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MagazinmacherORF Radio-Chef­redakteur Hannes Aigelsreiter und Ö1-Redakteur und #doublecheck-Macher Stefan Kappacher.

Dinko Fejzuli 05.05.2017

Nicht gekommen, um sich Freunde zu machen

Heute, Freitag, den 5. Mai, startet das neue Medienmagazin #doublecheck in Ö1 – ein Format auch für die kritische Selbstbetrachtung des ORF.

••• Von Dinko Fejzuli


Über Jahre wurde es angekündigt, nun ist es so weit: Heute, Freitag, 19:05 Uhr, feiert das neue, monatliche Ö1-Medienmagazin „#doublecheck” seine Sendepremiere. Die neue Ö1-Sendereihe beschäftigt sich mit Fragen wie: Wie wird über die Medien Politik gemacht, wer profitiert? Und: Worüber spricht das Netz – und was davon sollte uns interessieren? Gestaltet wird das monatliche Magazin von Nadja Hahn und Stefan Kappacher.

medianet traf den verantwortlichen Ö1-Redakteur Stefan Kappacher und ORF-Radiochefredakteur Hannes Aigelsreiter zum Interview.


medianet:
Herr Aigelsreiter, bereits im Herbst 2013 hieß es – und auch medianet hat berichtet –, dass im Frühjahr 2014 nun endgültig das ORF-Medien­magazin in Ö1 startet. Nun, drei Jahre später, ist es tatsächlich der Fall. Heute geht das neue monatliche Medienmagazin #doublecheck erstmals on air. Wieso hat es so lange gedauert?
Hannes Aigelsreiter: Es braucht schon ein bisserl Mut seitens eines Unternehmens, um so etwas zuzulassen. Denn eines muss klar sein, und das haben wir immer gesagt: Wir können nur dann glaubwürdig sein, wenn wir auch kritische Geschichten über das größte Medienunternehmen des Landes machen und das ist der ORF. Alles andere würde unsere Glaubwürdigkeit untergraben. Es ist schwierig, aber es ist machbar, denn ich habe die besten Journalistinnen und Journalisten hier im Haus – und mit dem Stefan Kappacher einen der besten überhaupt, wo ich weiß, der macht auch über das eigene Unternehmen eine kritische, aber saubere ­Geschichte.
Stefan Kappacher: Es würde der Glaubwürdigkeit der journalistischen Arbeit helfen, wenn man mit offenem Visier arbeitet und die Interessen offenlegt. Es gibt Interessen im ORF und auch bei den privaten Mitbewerbern. Das Wichtige ist es, diese auch auszusprechen.

medianet:
Der Name #doublecheck ist Programm?
Aigelsreiter: Check, re-check, double-check, das doppelte Überprüfen des Inhalts, ist die Grundregel des seriösen Journalismus. Auch wenn sich die Technik verändert – die Regeln bleiben dieselben, wenn man ­einen seriösen Journalismus machen will.
Kappacher: Der Name spielt auch auf die Doppelmoderation der Sendung an. In Wahrheit ist es ein Gespräch, das wir als gute Möglichkeit sehen, Dinge einfach zu erklären, die oft sehr komplex sind, sodass man gut zuhören und den einen oder anderen O-Ton einspielen kann; der Kern der Sendung ist ein inhaltliches Thema, wenn möglich mit zeitnahem Bezug. In der ersten Sendung gehen wir der Frage nach: ‚Kann Journalismus zu kritisch sein?'' – angestoßen durch die Diskussion rund um Erwin Prölls Abschiedsinterview mit Armin Wolf.

medianet:
Der Umstand, dass das größte Medienunternehmen des Landes ein Medienmagazin macht und da auch über seine Mitbewerber berichtet, wird Ihnen vermutlich auch den Vorwurf einbringen, hier aus dem geschützten Bereich heraus zu agieren. Wie wollen Sie dem entgegentreten?
Aigelsreiter: Mit dem Beweis des Gegenteils. Indem man dort, wo es passt, auch das eigene Unternehmen in die Geschichte mit hineinnimmt. Zum Beispiel beim Thema Radiomarkt – da gibt es ja gefühlte vier Millionen Sender, aber selbstverständlich ist Ö3 die Topmarke, die vom Mitbewerber angegriffen wird und die immer wieder Thema ist. Wir werden versuchen, das Thema gut recherchiert zu behandeln und zwar stets so, dass es auch radiogerecht transportiert werden kann. Denn über allem steht das Prinzip ‚Content is King, context is God'.

