Wer Fachkräfte will,  muss auch ausbilden
© BFI Wien/Sebastian Kaczor
Franz-Josef Lackinger
CAREER NETWORK Redaktion 15.10.2026

Wer Fachkräfte will, muss auch ausbilden

BFI Wien-Geschäftsführer Franz-Josef Lackinger über die Krise der betrieblichen Ausbildung und die vielschichtigen Bruchstellen am Arbeitsmarkt.

WIEN. Die Diskussion um die Zukunft der Lehre ist neu entbrannt: Während Unternehmen über fehlenden Nachwuchs klagen, geht die Zahl der Lehrlinge in österreichischen Betrieben weiter zurück. Ende September waren dort laut Wirtschaftskammer rund 95.000 Lehrlinge beschäftigt, 4,3% weniger als im Vorjahr. Nur die überbetriebliche Lehrausbildung verzeichnet Zuwächse: Hier stieg die Zahl um fünf Prozent auf knapp 6.000 Jugendliche. Besonders angespannt ist die Lage in Wien, wo deutlich mehr Lehrstellensuchende als offene Lehrstellen registriert sind. Gleichzeitig wird über Kosten, Verantwortung und die Rolle der überbetrieblichen Ausbildung gestritten.

Was läuft also schief, wenn junge Menschen keine Lehrstelle finden, während Unternehmen über Fachkräftemangel klagen? medianet sprach mit Franz-Josef Lackinger, Geschäftsführer des BFI Wien, über die Bruchstellen am Arbeitsmarkt und die Zukunft der Lehre.

medianet: Herr Lackinger, in Wien suchen Tausende Jugendliche eine Lehrstelle, gleichzeitig klagen Unternehmen über fehlende Fachkräfte. Akademiker sorgen sich um ihre Jobs wegen des KI-Hypes, während andernorts verzweifelt nach Personal gesucht wird. Ist ‚der Arbeitsmarkt‘ überhaupt noch eine sinnvolle Kategorie?
Franz-Josef Lackinger: Wir reden oft von ‚dem Arbeitsmarkt‘, als müsste man nur offene Stellen und arbeitsuchende Menschen zusammenbringen. So einfach ist es aber nicht. In Wahrheit gibt es viele Teilarbeitsmärkte mit unterschiedlichen Voraussetzungen – Qualifikation, Alter, Region, Sprache, Berufserfahrung oder Konjunktur spielen eine Rolle. Deshalb ist es kein Widerspruch, dass Jugendliche keine Lehrstelle finden, während anderswo Fachkräfte fehlen. Der Arbeitsmarkt ist vor allem ein Matching-System – und dieses Matching funktioniert derzeit an vielen Stellen nicht gut genug.

medianet: Wenn das Problem weniger ein genereller Mangel an Menschen als ein Missverhältnis zwischen vorhandenen und benötigten Qualifikationen ist: Wo sehen Sie derzeit die größten Bruchstellen?
Lackinger: Vor allem an den Übergängen: von der Schule in die Ausbildung, von der Ausbildung in den Beruf oder nach einem Jobverlust zurück in Beschäftigung. Wir verlieren Menschen oft nicht, weil ihnen grundsätzlich Fähigkeiten fehlen, sondern weil im entscheidenden Moment die passende Brücke fehlt. Gleichzeitig suchen Unternehmen immer spezifischer nach Menschen, die möglichst sofort alle Anforderungen erfüllen. Das macht die Lücke zusätzlich größer.

medianet: Anfang September standen in Wien 5.440 Lehrstellensuchenden gerade einmal 496 sofort verfügbare offene Lehrstellen gegenüber. Gleichzeitig bilden immer weniger Betriebe Lehrlinge aus. Was läuft hier grundsätzlich falsch?
Lackinger: Da kommen mehrere Dinge zusammen. Die wirtschaftliche Lage spielt eine Rolle, gleichzeitig wird Lehrlingsausbildung anspruchsvoller. Berufsbilder werden komplexer und viele Jugendliche brauchen mehr fachliche, sprachliche oder soziale Begleitung. Gerade kleine Betriebe können das oft schwer leisten. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Lehrbetriebe seit Jahren. Das eigentliche Problem ist also nicht, dass Jugendliche keine Ausbildung wollen. Ausbildung braucht Zeit, Personal und Verantwortung. Eine Fachkraft fällt eben nicht mit 18 vom Himmel – man muss sie vorher ausbilden.

