•• Elisabeth Schmoller-Schmidbauer
Zehn Jahre Social Media-Marketing bedeuten zehn Jahre Wandel: Plattformen wurden geboren, verdrängt und neu erfunden, Nutzerverhalten veränderte sich, und Marken mussten lernen, in einer immer schnelleren digitalen Welt relevant zu bleiben. Einer, der diese Entwicklung besonders unmittelbar erlebt hat, ist Oliver Yeh. Mit der Agentur Constant Evolution, die heute als aime auftritt, baute er sein Unternehmen in genau dieser dynamischen Landschaft auf. „Die wichtigste Entwicklung der vergangenen zehn Jahre ist sicher die der Professionalisierung von Social Media-Marketing “, erzählt Oliver Yeh mit Blick auf die Vergangenheit. „Das war etwas, das anfänglich vielen nicht verständlich war.“
Als die Agentur startete, bestand ein wesentlicher Teil der Arbeit darin, Unternehmen vom Potenzial der neuen Kanäle zu überzeugen. Social Media Marketing war für viele Marken noch kein selbstverständlicher Bestandteil ihrer Strategie, meint Yeh: „Viele Unternehmen nahmen es noch nicht so richtig ernst.“ Gleichzeitig entwickelte sich der Markt schnell weiter. Aus den sogenannten „neuen Medien“ wurden etablierte Kommunikationskanäle, aus einzelnen Plattformen ein komplexes Umfeld mit eigenen Regeln. Yeh sieht darin auch heute noch eine Herausforderung: Das Verständnis dafür, „wofür und wie es genau funktioniert“, sei weiterhin Teil der Überzeugungsarbeit.
Die frühe Entwicklung von aime war eng mit Yehs eigener Ausgangssituation verbunden: So gründete er die Agentur mit nur 24 Jahren mit zwei weiteren Studienkollegen. Das junge Alter brachte sowohl Hürden als auch Vorteile, wie er meint: „Der Nachteil war: Wir waren jung und Kunden haben uns aufgrund unseres Alters nicht sofort ernst genommen.“ Es fehlten Erfahrung und Referenzen, gleichzeitig entstanden daraus neue Freiheiten: „Wir hatten keine eingefahrenen Muster.“
Und diese fehlenden Routinen prägten die Arbeitsweise der jungen Agentur. Yeh beschreibt die Anfangszeit als Phase, in der vieles aus dem Gespür heraus entstand: „Wir haben sehr viel intuitiv und nach Instinkt gemacht.“ Ohne klassische Agenturprägung entwickelte das Team eigene Zugänge zu Social Media Marketing, Content und Markenkommunikation. Diese Haltung wurde auch nach außen sichtbar und kam an: Unternehmen suchten zunehmend nach Partnern, die jüngere Zielgruppen verstehen konnten. Oliver Yeh sieht darin einen Grund, warum aime Aufmerksamkeit bekam: „Die großen Marken wussten, dass sie eine jüngere Zielgruppe ansprechen müssen, und sie wussten auch, dass wir diese Sprache sprechen.“
Durch eine Phase der Krise
Der Weg verlief jedoch, wie so oft im Leben, nicht ohne Brüche. Nach mehreren Jahren Wachstum geriet die Agentur in eine schwierige Phase – und unter wirtschaftlichen Druck. „Im Rückblick war es ein schleichender Prozess“, so Yeh. „Letztlich wurden dann während einer beruflichen Auszeit von mir im Unternehmen die falschen Entscheidungen getroffen.“ Der Grund für die Fehlentscheidungen sei laut Yeh eine falsche Sicherheit gewesen: „Die Agentur war in einer Phase, die den Anschein erweckte, dass man nicht mehr hart an der eigenen Entwicklung arbeiten müsste, weil ja eh alles lief“. Damit wurde das Jahr 2022 für die Agentur und Oliver Yeh ein entscheidendes und brachte für den Gründer eine wichtige Erkenntnis: „Nicht nur Wachstum ist für eine Agentur notwendig, sondern vor allem die Kontrolle über Kosten, Strukturen und Profitabilität.“ 2023 übernahm Yeh schließlich die vollständige Verantwortung für die Agentur von der damaligen Geschäftsführung – mit dem Plan das Unternehmen innerhalb von neun Monaten aus den roten Zahlen zu führen.