Wir müssen versuchen, den Hintergrund – warum und weshalb etwas so ist, wie es ist – in diesem Magazin zu transportieren. Und deshalb sind wir auch froh, dass wir so ein Magazin haben. Denn wir werden natürlich aktuelle Geschichten in den Journalen haben – aber alles, was Hintergrund, Analyse ist, findet in diesen 25 Minuten statt.


medianet:
Wer ist denn die Zielgruppe für das neue Format? Die Ö1-Hörerinnen und Hörer, oder eventuell die heimischen Medienjournalisten?
Kappacher: Wir wollen kein Medienmagazin nur für die Medienjournalisten des Landes machen, sondern für alle Ö1-Hörerinnen und -Hörer. Es ist sicher kein Branchenmagazin, dazu wäre das monatliche Format auch ungeeignet.

medianet:
Und inhaltlich: Wird es ein monothematisches?
Kappacher: Es wird einen inhaltlichen Schwerpunkt geben und dann noch zwei, drei andere Dinge, die so zwischen den jeweils beiden Sendeterminen aufgekommen sind und von uns ebenfalls aufgegriffen werden.

medianet:
Das Thema Medien behandeln auch schon etliche Printmedien auf eigenen Medienseiten; hier reicht die Palette von soft bis sehr fachspezifisch. Wie legen Sie Ihr ­Medienmagazin an?
Aigelsreiter: Was Themen und Publikum betrifft, gibt es keine Vorgaben, es gibt auch keine Grenzen. Ob soft bis hardcore, wird von Fall zu Fall entschieden. Generell gilt: Es geht immer um die Relevanz.
Kappacher: Wir wollen spannende Geschichte erzählen und wir werden auch einen Podcast haben; es soll einen reinziehen und man soll dabei bleiben wollen, bis es vorbei ist.
Aigelsreiter: Es soll dabei immer radiotauglich gestaltet sein, sprich, sodass man gern die vollen 25 Minuten dranbleibt. Deshalb auch die Doppelmoderation, wo die Hörerinnen und Hörer darauf vertrauen können, dass da zwei kluge Menschen über interessante Dinge sprechen – und bei diversen Themen wird man auch weitere Personen dazuholen.

medianet: Wie zeitaktuell wird das Magazin sein?
Kappacher: Wir werden sendungsnah aufzeichnen; also normalerweise am Sendungstag und durch die Form, die wir gewählt haben, können wir sehr aktuell Dinge in die Moderation einbeziehen.
Aigelsreiter: Und alle aktuellen Themen finden ohnedies in den Journalen statt.
Kappacher: Wir wollen mit dem Magazin Schwung aufbauen, um Medienthemen auch innerhalb der Journale mehr zu forcieren.

medianet:
Wie war denn der Tenor der Mitarbeiter im Haus zum neuen Magazin?
Aigelsreiter: Sehr positiv. Das Interesse daran, selbst mitzugestalten, ist auch hoch. Im gesamten ORF arbeiten so viele Menschen, die sich in diversen Medienthemen exzellent auskennen und die sich vorstellen könnten, auch einmal eine Radiogeschichte zu machen. Es ist auch eine Art Aufbruchsstimmung, weil es eben etwas Neues ist. Und es ist auch legitim, zu überlegen, ob wir auch Kolleginnen und Kollegen von außen hinzuziehen.

medianet:
Was genau meinen Sie damit?
Aigelsreiter: Zum Beispiel von Zeitungen oder durchaus auch von der privaten Konkurrenz. Wir haben keine Grenzen. Es muss nur immer relevant sein. Also es spricht nichts dagegen, bei einer passenden Diskussion auch Kolleginnen und Kollegen von ATV, Puls 4 oder KroneHit hinzuzunehmen.
Kappacher: Als Gesprächspartner kommen sie ohnedies vor.

