macro #11 – Der Blick aufs Ganze: Selbstständig werden durch Übernahme
Wer Unternehmer werden will, muss nicht bei null beginnen. Im medianet-Wirtschafts-TV-Format „macro“ spricht Unternehmensberater Andreas Kraus mit medianet-Verlagsleiter Bernhard Gily über Betriebsübernahmen als Alternative zur Neugründung. Der Sprecher der Experts Group „Unternehmensgründung und Startups“ der Fachgruppe UBIT der WKWien und Leiter des Nachfolge-Hubs im Österreichischen Gewerbeverein sieht Chancen in bestehenden Betrieben – aber auch Hürden bei Vorbereitung, Informationszugang und Finanzierung.
Hinter dem Gründungsboom von 40.000 Unternehmensgründungen im Jahr 2025 erkennt Kraus einen veränderten Zugang zur Selbstständigkeit. Viele Menschen wollten ihre berufliche Expertise eigenständig anbieten, ohne gleich einen größeren Betrieb mit zahlreichen Beschäftigten aufzubauen. Die Zahl der Gründungen allein sagt daher wenig darüber aus, welche Unternehmensstrukturen daraus entstehen.
Bei der Wahl der Rechtsform steht Kraus der flexiblen Kapitalgesellschaft, kurz FlexCo, positiv gegenüber. Als Vorteil nennt er Unternehmenswertanteile, mit denen sich weitere Personen am wirtschaftlichen Erfolg beteiligen lassen. In einer seiner Gesellschaften arbeite man an entsprechenden Konzepten. Zugleich berichtet er von anhaltenden Unsicherheiten im Umgang mit der Rechtsform, etwa bei Banken und Notariaten. „Ich habe auch selber eine flexible Kapitalgesellschaft im Einsatz“, sagt Kraus.
Für den Einstieg ins Unternehmertum lohnt sich aus seiner Sicht besonders der Blick auf bestehende Firmen. Rund 50.000 heimische Firmen suchen bis 2028 einen Nachfolger. Kundenbeziehungen, Mitarbeiter und erprobte Abläufe bieten eine Ausgangsbasis, die Neugründer erst schaffen müssen. Kraus bringt es auf den Punkt: „Da läuft etwas, da gibt es eine Historie.“ Gut aufbereitete Geschäftszahlen könnten auch Bankgespräche erleichtern, sofern ausreichend Eigenkapital vorhanden sei.
Allerdings sind Betriebe nicht automatisch übergabefähig. Kraus vermisst in der Praxis häufig dokumentierte Prozesse und eine nachvollziehbare Finanzstruktur, etwa eine Liquiditätsplanung. Manche Eigentümer beschäftigten sich erst spät mit der Nachfolge. Auf der anderen Seite fehle Interessenten oft der Zugang zu Informationen darüber, welche Unternehmen überhaupt zur Übernahme stehen.
Auch zwischenmenschlich verlangt der Eigentümerwechsel Vorbereitung. Kraus begleitet nach eigener Darstellung Gründer auf der Übernehmerseite. Für Fragen der Organisationsentwicklung und kulturelle Veränderungen zieht er spezialisierte Partner hinzu. „Aus meiner Sicht braucht es da ganz viele Disziplinen“, betont er. Der Nachfolge-Hub des ÖGV Österreichischen Gewerbeverein soll Übergeber und potenzielle Nachfolger in den jeweiligen Phasen mit passenden Fachleuten zusammenbringen.
Eine zentrale Hürde bleibt der Kaufpreis. Als Beispiel nennt Kraus eine Tischlerei, für die samt Gebäude und Maschinen knapp zwei Millionen Euro verlangt würden. Selbst wenn geeignete Nachfolger vorhanden seien, fehle häufig die Finanzierung. Gerade Beschäftigte, die ihren Betrieb gut kennen, hätten nicht zwangsläufig genügend Vermögen für die erforderlichen Sicherheiten.
Hier sieht Kraus einen Ansatzpunkt für die Politik: Zusätzliche Garantien oder andere Finanzierungsinstrumente könnten Übernahmen kleiner und mittlerer Betriebe erleichtern. Damit würde der Weg in die Selbstständigkeit auch jenen offenstehen, die das fachliche und betriebliche Wissen bereits mitbringen, den Kauf aber nicht allein finanzieren können.