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Redaktion 08.09.2023

Die Energiebranche muss sich völlig neu erfinden

Struktureller Wandel in den Sektoren Energie und Mobilität: Neue Geschäfts­modelle entwickeln sich in Richtung Servicierung und neuer Organisationsformen.

••• Von Matthias Deeg und Peter Sattler

Wer braucht noch Versorger, wenn sich Privatpersonen und Unternehmen selbst mit Energie versorgen? Diese Frage sollte höchste Priorität in der Strategie der Energieunternehmen haben. Die Plattformökonomie macht auch vor Energie und Mobilität nicht Halt: Eine Adaption bewährter digitaler Modelle aus anderen Branchen ist essenzieller Teil einer zukunftsfähigen Unternehmensstrategie. Zudem verändern neuartige Partnerschaften den Wettbewerb. Während viele Automobilkonzerne Joint Ventures wie ionity gründen, um eine gemeinsame elektrische Ladeinfrastruktur aufzubauen, machen Energiekonzernen kleine, innovative Unternehmen Konkurrenz im Stammkundengeschäft. Unternehmen wie z.B. Shell neigen dann zu Übernahmen – wie bei der sonnen GmbH.

Kein Randthema

Während sich in anderen Branchen (z.B. Retail) Aspekte der Nachhaltigkeitstransformation auf Verpackung, Logistik, Energieversorgung und Produktdesign beziehen, ändern sich in der Energiewirtschaft und in verwandten Branchen die Spielregeln von Grund auf, und Geschäftsmodelle werden vollständig verändert. Eine Dekarbonisierung im Rahmen der bisherigen Strukturen, vorgegeben durch große Energiekonzerne, ist nur unzureichend möglich, da sich mit der Energiewende zwangsläufig auch das Kundenverhalten ändert. Unsicherheit, Preissteigerungen und auch ziviler Aktivismus führen zum Megatrend „Teilhabe von Individuen an der Energiewende”. Privatpersonen sind nicht mehr nur Konsumenten, sondern viele werden zu Stakeholdern mit unternehmerischen Tendenzen, unterstützt durch Komplettpakete neuer Anbieter, welche die Energieversorgung durch eigene oder lokal nahe Erzeugung (Energiegemeinschaften), Mobilitätslösungen (E-Auto-Leasing, Ladeinfrastruktur) und sogar Speicherlösungen (Batterien, Wärmepumpen, etc.) umfassen. Diese neue Teilhabe bzw. die Rolle als Asset-Owner hat bei entsprechendem Marktwachstum das Potenzial, Konzerne aus ihrer Rolle als Anlagenbetreiber und Versorger zu verdrängen.

Nachhaltige Geschäftsmodelle

Die Gründungsmotive für Start-ups mit nachhaltigen Geschäftsmodellen sind vielfältig. Bei ionity stand die Notwendigkeit der Übernahme von Ladeinfrastrukturen für E-Autos im Vordergrund, um damit einen unbedingt notwendigen, größeren Abdeckungsgrad zu erreichen und um ein flächendeckendes Netz für E-Mobilität aufzubauen. Zusätzliche Dienstleistungen, wie das Vernetzen von Kunden mit ähnlichen Interessen, richten sich an ein zunehmendes Vernetzungs- und Autarkiebedürfnis bei modernen Kunden. Das automatische Laden und Bezahlen basiert auf einem Digital-Zertifikat-Authentifizierungsprozess.

Die sonnenCommunity der sonnen GmbH wiederum stellt Software für den Betrieb von Energiegemeinschaften zur Verfügung (Virtual Power Plants), die Privatpersonen einen Netzzugang ermöglicht und finanziell an der Stromerzeugung und dem Energieverbrauch beteiligt. Dabei erleichtert die sonnenCommunity alle Prozesse zur Teilnahme mit einer PV-Anlage am Strommarkt durch die Standardisierung für Kundenschema und das Anbieten entsprechender unterstützender Software und Prozesse. Die digitale Verwaltung vereinfacht zudem das Handling von Batterien und PV-Anlagen.
Dabei ergeben sich sowohl bei ionity als auch bei der sonnen GmbH Synergien zwischen Hardware-Produkten und Dienstleistungen. ionity bietet dabei als Joint Venture von Automobilkonzernen zusätzlich Ladedienstleistungen an, während die sonnen GmbH ihre Kompetenz und Kundenbasis in energietechnischen Batteriespeichern nutzt, um Energiegemeinschaften eine technische, finanzielle und rechtliche Basis für die Teilnahme an großen Ökosystemen anzubieten.

Erfolgsparameter

Unternehmen in der Energiebranche sind also angehalten, sich weiterzuentwickeln. Nachhaltige Geschäftsmodelle müssen aufgenommen werden, um in der Energiewende mithalten zu können. Die Skalierung dieser Geschäftsmodelle ist dabei oftmals der Schlüssel zum Unternehmenserfolg. Start-ups bieten großen Energieunternehmen die Möglichkeit, durch vergleichsweise ­kleine, wenn auch riskante Investments neue Geschäftsmodelle außerhalb der langsam mahlenden Konzernmühlen zu testen. So können große Kon­zerne auch das Risiko im ­Rahmen eines Venturing-Modells auf viele Start-ups ­verteilen, was vor allem dann Sinn macht, wenn noch nicht absehbar ist, welche Technologie oder welches Geschäfts­modell sich am Ende durch­setzen wird.

Bei ionity war von Beginn an eine relativ große Anzahl an Konzernen – wie die Auto­mobilhersteller BMW, Ford, Hyundai, Mercedes-Benz, Volkswagen mit Audi und Porsche sowie die BlackRocks Cli­mate Infrastructure Platform als Finanzinvestor – involviert, die ihre Interessen und Ressourcen bündelten. Ähnlich verhielt es sich bei der sonnen GmbH – es kam zu einem Zufluss von Ressourcen durch die Übernahme durch Shell und die Eingliederung in deren New Energies-Sparte.

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