KI ist in Unternehmen längst Chefsache
© Gianmaria Gava für Forbes Austria
MARKETING & MEDIA Redaktion 12.06.2026

KI ist in Unternehmen längst Chefsache

Warum Führungskräfte jetzt bei KI handeln müssen und Technologie allein noch keinen Unternehmenserfolg sichert.

•• Von Jakob Klawatsch

Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Technologien, sondern ganze Geschäftsmodelle und Führungsstrukturen. Martin Giesswein, AI Program Director an der WU Executive Academy und Experte für digitale Transformation, beobachtet diese Entwicklung seit Jahren aus Wissenschaft und Praxis. In medianet spricht er über Fehleinschätzungen rund um KI, den steigenden Kompetenzbedarf in Unternehmen und erklärt, warum Abwarten mittlerweile zum größten Risiko werden kann.

medianet: Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch ‚Tagebuch einer humanistischen Künstlichen Intelligenz‘ mit KI-Szenarien bis 2040. Welche Entwicklung wird aus heutiger Sicht am meisten über- bzw. unterschätzt?
Martin Giesswein: KI wird heute von vielen überschätzt im Sinne eines magischen Feenstaubs, der die Produktivität erhöht, sobald man eine Lizenz erworben hat. In Wirklichkeit ist in den Betrieben ein intensives Prozess- und Datenmanagement notwendig, das zu einer höheren Automatisierung führt. Mit Hilfe der KI kann die Produktivität dann weiter gesteigert werden. Die Führungskräfte und die Belegschaft müssen intensiv geschult werden, um diese Leistungssteigerung erbringen zu können. Wer heute 100.000 Euro für KI-Lizenzen ausgibt, sollte einen ähnlichen Betrag in die KI-Kompetenz seiner Mitarbeitenden investieren.
Was unterschätzt wird, ist das hinter den Kulissen ablaufende strategische Endgame der globalen KI-Anbieter: Wer im Kreise der dominanten KI-Anbieter sein wird, hat zukünftig die beste Stellung im globalen Business als der Intermediär zwischen uns und allem, was wir konsumieren, im Sinne von Daten, Dienstleistungen und Produkten. Das ist auch der Grund für die nie dagewesenen Investments der Risikokapitalgeber.

medianet: Künstliche Intelligenz wird oft noch als Technologie-Thema behandelt. Warum ist es aus Ihrer Sicht längst auch ein Führungs- und Transformationsthema?
Giesswein: Künstliche Intelligenz scheint eine ähnlich gestaltende Technologie zu sein wie der Buchdruck, Elektrizität, Internet, das Smartphone und Social Media. Diese Technologien haben die Art und Weise, wie wir arbeiten und wirtschaften, grundlegend verändert. In einer früheren Rolle als Manager bei Nokia Phones dachte ich, dass das iPhone nur ein seltsames Telefon ohne Tasten mit schlechter Batterie sei. In Wirklichkeit hat es aber die digitale Plattform-Ökonomie mit Apps, Entertainment und Mobile Business gebracht, die ganze Branchen verändert hat.
Die Transformation durch KI scheint noch wesentlich tiefer zu gehen, weil sie auf Ebene der Meinungsgestaltung und der Geschäftsmodelle unsere Wirtschaft beeinflusst. Bisher erfolgreiche Führungskräfte müssen unmittelbar in der Vermarktung des Unternehmens, der Kundeninteraktion und der Automatisierung der Leistungserbringung ein Vielfaches an der heutigen Geschwindigkeit entwickeln und dabei die Belegschaft mitnehmen und motivieren. Das ist eine Herkulesaufgabe.

medianet: Welche Fragen stellen Führungskräfte heute am häufigsten zu KI? Und welche davon sind die entscheidenden?
Giesswein: Die Führungskräfte in unseren KI-Programmen wollen einerseits durch die KI eine optimale Unterstützung in ihrer unmittelbaren Führungsarbeit haben. Viele sehen die KI bereits als stillen Co-Geschäftsführer, wenn es um Datenanalyse, Mitarbeitendengesprächsvorbereitungen und Entscheidungsvorbereitungen geht. Weiters wird gefragt: ‚Mit welchen Techniken und Weiterbildungsformaten kann man am Laufenden bleiben, und welche Tools bieten unmittelbar betriebswirtschaftlichen Mehrwert, damit ich die beträchtlichen Lizenz- und Tokenkosten rechtfertigen kann.‘ Entscheidend ist, ob die Führungskraft im eigenen Team eine Offenheit und Neugierde für diese Technologie generieren kann, sodass technische Werkzeuge auf einen fruchtbaren Boden treffen.

