RETAIL
27.11.2015

Fleisch, Autos, alte Leute

Nein, früher war nicht alles besser. Aber einiges schon – und das hätte eine Menge wirtschaftliches Potenzial.

Die Finstere Brille••• Von Natalie Oberhollenzer


WURST-NOSTALGIE. Geht ein Stotterer in einen Supermarkt zur Bedienungsbudel und sagt: „Ich hätte gerne ein Wu... wu... wu... wu..., ach, wurscht, ich hätte gern ein Käsebrot!”

Besser so – es wird ohnehin viel zu viel Wurst gegessen, das ist vielen von uns erst jetzt wieder, im Zuge der WHO-Fleisch/Wurst-Krebs-Geschichte, bewusst geworden. Fest steht jedenfalls, dass noch vor 30, 40 Jahren weit weniger davon vertilgt wurde. Damals war es noch nicht so billig. Damals gab es noch keine Firmen wie die deutsche Tönnies, die 17 Millionen Schweine im Jahr zerlegen lassen, von Menschen, die kaum mehr als 1.000 Euro im Monat verdienen. Und kommt erst mal TTIP, dann wird die Sau noch billiger. Denn die amerikanische wird der Gentechnik sei Dank in noch kürzerer Zeit viel fetter werden als die unsrige. Das spart nochmal Geld. Die Fahrt über den Ozean ist da kosten­effizienzmäßig ein Pappenstiel, und auf den CO2-Fußabdruck wird ohnehin gepfiffen, wenns ums große dumme Geld geht.

Fehlt der Faden?

Ja, das Fleisch war früher wahrscheinlich besser – und es wurde mehr wertgeschätzt, weil es meist nur sonntags auf den Tisch kam. Damals, als in den Haushalten noch in riesigen Kesseln aufgekocht wurde, in so rauen Mengen, dass sich die Tischbretter darunter bogen.

Wonach sich die Verbraucher außerdem noch aus der „guten alten Zeit” sehnen, das ergab eine Nostalgie-Blitzumfrage der Windmaschinen AG, nämlich: Vespa fahren ohne Helm und dabei schön die Haare flattern lassen; Wähl­telefone mit schwerem Hörer (damals hatte man noch was Solides in der Hand); generell die Zeit vor dem Internet und dem Handy, als man noch nicht 24 Stunden erreichbar sein musste und alles ein paar Gänge langsamer vonstatten ging. Eckige, formschöne Autos werden ebenso vermisst wie fließende Stoffe aus Schafwolle oder Flachs, die ums Eck hergestellt, gefärbt und beim Greißler drapiert werden. Die Bonbons, die man in Papierstanitzeln abgefüllt bekommen hat. Alte Menschen, die wie alte Menschen aussehen, wären wieder gefragt, ebenso öffentliche Dorfplätze, auf denen es von Leuten nur so wimmelt. Einen sehnsüchtigen Seufzer rufen bei den meisten Menschen auch die Eissorten aus der Kindheit hervor: Man denke nur an den Erfolg des eigentlich eher chemisch als wohlschmeckenden Tschisi in Österreich. Ein ähnlich großes Hitpotenzial hätte wohl Lacky; das Eis in Huterlform mit Lakritzstange („nicht vergessen, Stiel mitessen”) war im Deutschland der 80er der Heuler unter den Kindern.

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