AUTOMOTIVE BUSINESS
Wachstumsmotor BREXIT? © APA_AFP_Ronny_Hartmann

Der BREXIT als Chance oder Risiko? Experten sind sich ob der Folgen uneins.

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Der BREXIT als Chance oder Risiko? Experten sind sich ob der Folgen uneins.

Jürgen Zacharias 29.06.2016

Wachstumsmotor BREXIT?

Automobilexperte Stefan Bratzel sieht im EU-Austritt Großbritanniens negative Auswirkungen für die dortige Fahrzeugindustrie, Ferdinand Dudenhöffer rechnet mittel- bis langfristig sogar mit einem Aufschwung der Branche.

BERLIN/LONDON. Damit hätten die Briten wohl selbst nicht gerechnet: Beim Referendum am 23. Juni votierten 51,9 Prozent für einen Austritt aus der Europäischen Union, damit ist der Weg zum viel zitierten BREXIT frei – mit all seinen Folgen. Auch und vor allem wirtschaftlichen: So müssten bei einem tatsächlichen Austritt (so klar scheint der nach den jüngsten politischen Entwicklungen nicht) zahlreiche Handelsverträge und bilaterale Beziehungen neu verhandelt werden. Auch für viele Unternehmen stellen sich nun völlig neue Zukunftsfragen, wobei sich gerade bei der Automobilindustrie die Experten uneins über die Folgen sind.

Während etwa Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach eine schleichende Abwanderung der Autoproduktion aus Großbritannien erwartet, sieht Ferdinand Dudenhöffer sogar positive Impulse. „Mittel- und langfristig profitiert der Autostandort England durch eine längerfristige Abwertung des Pfunds“, sagte Dudenhöffer. Dieser Währungseffekt wäre positiv für Hersteller wie BMW und dessen Marke Mini sowie für Nissan und Jaguar Land Rover, weil deren dortige Produktion für den Weltmarkt billiger würde.

Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen, rechnet zwar ebenfalls mit negativen Folgen, weil es Verwerfungen im Finanzsektor und dadurch allgemeine Kaufzurückhaltung geben werde – diese seien aber auf die kommenden Jahre beschränkt. Wurden 2015 noch 2,63 Millionen Neuwagen in Großbritannien verkauft, so werde diese Zahl seiner Prognose zufolge 2016 auf 2,45 Millionen und 2017 auf 1,9 Millionen Wagen sinken. „Ab 2018 hat sich die Lage nach unserer Einschätzung wieder gefangen, der englische Automarkt erholt sich und wird um das Jahr 2020 sein früheres Niveau erreichen.“

Für den globalen Automarkt ist das Vereinigte Königreich aus Sicht von Dudenhöffer ohnehin unbedeutend. „Der Welt-Pkw-Markt läuft weiter und wird auch in den Brexit-Erschütterungsjahren 2016 und 2017 nicht wesentlich tangiert." Stefan Bratzel sieht deutlichere Auswirkungen und rechnet „mittel- bis langfristig mit Standortverlagerungen von der Insel in die EU.“

Noch eine andere Meinung hat Willi Diez vom Nürtinger Institut für Automobilwirtschaft. Zwar sagt auch er, dass Autoexporte aus Deutschland in Großbritannien wegen des zunächst schwächeren Pfunds teurer werden und Daimler, Audi und die anderen einen schweren Stand haben. Doch auf lange Sicht werde das Pfund wieder stärker, so Diez. Der Grund: Der Finanzplatz Großbritannien könnte zu einer Art zweiter Schweiz in Europa werden, wo Kapitalanlagen nicht dem Zugriff der EU-Finanzpolitik ausgesetzt seien. Das würde den Finanzplatz London stärken, was dem Pfund-Kurs Auftrieb geben würde. Das wiederum wäre gut für den Automobilabsatz, die ganze Branche würde profitieren.

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