medianet: Was sollten Entscheider über KI verstehen, bevor sie ihr Unternehmen strategisch darauf ausrichten?
Giesswein: Wir führen mit unseren Executive-Studierenden Strategic Foresight Methoden, insbesondere die Szenarioplanung, durch. Hier beginnen Führungskräfte die Veränderungskräfte der KI für die jeweiligen Organisationen zu verstehen und leiten dann mögliche ‚Zukünfte‘ für die Geschäftsentwicklung ab. Der wichtigste Schritt ist dann, von diesen möglichen ‚Zukünften‘ aufs Heute zurückzurechnen und die Chancen und Risiken des KI-Impacts in den nächsten drei bis fünf Jahren strukturiert zu managen.

medianet: Wo sehen Sie aktuell den größten Kompetenzbedarf in Unternehmen in Bezug auf KI?
Giesswein: Auf Teamebene ist es sicherlich die Anwendungskompetenz der Automatisierungstools und die Umsetzung cash-positiver KI-Use-Cases.
Auf strategischer Ebene im Top Management bedarf es der Kompetenz, die Organisation nicht mehr als hierarchische Pyramide zu sehen, sondern eine sogenannte Diamantform vorzubereiten: Das heißt also mit einem ganz starken, selbst agierenden mittleren Management, sowie ausgesuchten Talenten und Experten plus der Unterstützung von KI-Agenten und KI-Robotik, die Bestandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu steigern.
Und es braucht eine klar kommunizierte KI-Richtlinie, die einerseits in dem vom Betrieb zur Verfügung gestellten, geschützten Enterprise-KI-System eine große psychologische Sicherheit für die Mitarbeitenden für die Nutzung der KI (inklusive interner und personenbezogener Daten) schafft. Andererseits muss die Richtlinie klarstellen, dass eine Nutzung von sogenannten Wild-West-KI-Systemen – auf die wir alle über das Internet zugreifen können – ausschließlich mit anonymen und/oder bereits im Internet publizierten Daten erfolgen darf. So bekommt man den besten KI-Nutzungsmix im Unternehmen.

medianet: Welche Rolle spielen ethische Fragen und der ‚digitale Humanismus‘ in der KI-Weiterbildung für Executives?
Giesswein: Ein Einsatz der KI, die sowohl betriebswirtschaftlichen Zielen dient als auch die Interessen und Werte von Kunden, Mitarbeitenden und Partnern achtet, ist in unseren Breitengraden – leider im Gegensatz zu anderen Kontinenten – der Standard. Insofern bietet der ‚digitale Humanismus‘ viele Antworten, um die Bedenken, Ängste und Zweifel aller Beteiligten zu adressieren und so zu gemeinsamen Lösungen zu kommen. Erst das ermöglicht das notwendigen kulturelle Commitment für die bereits angesprochene Transformation.

medianet: Sie begleiten auch Praxisprojekte und Start-ups. Welche Learnings aus der Praxis fließen direkt in Ihre Programme ein?
Giesswein: An der WU Executive Academy haben aus circa fünfzig realen Beispielen, wie KI in Organisationen eingeführt wurde, die ‚AI Use‘ Methode entwickelt, die als Blaupause und Checkliste dient und ständig von den Studierenden erweitert wird. Das ist ein sehr sinnvoller Austausch zwischen Lehre und Praxis mit laufenden Updates für das gemeinsame Ziel: Mehr erfolgreichen KI-Einführungen.

medianet: Wenn Sie abschließend ein, zwei Sätze an Führungskräfte richten könnten, die beim Thema KI noch abwarten: Was wäre Ihre Botschaft?
Giesswein: Sinnvoll verwendete KI hat heute bereits eine positive betriebswirtschaftliche Auswirkung. Zaudern bringt für das Unternehmen eine größere Gefahr als das intelligente Nutzen dieser Technologie.

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