••• Von Alexander Haide
Alexandra Reinagl ist als Vorsitzende Geschäftsführerin der Wiener Linien Chefin des bevorzugten Verkehrsmittels der Menschen in Wien: Im Jahr 2025 nutzten 903 Mio. Fahrgäste die Öffis – im Schnitt waren rund 2,47 Mio. Fahrgäste täglich mit U-Bahn, Bus und Bim unterwegs – ein Plus von drei Prozent im Vergleich zu 2024. Heuer gerieten die Wiener Linien immer wieder in die Schlagzeilen – die wichtigsten Themen erörtert die Wiener Linien-Chefin im medianet-Interview.
medianet: Die Wiener Linien haben eine turbulente Zeit hinter sich, von der Fahrpreiserhöhung bis zu intensiven Baustellenaktivitäten. Ist absehbar, wann die Wiener Linien wieder in ruhigeres Fahrwasser steuern?
Alexandra Reinagl: Die Wiener Linien stehen niemals still und das ist auch gut so. Wir bewegen jeden Tag rund 2,5 Mio. Menschen durch die Hauptstadt. Kaum jemand kommt mit den Wiener Linien nicht in Berührung, deshalb beschäftigt uns auch eine Vielzahl an Themen.
Mir ist wichtig, dass wir auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten für Stabilität sorgen, sowohl im Unternehmen als auch für die Fahrgäste. Was die Mitarbeiter der Wiener Linien tagtäglich leisten, macht einen echten Unterschied für ganz Wien.
medianet: Die Wiener Linien haben den Seniorenfahrschein abgeschafft. Ist das nicht eine nachhaltige Benachteiligung für jene Senioren, für die sich eine Jahreskarte nicht auszahlt?
Reinagl: Wir wollen mit der neuen Tarifstruktur bewusst jene Menschen entlasten, die regelmäßig in Wien mit den Öffis unterwegs sind. Mit der Jahreskarte Senior erhalten ältere Fahrgäste daher einen spürbaren Rabatt und können um nur 80 Cent pro Tag das gesamte Netz der Wiener Linien nutzen. Aktuell haben bereits mehr als 150.000 Wiener Senioren eine Jahreskarte, das ist knapp ein Drittel aller in Wien lebenden Senioren. Tendenz steigend. Senioren-Einzelfahrscheine werden zu einem großen Teil von Nicht-Wienern bezogen.
medianet: Gefühlt war der heurige Sommer geprägt von extrem vielen Baustellen, die den Öffi-Betrieb störten. Waren Baustellen und Betriebsstörungen in dieser Menge gleichzeitig nötig, noch dazu mit Sanierungen der Schnellbahn durch die ÖBB?
Reinagl: Niemand sperrt mit Freude eine Strecke, aber alle unsere Modernisierungen und Baustellen sind notwendig, damit wir in Wien auch in Zukunft ein verlässliches, sicheres und effizientes Öffi-Netz haben. Mit unserer Modernisierungsoffensive ‚Netz erst recht!‘ fokussieren wir bei Gleiserneuerungen auf ganze Straßenabschnitte, statt vieler kleiner ‚kosmetischer Eingriffe‘. Das bringt für Fahrgäste spürbare Verbesserungen und Anrainer haben nur einmal eine Baustelle vor der Türe. Wir stimmen uns in der Baustellenplanung eng mit den ÖBB und der Stadt Wien ab, sodass wir nicht gleichzeitig an wichtigen Ausweichrouten arbeiten.
medianet: Die ‚Grüne Welle‘ für Öffis soll ausgebaut werden – wie ist der Stand der Dinge und wird das den Individualverkehr deutlich ‚entschleunigen‘?
Reinagl: Unser Ziel ist klar: Vorrang für viele, statt Stau für alle. Mit der Beschleunigungsoffensive ‚Mehr Tempo für Bus und Bim‘ schauen wir uns an, wo wir die Öffis noch schneller machen können. Sei es durch eine bessere Ampelschaltung, getrennte Bim- und Autospuren oder die Entschärfung von Falschparker-Hotspots. Bei der Linie D haben wir bereits den Großteil der Maßnahmen umgesetzt und unsere Fahrgäste werden künftig pro Fahrtrichtung drei Minuten schneller sein.
medianet: Die Wiener Linien bieten auch Leihfahrräder an. Wie hat sich das Bike-Sharing-Geschäft entwickelt?
