financenet Serie “The News World Order IV”: US-Midterms – Was der Machtkampf für Anleger bedeutet

Können die US-Zwischenwahlen den Umbau der internationalen Ordnung bremsen? In der vierten Ausgabe der „financnet“-Talk-Reihe „The New World Order“ diskutierte medianet-Herausgeber Chris Radda mit FTC-Capital-Gründer und CEO Eduard Pomeranz, dem Ökonomen und WU-Professor Stephan M. Klinger sowie Eric Samuiloff, Obmann der Fachgruppe Finanzdienstleister der Wirtschaftskammer Wien. Im Mittelpunkt standen die Rivalität zwischen den USA und China, die Rolle Europas und die Folgen für die Vermögensanlage.

Eduard Pomeranz betrachtet die Midterms als Teil eines größeren wirtschafts-, gesellschafts- und geopolitischen Machtkampfs. Seine These: Die USA würden ihre Macht nun dafür einsetzen, jene liberale Weltordnung zurückzudrängen, die sie selbst maßgeblich aufgebaut hätten. Europa könne aus seiner wirtschaftlichen Bedeutung dabei nicht automatisch einen gleichrangigen politischen Einfluss ableiten. „Handelsströme und wirtschaftliche Macht sind nicht gleichzusetzen mit politischer und militärischer Macht“, argumentiert er.
Stephan M. Klinger setzt einen anderen Akzent. Den Aufstieg Chinas und des globalen Südens versteht er zunächst als Ergebnis eines wirtschaftlichen Aufholprozesses. Die Globalisierung sei „wahrscheinlich das größte Armutsbekämpfungsprojekt, das die Welt jemals gesehen hat“. Internationale Arbeitsteilung und offene Absatzmärkte hätten diesen Prozess ermöglicht. Chinas exportorientierte Industrie bleibe allerdings darauf angewiesen, dass andere Länder ihre Produkte abnehmen. Zölle und eine schwächere Nachfrage könnten dieses Modell unter Druck setzen.
Zugleich hält Klinger eine strategische Lesart der US-Politik für möglich: Wer mit dem Zerfall der regelbasierten Ordnung rechne, könne versuchen, den Übergang mitzugestalten, solange die eigene Macht noch groß sei. Die US-Regierung zeige jedenfalls den Willen, Handelsströme kurzfristig umzulenken. Der Annahme, konservative Regierungen stünden automatisch auf der Seite Washingtons, widerspricht er.
Für Anleger übersetzt sich diese Unsicherheit in zwei Aufgaben. „Asset Allocation und Asset Protection sind zu gleichwertigen Herausforderungen geworden“, meint Eric Samuiloff. Neben der Streuung über Länder und Branchen gehe es um die Frage, wo Vermögen verwahrt wird, welchem Recht es unterliegt und ob es im Bedarfsfall verfügbar ist. Seine fünf Faktoren für Kapitalsouveränität: Rechtsstaatlichkeit, Währung, Verwahrung, Resilienz und Liquidität.
Auch Pomeranz plädiert für Portfolios, die unterschiedliche Szenarien berücksichtigen. An eigenen Fehleinschätzungen zu Russland und Saudi-Arabien erläutert er, wie vermeintliche Sicherheiten durch politische Ereignisse entwertet werden können. Für die Beratung folgt daraus nach Samuiloffs Einschätzung ein veränderter Anspruch: „Der Kunde muss den begründeten Eindruck haben, dass man sich mit allen komplexen Details beschäftigt hat.“

Eine politische Entwarnung erwarten Pomeranz und Klinger selbst bei republikanischen Verlusten nicht. Pomeranz rechnet mit einer demokratischen „blauen Welle“, sieht den Kurs der Regierung dadurch aber kaum gebremst. Klinger erwartet bei einem verstärkten Einsatz präsidentieller Dekrete, dass der Supreme Court als Korrektiv wichtiger werden könnte. Auch Samuiloff zeigt sich gegenüber einer Kurskorrektur der US-Administration skeptisch. Die Midterms erscheinen in dieser Lesart als Einflussfaktor auf den Machtkampf – eine Rückkehr zu verlässlichen Rahmenbedingungen versprechen sie nicht.

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