzeuge bedenkt und mit einem Elektroantrieb auf Reichweite kommen will, bräuchte es eine Batterie, die wahrscheinlich eine Tonne wiegt und das wäre sicherlich nicht im Sinne des Erfinders.

medianet:
Gilt diese Stoßrichtung auch für die Fiat-Nutzfahrzeuge?
Wildeis: Ja, auch dort sind wir ganz klar nutzerorientiert. Das heißt, beim Zustellbetrieb und auf der letzten Meile macht ein elektrischer Antrieb in jedem Fall Sinn. Wenn ein Logistiker auf längeren Strecken unterwegs ist, dann wird wohl weiter der Verbrennungsmotor seine bevorzugte Wahl sein, allerdings wird ihm natürlich jede Form der Hybridisierung dabei helfen, effizienter zu werden.

medianet:
Und wie sieht es mit Alfa aus? Was tut sich da?
Wildeis: Da haben wir mit der Giulia und dem Stelvio zwei sehr tolle Produkte als Alternative zu den etablierten Premiumherstellern und differenzieren uns sowohl in Fahrdynamik als auch Design. Neben dem auf 500 Stück limitierten Giulia GTA, den wir kürzlich präsentiert haben, erwarten wir als nächstes Produkt den Tonale, da werden wir demnächst Details bekannt geben.

medianet:
Lassen Sie uns nochmals auf die Coronazeit zurückkommen, als mehr oder weniger über Nacht zwei Drittel des Geschäfts weggebrochen sind. Was bedeutet das für ein Unternehmen wie die FCA Austria GmbH?
Wildeis: Abgesehen von den sozialen und gesundheitlichen Auswirkungen ist das vor allem Cashflow-mäßig natürlich eine Riesenherausforderung. Dabei hat uns sicherlich geholfen, dass wir uns in den vergangenen Jahren sehr kapitalstark aufgestellt haben.

Ganz ohne Kratzer und Beulen werden wir aus der Situation zwar auch nicht herauskommen, aber es kam immerhin zu keiner Strukturbeschädigung und wir sehen, dass das Geschäft in den vergangenen Wochen und Monaten wieder aufwärtsgegangen ist. Mittel- bis langfristige Prognosen sind aber sehr schwer zu treffen. Keiner weiß, wie sich die Situation entwickeln wird, ob nicht möglicherweise noch ein Lockdown kommt und so versuchen wir in unseren Planungen sehr bedacht vorzugehen.


medianet:
Sie haben zuvor von Kratzern gesprochen, die Ihr Konzern abbekommen hat. Kann man das auf die Marken herunterbrechen? Wie tief sind die einzelnen Kratzer, wie schnell wird das wieder auspoliert sein?
Wildeis: Ich denke, dass man einen Fehler nicht machen darf, nämlich den, dass man den Markt zu sehr mit letztem Jahr vergleicht. Warum? Erstens haben wir heuer einen Lockdown gehabt und das hat es so noch nie gegeben. Zweitens haben wir letztes und vorletztes Jahr im Juli und August in Österreich aufgrund vieler Vorziehkäufe eine Marktsituation gehabt, die komplett inhomogen und untypisch war, das waren die zwei höchsten Sommermonate in der Geschichte des österreichischen Autohandels. Wenn man das ausblendet, dann waren wir heuer im Juli und August im Händler-Retail-Geschäft schon in einer Normalsituation und im September lagen wir vier Prozent über dem Vorjahr. Natürlich war der Lockdown nominell für uns schlimm, aber wir sehen seit Juni Monat für Monat eine sehr gute Erholung des Geschäfts und hoffen auch, dass wir das auch in den nächsten Monaten fortführen können.

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