AUTOMOTIVE BUSINESS
Europa steht vor einem automotiven Turnaround © APA/AFP/Sameer Ai-Doumy
© APA/AFP/Sameer Ai-Doumy

Redaktion 11.11.2022

Europa steht vor einem automotiven Turnaround

Aktuelle Studie: Innerhalb weniger Jahre dürfte sich Europa vom Auto-Exporteur zum Importeur entwickeln.

••• Von Moritz Kolar

Zuwächse wie in den vergangenen Jahren gehen sich aktuell zwar nicht aus. Angesichts eines mit Stand Ende September um 14% rückläufigen Pkw-Neuzulassungsmarktes gewinnen Stromer aber hierzulande trotzdem weiter Marktanteile. Um gezählte 30 Elektrofahrzeuge wurden in Österreich von Jänner bis September weniger neu zum Verkehr zugelassen, als im Vergleichszeitraum des Vorjahres – der Anteil an den gesamten Neuzulassungen stieg damit aber von 12,7 Prozent im Vorjahr auf aktuell 14,8%.

Europas neue Rolle

Laut des aktuellen „Electric Vehicle Sales Review” von PwC Autofacts und Strategy&, der Strategieberatung von PwC, setzt sich die Elektro-Transformation der Autobranche trotz der angespannten Wirtschaftslage aber auch in anderen Märkten unvermindert fort. Im dritten Quartal 2022 wurden demnach weltweit 74,7% mehr rein elektrische Fahrzeuge (Battery Electric Vehicle, BEV) zugelassen als im Vorjahreszeitraum. Damit stiegen die Marktanteile in fast allen Kernmärkten und könnten BEVs bereits 2035 weltweit mehr als die Hälfte aller Neuzulassungen ausmachen. In China könnte ihr Anteil dann laut Studie bereits bei 73% liegen, in Europa sogar bei 93%.

Steigende Importzahlen

Auswirkungen hat diese Entwicklung auch auf die globalen Produktionsverhältnisse. Während chinesische Hersteller immer mehr BEVs in Europa verkaufen, verlagern sowohl europäische als auch amerikanische Hersteller ihre BEV-Produktion zunehmend nach China – und verschieben damit die Rolle Europas vom Exporteur zum Importeur von Autos.

Bereits 2025 könnten demnach in Europa knapp 800.000 Autos aus chinesischer Produktion verkauft werden, davon mehr als 330.000 von Marken europäischer Hersteller. Noch im vergangenen Jahr hatten europäische Autobauer lediglich 35.000 BEVs aus China nach Europa exportiert.
Für 2022 prognostiziert die Studie mit 66.000 BEVs dann bereits eine Verdopplung und im Jahr 2025 könnte der Importüberschuss sich bereits in einer Größenordnung von 221.000 Fahrzeugen (Verbrenner und Elektroautos) bewegen. Zum Vergleich: Noch vor wenigen Jahren verzeichnete Europa einen Exportüberschuss mit Autos – 2015 lag dieser bei knapp 1,7 Mio. Fahrzeugen.

Hersteller sind gefordert

„Die europäischen Hersteller kämpfen nach wie vor mit Lieferschwierigkeiten und setzen vor allem auf BEV-Modelle im oberen Preissegment”, sagt Johannes Schneider, Partner bei Strategy& Österreich. „Die chinesischen Hersteller haben ihre Produkte dagegen im heimischen Markt optimiert und weiterentwickelt, sodass sie inzwischen günstige BEV-Modelle, innovative Technologie und neuartige Konzepte nach Europa bringen.”

Schneider weiter: „Als Ergebnis sehen wir, dass es kein europäisches Modell in die Top 5 der meistverkauften E-Autos weltweit schafft. Um ihre Strukturen zu halten, das Momentum der Elektro-Transformation für sich zu nutzen und weiterhin von Skaleneffekten zu profitieren, müssen die europäischen Hersteller deswegen jetzt dagegenhalten und ihre Lieferketten unter Kontrolle bekommen sowie ihre Entwicklungs- und Anlaufprozesse im In- und Ausland beschleunigen.”

Europa gerät unter Druck

Der europäische Automobilmarkt erlebt eine wachsende Konkurrenz durch chinesische Autobauer. Obwohl diese in Europa bislang nur eine untergeordnete Rolle spielen, könnten sie 2030 etwa fünf Prozent des europäischen BEV-Marktanteils erobert haben.

„Wir beobachten momentan, wie der Automobilstandort Europa gleich von mehreren Seiten unter Druck gerät”, analysiert Günther Reiter, Automotive Leader bei PwC Österreich. „Neben den gestörten Lieferketten machen den Herstellern in Europa vor allem die gestiegenen Energiepreise zu schaffen. Hinzu kommt ein geopolitisches Umfeld, in dem Staaten wieder aktiv Industriepolitik betreiben, um bestimmte Branchen zu fördern und Lieferketten zu lokalisieren, wie wir es etwa in den USA mit dem Inflation Reduction Act sehen. Umso entscheidender ist es nun, eigene und autarke europäische Wertschöpfungsketten auszubauen und wichtige Rohstoffketten abzusichern.”

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