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© APA/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul

KritikpunktEin mit mehr Pestizideinsatz verbundener Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen schädigt aus Sicht von NGOs die Biodiversität.

Redaktion 16.06.2023

Toxischer Deal bei der Gentechnik?

Mehr Gentechnik, weniger Pestizide, lautet eine Vision. An ihrer Umsetzung wird gefeilt. NGOs warnen.

WIEN. Global 2000, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und foodwatch warnen vor einem „politischen Kuhhandel”: „Die EU-Kommission plant, die Deregulierung der Neuen Gentechnik mit der EU-Pestizidreduktion als ‚Package-Deal' zu verkaufen”, so die Analyse der NGOs.

Der Haken, wie ihn Brigitte Reisenberger von Global 2000 auf den Punkt bringt: „Neue Gentechnikpflanzen bringen keine Pestizidreduktion, sondern nur mehr Kontrolle über das Saatgut.” Und geschickterweise sind die großen Saatguthersteller oft auch die größten Pestizid-produzenten.

Green Deal oder mieser Deal?

Prinzipiell geht es um eine gute Sache, nämlich um die Sustainable Use Regulation (SUR) für Pflanzenschutzmittel. Diese wurde als Teil des „Green Deal” der EU-Kommission in den vergangenen Wochen vor allem von den europäischen Christdemokraten unter Beschuss genommen. Um die Blockade durch die EVP (Europäische Volkspartei) aufzuheben, gibt es jetzt die Überlegung, im Gegenzug einen Gesetzesvorschlag für das EU-Gentechnikrecht aufzuweichen.

Pestizide trotz Gentechnik

Dabei droht, dass Pflanzen der Neuen Gentechnik (NGT) künftig „ohne Kennzeichnung und ohne ausreichende Risikoprüfung auf den Markt kommen”, warnen die NGOs. Den Konnex zur Pestizidreduktion widerlegen sie mit einer Publikation von foodwatch; demnach haben Länder mit hohem Anteil an gentechnisch veränderten Sorten ihre Pestizide eben nicht reduziert.

„In Brasilien beispielsweise hat sich der Pestizidabsatz seit 2000 mehr als vervierfacht. Wenn es um die Reduzierung von Pestiziden in der Europäischen Union geht, ist das Potenzial der Neuen Gentechnik derzeit nahezu gleich Null. Das Potenzial einer Pestizidreduktion durch vorbeugenden Pflanzenschutz und ökologische Aufwertung liegt dagegen bei 60 bis 100 Prozent”, betont Studienautor Lars Neumeister, Pestizidexperte von foodwatch. Er fasst zusammen: „Die Neue Gentechnik wiederholt nur alte, leere Versprechen. Es ist nichts in der Pipeline, was eine Pestizidreduktion erzielen würde.” Im Gegenteil: Genetische Uniformität sei eine Hauptursache für den Einsatz von Pestiziden. Höhere genetische Uniformität führe zu einem höheren Pestizideinsatz und zum Einsatz noch gefährlicherer Pestizide gegen resistente Unkräuter.
Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, die für die Erreichung der von der EU-Kommission deklarierten „Farm-to-Fork”-Ziele (eine Strategie mit dem Ziel, das europäische Lebensmittelsystem in verschiedenen Dimensionen nachhaltiger zu gestalten) geeignet wären, „sind nicht verfügbar”. Und, so die Conclusio seitens foodwatch: Es scheint, als ob sie auch in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht verfügbar sein werden. (red)

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