Die Wende und der Neustart
„Ich hatte zu diesem Zeitpunkt im Grunde die Wahl: Entweder ich lasse das Unternehmen gegen die Wand fahren und verliere alles oder ich übernehme es komplett mit meiner persönlichen Verantwortung“, erzählt Yeh. Sein Ansatz war, schnell Klarheit zu schaffen, Kosten zu reduzieren und gleichzeitig Kunden und Team offen einzubinden. Besonders wichtig sei gewesen, das Vertrauen zu erhalten. „Was sie gebraucht haben, war Klarheit“, sagt Yeh über sein Team. Und der Ansatz funktionierte: Bis Ende des Jahres war die Agentur nicht nur wieder rentabel, sondern konnte zudem auf das erfolgreichste Geschäftsjahr seit Bestehen zurückblicken.
Nachdem Yeh die Agentur aus der Krise geführt hatte, markierte 2025 den nächsten Wendepunkt: Mit einem Rebranding wurde aus Constant Evolution die Marke aime. Für Yeh war die Veränderung nicht nur eine neue Außenwirkung, wie er meint: „Für mich war das Rebranding wie der Abschluss eines Kapitels und gleichzeitig ein Neustart.“ Die neue Marke sollte auch eine veränderte Haltung sichtbar machen: „aime trägt heute zu 100 Prozent meine eigene Vision und meine DNA, darauf bin ich auch stolz – und diese Transformation wollte ich nach außen hin zeigen.“
Kunden als Leuchttürme
aime stehe heute vor allem für langfristiges Denken im Marketing und in der Werbung. „Wir arbeiten mit Marken, die großen Wert auf Markenführung und den Aufbau von Relevanz über die Zeit legen“, betont der CEO und Gründer. „Unser Ziel ist, dass unsere Kunden zu Leuchttürmen werden – in einer Zeit, in der man schnell zum Tropfen im Meer wird.“ Und auch hier gibt ihm der Erfolg Recht: Zahlreiche namhafte Kunden setzen auf die Agentur und dieses Jahr expandierte aime nach Deutschland und eröffnete ein Büro in Berlin. „Für den Schritt nach Deutschland nehme ich sicher einen ganzen Koffer voll Erkenntnisse mit“, meint er lachend. „Es sind vor allem Erfahrungen, was man nicht machen sollte.“ Wissen darüber, was funktioniert, welche Fehler nicht wiederholt werden sollten und warum Stillstand gefährlich sein kann. Besonders wichtig sei, sich immer wieder neu zu erfinden und nicht zu bequem zu werden, sobald etwas gut läuft.
Communitys offline erreichen
Die Weiterentwicklung der Agentur zeigt sich auch im neuen Format „The Third Space“, das vergangenes Jahr gelauncht und in Berlin bereits in zweiter Edition über die Bühne gegangen ist. „Dahinter steht die Überzeugung, dass Community Building nicht nur digital stattfinden kann, sondern vor allem auch offline stattfinden sollte“, betont Yeh. „Natürlich erreiche ich Communities in einem ersten Schritt online – aber wie werde ich dann vom Tropfen im Meer zu einem Leuchtturm? The Third Space ist unsere Antwort darauf.“ Denn Offline-Events und Microcommunities könnten dabei helfen, mehr Nähe zu Zielgruppen aufzubauen.
Nach zehn Jahren hat sich nicht nur die Agentur selbst sondern auch Yehs Führungsverständnis verändert. Eine zentrale Erkenntnis lautet: „Vor allem in schlechten Zeiten ist Klarheit wichtiger als Konsens.“ Denn Entscheidungen müssten getroffen und Verantwortung übernommen werden. „Im Rückblick bin ich vor allem stolz darauf, es durch diese schwierige Phase und Zeit geschafft zu haben und daraus gestärkt hervorzugehen“, betont er. Und wenn Yeh in zehn Jahren noch einmal Bilanz zieht, möchte er in erster Linie stolz sein, relevant geblieben zu sein: „Ich möchte weiterhin mit meinem Team gute Arbeit machen, unseren hohen Qualitätsanspruch, unsere Agenturkultur und unsere Werte beibehalten.“ Und Wachstum sei natürlich auch ein Ziel: „Wir wollen weiter wachsen und expandieren und vor allem: uns weiterhin immer wieder neu erfinden.“