medianet:
Wie sieht es denn mit der Hörer-Interaktion aus?
Kappacher: Der Fokus liegt natürlich auf den Sozialen Netzwerken Facebook und Twitter. Es gibt auch einen Webauftritt, der uns auch sehr wichtig ist, und wo wir natürlich aus dem Vollen schöpfen wollen, wobei es natürlich auch immer eine Frage der Ressourcen ist..

medianet:
Betrachtet man die heimischen Medienlandschaft, ist da in letzter Zeit auch immer wieder das Wort vom nationalen Schulterschluss zwischen dem ORF und den Privaten in diversen Fragen die Rede. Haben Sie auch das Gefühl, dass man hier etwas näher zusammenrückt als früher?
Aigelsreiter: Bedingt – weil es ist immer noch ein kompetitiver nationaler Markt, aber wenn man sich in anderen Ländern umhört, ist es tatsächlich so, dass es Projekte zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und etwa auch Zeitungen gibt.
Kappacher: Es schließt sich ja gegenseitig überhaupt nicht aus, bei der Pro7Sat.1Puls4-Gruppe kritisch zu betrachten, dass sie ATV übernommen und dadurch ihre starke Position am Werbemarkt noch weiter ausbauen können, und gleichzeitig anzuerkennen, dass die Kollegen von Puls 4 gute Sachen machen oder innovative Dinge ausbauen.

Und natürlich haben auch wir über das unmoderierte Wahlduell auf ATV berichtet. Früher gab es diese Mentalität ‚Wir sind wir und alles andere findet nicht statt', aber darüber sind wir längst hinaus.

Aigelsreiter: Sowohl der ORF als auch die Privaten sind mit dem Phänomen der Fake News konfrontiert, und man muss überlegen, wie man mit diesen sogenannten alternativen Fakten umgeht. Alle, die gewillt sind, guten Journalismus zu machen, müssen stets bestrebt sein, herauszufinden, was stimmt und was nicht.

medianet:
Das Problem ist aber doch, dass jene, die diese Fake News konsumieren, vermutlich nicht auch Ö1 und damit die andere Seite hören ...
Aigelsreiter: Wir sind keine Fantasten, die meinen, sie könnten die Welt komplett ändern, aber wir werden trotzdem nichts anderes tun, als darüber zu berichten, wie man etwa mit Fake News Geld verdient, wo Unwahrheiten erzählt werden, warum jemand versucht, sich durch das Streuen von etwa Krankheitsgerüchten über den politischen Gegner einen Vorteil für sich zu verschaffen.
Kappacher: Wichtig ist, dass sich der ORF all dieser Themen verstärkt annimmt und versucht, sie mit Leben zu erfüllen.

medianet:
Beim Thema heimische Politiker und Fake News wird man aber vermutlich relativ schnell mit diversen Partei-playern auch in eine Konfrontation geraten. Werden Sie sich dieser auch stellen?
Kappacher: Aber sicher.
Aigelsreiter: Selbstverständlich. Die Wahrheit ist zumutbar und ich denke, das ist nicht etwas, das im Zuge des neuen Medienmagazins passieren wird, sondern es findet bereits in den Journalen statt. Etwa, wenn wir darüber berichten, wie viel Geld ein Wahlkampf angeblich kostet, und wie viel er am Ende dann tatsächlich gekostet hat. Selbstverständlich berichten wir über solche Dinge.

medianet: Hat das Medienmagazin auch eine politische Agenda, sprich, wird man bei bestimmten medienpolitischen Themen auch Stellung beziehen?
Kappacher: Wir wollen keine Medienpolitik machen.
Aigelsreiter: Wir werden aber drüber berichten, es analysieren und einschätzen. Und wir werden auch kein Verlautbarungsorgan des Hauses sein. Wir machen unseren Job und wissen auch, dass wir uns damit nicht immer Freunde machen werden – außerhalb des Hauses und auch im Haus. Kürzlich hat sogar Alexander Wrabetz, der ORF-Generaldirektor, gesagt, dass er weiß, dass die Sendung von Stefan Kappacher ihm nicht nur Freude bereiten wird. Und genau das ist auch unser Zugang – kritisch auch mit uns selbst umzugehen.

Wir sind aber auch nicht dafür da, uns Freunde zu machen, sondern wir sind für das Publikum da, und wenn dieses einen Erkenntnisgewinn hat, dann machen wir es richtig.

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