Reinagl: WienMobil Rad hat sich zu einem festen Bestandteil des Wiener Mobilitätsangebots entwickelt. Heute stehen rund 3.700 Räder an 250 Stationen in allen 23 Bezirken zur Verfügung. Das beliebte Angebot ergänzt Bus, Bim und U-Bahn insbesondere auf der ersten und letzten Meile einer Strecke optimal. Neben den klassischen WienMobil Rädern gibt es auch Räder mit Kindersitzen, Lastenräder und 600 E-Bikes. Ein besonderer Meilenstein in diesem Jahr ist für mich auch die Zusammenarbeit mit der Universität Wien: Studierende der Hauptuni fahren seit dem Wintersemester 2026 immer die ersten 30 Minuten mit WienMobil Rad gratis.
medianet: Im Zuge der Hitzewellen wurde oft moniert, dass zu wenige Fahrzeuge klimatisiert sind. Gibt es hier Pläne zu verstärkter Kühlung?
Reinagl: Knapp 80 Prozent unserer Flotte sind bereits klimatisiert und der Anteil der klimatisierten Fahrzeuge steigt stetig mit jedem neuen Fahrzeug. Unser Ziel ist und bleibt 100 Prozent. Um unsere dichten Intervalle halten zu können, brauchen wir aber den Einsatz von allen Fahrzeugen. Wir versuchen für unsere Fahrgäste immer ein möglichst angenehmes Klima zu schaffen, mit den Rahmenbedingungen, die uns zur Verfügung stehen. Im Sommer schicken wir etwa bevorzugt klimatisierte Fahrzeuge auf die Strecke.
medianet: Vor allem Schienenstrecken sind durch extreme Hitze belastet – wie sieht hier die Situation im Straßen- und U-Bahn-Bereich aus? Sind die Gleiskörper langfristig fit für große und lange Hitzeperioden?
Reinagl: Die Hitze hat uns alle spüren lassen, dass unsere Städte und Infrastrukturen für ein anderes Klima gebaut wurden. Wir sind in Wien aufgrund von laufenden Investitionen in unsere Infrastruktur gut aufgestellt. Hitzebedingte Schäden, wie Gleisverformungen oder Beeinträchtigungen technischer Anlagen, können bei Extremtemperaturen aber nicht gänzlich ausgeschlossen werden und sind auch bei uns im vergangenen Sommer an der einen oder anderen Stelle passiert. Deshalb bleibt Klimaanpassung eine Daueraufgabe. Mein Dank gilt auch dem außerordentlichen Einsatz der Mitarbeiter in diesem Sommer. Hohe Temperaturen bedeuten nicht nur für Gleise, Weichen und technische Anlagen zusätzliche Belastung, sondern auch für die Kollegen. Unser Team ist laufend unterwegs und kontrolliert den Zustand der Infrastruktur.
medianet: Wie sieht die Personalsituation aus? Verfügen die Wiener Linien über ausreichend Fahrerinnen und Fahrer für Bus, Bim und U-Bahn?
Reinagl: Ich bin stolz auf unser Team Öffi-Liebe, das sich aus 70 Nationen und diversen Professionen zusammensetzt. Wir sind ein starker Ausbildungsbetrieb und bieten zahlreiche verschiedene Lehrberufe von der Mechatronik bis zum Gleisbau. Wir bilden auch im Fahrdienst selbst und auf einem sehr hohen Niveau aus, das zeigt sich auch in der hohen Resilienz, die unsere Kollegen Tag und Nacht unter Beweis stellen.
medianet: Welche große Vorhaben stehen bei den Wiener Linien demnächst auf dem Programm, welche Schwerpunkte werden Sie setzen?
Reinagl: Ein großer Schwerpunkt ist die Beschleunigungsoffensive ‚Mehr Tempo für Bus und Bim‘, die wir gemeinsam mit der Stadt Wien umsetzen. Das Augenmerk ist auf Schnelligkeit und Intervalltreue ausgerichtet, um die Öffis und damit unsere Fahrgäste noch schneller durch die Stadt zu bringen. Besonders lange und dicht getaktete Linien stehen im Fokus. Wir erhöhen nicht nur die Schnelligkeit, sondern auch die Zuverlässigkeit und dadurch werden die Linien noch attraktiver für unsere Fahrgäste. Mir ist aber auch die weitere Attraktivierung des Vertriebes ein Anliegen und wir setzen unsere Anstrengungen weiter in möglichst einfache und digitale Zugänge zum Ticketerwerb. Aber es wird auch mit den Baustellen weitergehen, da eine funktionsfähige und stabile Infrastruktur unerlässlich ist für weiterhin attraktive Öffis. Wir wollen weiterhin die Rankings anführen.