medianet: Gerade kleinere Betriebe können immer komplexere Berufsbilder oft nicht vollständig selbst abdecken. Braucht Österreich deshalb stärker arbeitsteilige Modelle – etwa Ausbildungsverbünde? Und müsste die überbetriebliche Lehre damit stärker vom Auffangnetz zum regulären Bestandteil des Systems werden?
Lackinger: Ja, solche Modelle können sehr sinnvoll sein. Nicht jeder Betrieb kann heute jedes komplexe Berufsbild vollständig selbst abdecken. Kooperation zwischen Unternehmen, Berufsschulen und Ausbildungseinrichtungen kann hier viel leisten. Und die überbetriebliche Lehre ist längst mehr als ein Auffangnetz. Unsere Jugendlichen haben dieselben Berufsbilder, besuchen dieselben Berufsschulen und absolvieren dieselbe Lehrabschlussprüfung. In unseren Häusern liegt die Lehrabschlussquote regelmäßig bei über 80 Prozent. Die ÜBA ist damit längst ein etablierter Ausbildungsweg.

medianet: In Wien wird schon knapp jeder fünfte Lehrling zumindest vorerst überbetrieblich ausgebildet – deutlich mehr als in jedem anderen Bundesland. Ist das ein Zeichen dafür, dass das System eine notwendige Lücke erfolgreich schließt, oder ein Warnsignal dafür, dass sich zu viele Betriebe aus der Ausbildung zurückziehen?
Lackinger: Eigentlich beides. Einerseits zeigt er, dass Wien über ein dichtes System verfügt, das Jugendliche nicht fallen lässt, wenn sie keine betriebliche Lehrstelle finden. Das ist eine große Stärke. Andererseits darf die ÜBA kein Argument dafür sein, dass Betriebe weniger ausbilden. Die betriebliche Lehre bleibt unverzichtbar. Im Idealfall arbeiten beide Systeme eng zusammen – mit dem Ziel, Jugendliche möglichst gut und möglichst betriebsnah auszubilden.

medianet
: Auf der anderen Seite steht der viel zitierte Fachkräftemangel. Der Fachkräfteradar 2026 spricht trotz schwacher Konjunktur von rund 155.000 offenen Fachkräftestellen in Österreich; 78 Prozent der Unternehmen geben an, den Mangel zu spüren. Wird der Begriff trotzdem zu pauschal verwendet? Wo herrscht tatsächlich ein quantitativer Mangel – und wo vor allem ein Qualifikations- oder Matchingproblem?
Lackinger: Teilweise ja. Fachkräftemangel ist real – aber man muss genauer fragen: In welcher Branche? In welcher Region? Auf welchem Qualifikationsniveau? Und zu welchen Bedingungen? Es gibt echten Mangel, etwa in Teilen der Technik, des Handwerks, der Pflege oder Digitalisierung. Es gibt aber auch Matchingprobleme. Wenn niemand eingeschult werden soll und Quereinsteiger kaum Chancen bekommen, ist das etwas anderes. Fachkräfte kann man nicht wie Büromaterial bestellen. Sie entstehen durch Ausbildung, Erfahrung und Weiterbildung.

medianet: Unternehmen suchen häufig nach fertig ausgebildeten Fachkräften, die möglichst exakt auf ein Stellenprofil passen. Ist diese Erwartung angesichts der demografischen Entwicklung überhaupt noch realistisch? Müssen Unternehmen künftig wesentlich stärker dazu übergehen, Fachkräfte selbst zu entwickeln, statt sie auf dem Arbeitsmarkt zu suchen?
Lackinger: Ich glaube, daran führt kaum ein Weg vorbei. Die Vorstellung, dass jederzeit exakt die fertig ausgebildete Person mit allen gewünschten Zusatzkompetenzen am Arbeitsmarkt wartet, wird immer unrealistischer. Unternehmen werden stärker fragen müssen: Wer hat Potenzial – und was können wir entwickeln? Das betrifft Lehrlinge genauso wie Quereinsteiger oder bestehende Mitarbeiter. Wir werden künftig weniger über das Suchen und stärker über das Entwickeln von Fachkräften sprechen. Genau dabei können Weiterbildungseinrichtungen wie das BFI Wien unterstützen – mit Qualifizierung, die auf dem vorhandenen Wissen der Mitarbeiter aufbaut.

medianet: Der demografische Wandel erhöht gleichzeitig den Druck, Menschen länger im Erwerbsleben zu halten. Das AMS verweist besonders auf die stärkere Erwerbsbeteiligung Älterer als einen Hebel gegen künftige Engpässe. Was müsste sich in Unternehmen ändern, damit „länger arbeiten“ nicht einfach bedeutet, denselben Job einige Jahre länger auszuüben, sondern Beschäftigte auch mit 50 oder 60 realistische Entwicklungs- und Wechselmöglichkeiten haben?
Lackinger: Wir können nicht einerseits sagen, Menschen sollen länger arbeiten – und jemanden mit 55 im Recruiting praktisch abschreiben. Ein längeres Erwerbsleben braucht auch Entwicklungsmöglichkeiten: Weiterbildung, Umschulung, neue Aufgaben und flexible Arbeitsmodelle. Weiterbildung mit 50 ist meist kein Neustart bei null, sondern ein Umbau: vorhandene Erfahrung wird mit neuen Kompetenzen verbunden. Wir erleben am BFI Wien immer wieder, wie wertvoll genau dieses Zusammenspiel sein kann.

