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Luxus ist steter Wandel © Oliver Rathschüler
© Oliver Rathschüler

britta biron N/A

Luxus ist steter Wandel

Leipzig/Dubai. Wer exklusive Designermode schätzt, wird beim Anblick der neuen Kollektion von Eva Poleschinski in Verzückung geraten und schon im Geist durchgehen, welches Modell passend wäre. Liegt der persönliche Fokus aber auf dem Reisen und der Entdeckung besonderer Orte, wird man die aufwendigen, mit Federn, Kris­tallen oder Blumenapplikationen gezierten Roben wohl ausblenden und angesichts der spektakulären isländischen Vulkanlandschaft, die als Kulisse für die Modefotos dienen, ins Träumen geraten.

Anderen wiederum sind Nobel­outfits und Luxusreisen egal, ihre Objekte der Begierde sind der flotte Sportwagen, der Besuch im Sternerestaurant, ein hochkarätiges Schmuckstück oder eine edle Uhr – aber auch Zeit für Freunde und Familie oder die Freiheit, sich dem Konsum gänzlich zu verweigern, gelten vielen als Luxus.

Eine Frage der Sicht

Gleichzeitig wird diese sehr individuelle Sicht auf Luxus aber immer auch durch die jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt.
Auf dem Schwarzmarkt der Nachkriegsjahre etwa waren eins­tige Luxusgüter wie Schmuck nur noch als Tauschobjekte für Lebensnotwendiges wertvoll, während ein Stück Butter für viele ein unerreichbarer Luxus war.
Mit dem Wirtschaftswunder waren dann Kühlschrank, Fernseher oder Auto Symbole des Wohlstands, wurden mit dem Aufschwung für immer mehr Menschen erreichbar und zum Standard und verloren damit wieder ihren Luxusstatus, während der Lifestyle der Schönen & Reichen zur Benchmark für ­Luxus wurde.
In der DDR dagegen erhielt Luxus eine ganz andere Bedeutung. Durch Planwirtschaft, subventionierte Grundversorgung und das propagierte Ideal der Gleichheit setzte der SED-Staat darauf, alles Maßlose und die Unterscheidung durch individuellen Besitz einzudämmen.
Doch das Bedürfnis nach Luxus als Zeichen der Individualität, der Wunsch nach Dingen, die nicht einfach nur lebensnotwendig, sondern schön sind, lässt sich auf Dauer nicht unterdrücken. Ganz im Gegenteil schuf es neue Arten von Luxus. Die Mangelwirtschaft ließ für die breite Bevölkerung so manches Alltagsprodukt zum Luxus werden, während sich die SED-Führung in der Regierungssiedlung Wandlitz ohne Genierer mit den vermeintlich verpönten Luxusartikeln des angeblichen Klassenfeinds im Wes­ten umgab.
Die daraus entstehende Zwei-Klassen-Gesellschaft verletzte das Gerechtigkeitsgefühl großer Teile der ostdeutschen Bevölkerung.

Zwischen Prunk & Protz

In Deutschland ist Luxus – wie in vielen anderen Industrienationen – heute angesichts der Globalisierung und medialen Vernetzung scheinbar immer und überall und für immer mehr Menschen erreichbar. Viele nutzen die Möglichkeiten zur Selbstdarstellung, manche provozieren damit Neid und Empörung. Ist Luxus ein Symptom unserer Zeit? Vertieft Luxus die Kluft zwischen Arm und Reich? Ist weniger vielleicht mehr?
Diesen Fragen widmet sich aktuell die Ausstellung „Purer Luxus” im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Anhand von rund 400 Exponaten, Dokumenten, Fotografien wird die Geschichte vom historischen Wandel des Phänomens Luxus in Deutschland von 1945 bis in die Gegenwart sehr differenziert, spannend und unterhaltsam erzählt.

Breites Spektrum

Gezeigt wird etwa ein flotter Sportwagen, auf den ersten Blick ein Porsche 356, aber tatsächlich ein Nachbau, mit dem sich zwei Maschinenbaustudenten aus Magdeburg in den 1950er-Jahren den Traum vom automobilen Luxus nach westlichem Vorbild erfüllt hatten.
Gleich daneben steht ein mit Taschen behängtes Tandem. Der Objektkünstler Andreas Slomonski wirft mit der 1994 entstanden Skulptur mit dem Namen „Habseligkeiten” die Frage auf, was Luxus für Menschen bedeutet, die fast nichts besitzen. Die Verbindung von Luxus und Konsum thematisiert der glitzernde Einkaufswagen, eine Arbeit des Künstlers Tors­ten Mühlbach. Dass auch banale Gegenstände unter Umständen das Zeug zum Luxusobjekt haben können, aber auch den schmalen Grat zwischen Luxus und Protz, zwischen Schein und Sein, macht eine goldene Kloschüssel deutlich.
Eine Suppentasse aus Porzellan mit goldenem Schildkröten-Dekor oder auch der Schwanenmantel, den Marlene Dietrich bei ihrer Europatournee 1960 trug, gehören zu jenen Exponaten, die exemplarisch auf den Wertewandel verweisen. Schildkrötensuppe, einst eine Delikatesse, gilt längst in jeder Hinsicht als geschmackliche Entgleisung, und 300 gerupfte Vögel brächten der Dietrich und dem Schöpfer des Bühnenoutfits keine Bewunderung, sondern einen veritablen Shitstorm ein.
Auch auf den immateriellen Luxus wie Zeit, Entspannung und Ruhe, der in einer zunehmend rastlosen Welt für viele an Bedeutung gewinnt, geht die Ausstellung ein, die noch bis zum 13. April 2020 bei freiem Eintritt zu sehen ist.

Lange Historie

Auch der Louvre Abu Dhabi widmet sich derzeit dem Thema Luxus. Allerdings spannt man den Bogen über einen deutlich längeren ­Zeitraum als in Leipzig. Seit dem 30. Oktober und noch bis zum 18. Februar 2020 wird die Ausstellung „10,000 Years of Luxury” gezeigt.
350 Exponate aus den Bereichen Mode, Schmuck, bildende Kunst, Möbel und Design dokumentieren, was Luxus war, ist und sein kann.
„In dieser Ausstellung erkunden wir die Beziehung der Menschheit zum Luxus über verschiedene Zeiten und Kulturen hinweg – von altertümlichen Schätzen bis hin zur Haute Couture von heute. Diese Herangehensweise entspricht dem universellen Narrativ des Louvre Abu Dhabi, das Teil unserer DNA ist”, erläutert Manuel Rabaté, Direktor des Louvre Abu Dhabi, das Konzept, und Souraya Noujaim, Scientific, Curatorial and Collections Management Director des Museums, fügte hinzu: „Diese einzigartige Ausstellung erforscht die vielen Aspekte des Luxus, der Menschen schon immer fasziniert hat, mit einem Schwerpunkt auf den Materialien und Techniken, die Kostbarkeiten erst zu dem machen, was sie sind. Dabei möchten wir vorgefertigte Meinungen hinterfragen und neue Sichtweisen auf dieses wandlungsfähige Konzept eröffnen.”
Das Spektrum der ausgestellten Werke ist entsprechend vielfältig: Ein Mamluk-Teppich aus dem Ägypten des 15. Jahrhunderts, ein Löffel aus Silber und einer Muschelschale, der im 16. Jahrhundert von einem deutschen Kunsthandwerker hergestellt wurde. Ein aus Silber, Ebenholz, Koralle und Onyx gefertigter Samowar der Wiener Werkstätten aus dem frühen 20. Jahrhundert. Eine Diamant Tiara von Cartier aus dem Jahr 1914. Ein Collier von Réne Lalique aus Glas, Email Diamanten und Peridots. Oder eine Sanduhr des zeitgenössischen australischen Designers Marc Newson.

Von materiellen Gütern …

Der modische Luxus im Wandel der Zeit wird anhand alter und neuer Kreationen bekannter Luxusmarken wie Balenciaga, Chanel, Dior, Louis Vuitton, Azzedine Alaïa, Maison Schiaparelli, Yves Saint Laurent, Hermès demonstriert.
Die Exponate der Ausstellung stammen hauptsächlich aus der Sammlung des Musée des Arts Décoratifs und anderer französischer, internationaler und lokaler Institutionen, wie etwa Abu Dhabis einzigem Luxusartikelkaufhaus Tryano, das auch Hauptsponsor der Show ist.
Olivier Gabet, Leiter des Musée des Arts Décoratifs, der die Ausstellung kuratiert hat, erklärt: „Heute finden wir Luxus überall auf der Welt – in Objekten, Bildern und Sprachen. Diese Ausstellung führt nicht nur seltene Artefakte aus nationalen Sammlungen Frankreichs zusammen, sondern präsentiert auch wertvolle archäologische Stücke. Sie erlaubt es uns, das Konzept Luxus und seine his­torischen Wurzeln aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten.”

… über Zeit bis zu …

10,000 Years of Luxury erstreckt sich über zwölf Themenräume von der Antike bis heute. Exponate aus den alten Reichen des Nahen Ostens und der Mittelmeerregion stehen für frühe Formen des Luxus, dessen Wert am Preis und an der Seltenheit der verwendeten Materialien gemessen wurde und bestimmte gesellschaftliche Überzeugungen und Bräuche zum Ausdruck bringt. Ab dem Mittelalter verbreitete sich der Luxus aufgrund der wachsenden Handelsrouten und der Entwicklung neuer Techniken über die ganze Welt.
Im 17. und 18. Jahrhundert rückte Paris mit dem Aufstieg der Händler dekorativer Kunst, Marchand-Merciers genannt, ins Zentrum des Luxusartikelmarkts. In der originalgetreuen Nachbildung einer Pariser Boutique dieser Zeit können Museumsbesucher diese ersten Ausprägungen des kommerzialisierten Luxus hautnah erleben.
Die Ausstellung endet mit der Frage: Was ist Luxus im Jahr 2019? und schlägt die Brücke zu den immateriellen Luxusgütern.

… besonderen Erlebnissen

So präsentiert der Louvre Abu Dhabi die Kunstinstallation USO – The Perfumed Cloud. Das olfaktorische Kunstwerk in Form eines gläsernen Würfels wurde von Mathilde Laurent, Hausparfumeurin von Cartier, gemeinsam mit Transsolar KlimaEngineering entworfen. und bietet den Besuchern die Möglichkeit, über eine Wendeltreppe in eine duftende Wolke einzutauchen.
Unter dem Motto „Luxus ist das, was man mit Geld nicht kaufen kann” steht das Rahmenprogramm, das von der international renommierten Künstlerin Ruth Mackenzi zusammengestellt wurde. Die Konzerte nationaler und internationaler Künstlerinnen dienen aber nicht allein der Unterhaltung, sie beleuchten auch die Stellung der Diva in der Geschichte der Musik und ihre Funktion als Symbolfigur eines elitären Lebens.

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