medianet: Damit stellt sich auch die Frage nach der Halbwertszeit von Qualifikationen. Welches Rüstzeug braucht ein Mensch heute, wenn ein Erwerbsleben 40 oder 45 Jahre dauert? Welche Kompetenzen bleiben Ihrer Einschätzung nach langfristig wertvoll, obwohl sich konkrete Tätigkeitsprofile laufend verändern?
Lackinger: Wenn ich eine nennen müsste, wäre es Lernfähigkeit. Natürlich braucht es Fachwissen. Aber genauso wichtig werden Problemlösung, Kommunikation, kritisches Denken, Verantwortungsbewusstsein und digitale Grundkompetenzen. Auch KI gehört dazu: Nicht jeder muss programmieren, aber jeder sollte verstehen, was diese Werkzeuge können und wo ihre Grenzen liegen. Entscheidend ist nicht, mit 20 alles gelernt zu haben – sondern mit 40, 50 oder 60 noch lernen zu können.

medianet: Weiterbildung wird gern zur gemeinsamen Verantwortung von Arbeitnehmern, Unternehmen und Staat erklärt. In der Praxis stellt sich aber die Verteilungsfrage: Wer soll Zeit und Kosten tragen? Und investieren Unternehmen heute ausreichend in jene Beschäftigten, deren Qualifikationen erst in fünf oder zehn Jahren unter Druck geraten könnten – oder beginnt Weiterbildung noch immer zu häufig erst dann, wenn der Arbeitsplatz bereits gefährdet ist?
Lackinger: Weiterbildung ausschließlich als Privatproblem des Einzelnen zu sehen, halte ich für falsch. Es profitieren der Mensch selbst, das Unternehmen und die Gesellschaft. Deshalb sollte Verantwortung auch geteilt werden – finanziell und über Zeit. Und Weiterbildung setzt noch immer zu oft erst dann ein, wenn der Arbeitsplatz bereits gefährdet ist. Eigentlich müsste sie viel früher beginnen. Weiterbildung sollte stärker als Infrastruktur des Arbeitsmarktes verstanden werden. Dafür braucht es flexible, berufsbegleitende und modulare Angebote. Genau diese Nachfrage sehen wir auch am BFI Wien sehr deutlich.

medianet: Seit 2026 gibt es mit Weiterbildungszeit und Weiterbildungsteilzeit ein neues Fördermodell. Es soll Weiterbildung stärker auf arbeitsmarktrelevante Qualifikationen ausrichten und sieht u.a. konkrete Bildungsziele und Mindestumfänge vor. Ist das aus Ihrer Sicht ein Fortschritt – oder besteht die Gefahr, dass gerade jene Menschen, die Weiterbildung am dringendsten brauchen, an zeitlichen, finanziellen oder formalen Hürden scheitern?
Lackinger: Die stärkere Ausrichtung auf arbeitsmarktrelevante Qualifikationen ist grundsätzlich sinnvoll. Gleichzeitig muss man immer fragen: Wer kann diese Angebote tatsächlich nutzen? Nicht jeder kann umfangreiche Weiterbildung einfach in seinen Alltag integrieren. Betreuungspflichten, finanzielle Verpflichtungen oder andere Lebensrealitäten können schnell zur Hürde werden. Entscheidend wird deshalb sein, ob das Modell gerade jene erreicht, die Weiterbildung besonders dringend brauchen – und zwar möglichst bevor der Arbeitsplatz gefährdet ist.

medianet: Und schließlich KI: Gerade in Büro-, Wissens- und Einstiegsjobs wächst die Sorge, dass generative KI klassische Junior-Aufgaben übernimmt; das birgt große Risiken für Berufseinsteiger. Woran erkennt man eine Weiterbildung, die Menschen für den KI-geprägten Arbeitsmarkt tatsächlich besser qualifiziert – und nicht nur ein neues Buzzword verkauft?
Lackinger: Eine gute KI-Weiterbildung beginnt nicht mit hundert Prompts, sondern mit der Frage: Was kann ich in meinem konkreten Beruf mit dieser Technologie sinnvoll besser machen? Entscheidend sind nicht nur Tools, sondern Urteilskraft: Ergebnisse prüfen, gute Fragen stellen, Daten verstehen, fachliches Wissen anwenden und wissen, wo die Verantwortung beim Menschen bleibt. KI automatisiert vor allem Tätigkeiten und Routinen. Dadurch werden Anwendungskompetenz, Kontextverständnis, kritisches Denken und Lernfähigkeit wichtiger. Genau darauf achten wir auch bei unseren KI-Weiterbildungen am BFI Wien: Es geht nicht darum, Menschen ein paar Tools oder Prompts zu zeigen, sondern darum, KI sinnvoll und verantwortlich im eigenen Beruf einsetzen zu können.

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