INDUSTRIAL TECHNOLOGY
© Andritz

Industrie 4.0 Beim Projekt „Digitale Fabrik” an der FH Technikum Wien sorgen Robotinos für den flexiblen Transport von Produkten.

PAUL CHRISTIAN JEZEK 27.05.2016

Das menschliche Antlitz der Industrie ist ziemlich düster

Das aktuelle „Trendbarometer Industriemitarbeiter” von Festo brachte ernüchternde Resultate:
„Industrie 4.0” ist weitgehend unbekannt und bei der Weiterbildung der Mitarbeiter hapert es ordentlich.

••• Von Paul Christian Jezek


Es war eine Premiere, und die Qualität der Resultate ist durchaus diskussionswürdig: Erstmals wurden in Österreich Mitarbeiter der produzierenden Industrie zum Thema Industrie 4.0 befragt – mehr als 500 Interviews wurden im Auftrag von Festo vom Gallup Institut durchgeführt.

Die Haupterkenntnis aus den Ergebnissen der repräsentativen Studie: Nur ein Viertel der Befragten gibt an, ziemlich genau zu wissen, was man unter Industrie 4.0 versteht. 26% geben an, eine ungefähre Vorstellung davon zu haben. Rund die Hälfte der Mitarbeiter in produzierenden Industriebetrieben in Österreich weiß es jedoch nicht bzw. hat den Begriff Industrie 4.0 noch nie gehört.
Genaueres Nachfragen verschlimmerte die Situation noch: Jene Mitarbeiter, die angaben, den Begriff zu kennen bzw. zumindest eine ungefähre Vorstellung davon zu haben, wurden um eine Erklärung/Definition von Industrie 4.0 gebeten. Und hier konnten nur mehr 71% der „vermeintlich Wissenden”, d.h. rund 180 Personen, ein treffendes Schlagwort – wie etwa Digitalisierung, Vernetzung, Kommunikation, Automatisierung oder Internet der Dinge – nennen.

Ahnungslose Mitarbeiter

Die Nachfrage zeigt somit, dass tatsächlich sogar nur 40% den Begriff Industrie 4.0 kennen. 60% der Mitarbeiter in der produzierenden Industrie hingegen wissen nicht, was man darunter versteht bzw. können den Begriff nicht richtig erklären. „Diese Ergebnisse sind ein Auftrag an die Politik, an die Interessensvertretungen und Bildungsinstitutionen sowie vor allem an Österreichs Industrieunternehmen selbst, die Bedeutung von Industrie 4.0 ins Bewusstsein der Menschen zu bringen”, fordert daher Rainer Ostermann, Country Manager von Festo Österreich.

Während bei den Befragten mit Pflicht-, Berufs- und Fachschulabschluss 28% treffende Angaben zu Industrie 4.0 machen konnten, waren es bei Maturanten 39 und bei Mitarbeitern mit Universitäts­abschluss 62%. Ostermann: „Industrie 4.0 outet sich damit als Thema der Bildungselite – das darf es aber nicht bleiben!”
Nach einer kurzen Erklärung von Industrie 4.0 durch die Interviewer wurden alle Teilnehmer befragt, wie sie dem Thema denn persönlich gegenüberstehen. 4% gaben an, darin einen Hype zu sehen, der vorübergehen wird; 1% sieht in erster Linie Asien und Amerika betroffen, rund ein Viertel bräuchte noch mehr Informationen, um das Thema einschätzen zu können. Immerhin 70% beurteilen die Entwicklungen rund um die 4. Industrielle Revolution als einen Trend, der ernst genommen werden muss.

(Fast) Sorglose Akademiker

Der Ausbildungslevel spiegelt sich auch in der Einschätzung der Wichtigkeit von Industrie 4.0 für das Unternehmen wider: Je höher der formale Bildungsabschluss, desto wichtiger bewerten die Menschen Industrie 4.0 für ihre Firma. Bei Personen mit Pflicht-, Berufs-und Fachschulabschluss sehen 45% das Thema als sehr wichtig bzw. wichtig, bei jenen mit Matura sehen es 57% als sehr wichtig bzw. wichtig und bei jenen mit Universitätsabschluss 60%.

Letztere haben wiederum am wenigstens Sorge, durch Industrie 4.0 ihren Job zu verlieren; 38% der Akademiker erwarten sich durch Industrie 4.0 eher keinen Arbeitsplatzverlust. Bei Personen mit Maturaabschluss sind es 27% und bei Pflicht- Berufs- und Fachschulabsolventen sehen 25% die Auswirkungen auf ihren Job gelassen.

Vorteile für Westen und Süden

Das Wissen über und die Einschätzung von Industrie 4.0 der Indus­triemitarbeiter hängt auch mit der Strategie bzw. Orientierung des Arbeitgebers zusammen. 53% der Mitarbeiter der produzierenden Industrie beurteilen ihren Arbeitgeber als innovativ, 14% als konservativ, 25% weder noch und 9% hatten dazu gar keine Meinung.

Dabei werden vor allem große Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern von ihren Angestellten als innovativ wahrgenommen (58%); Unternehmen mit bis zu 200 Mitarbeitern werden nur von etwa 45% als innovativ empfunden.
Ebenso gibt es ein Ost-West-Gefälle. Nur 42% der Wiener, Niederösterreicher und Burgenländer empfinden ihren Arbeitgeber als innovativ, im Süden und Westen Österreichs geben 58% ihrem Unternehmen das Prädikat „innovativ”.

Traurige Bildungssituation

Ebenso befremdend – wenn nicht beängstigend – wirkt die Lage im Know-how-Bereich: Weiterbildung für technische Mitarbeiter ist in Österreichs Industriebetrieben keineswegs selbstverständlich. 48% von mehr als 400 befragten Mitarbeitern aus dem technischen Bereich haben in den vergangenen zwölf Monaten kein Weiterbildungsangebot von ihrem Arbeitgeber erhalten, lediglich 47% erinnern sich, ein solches bekommen zu haben.

Und fragt man nach dem konkreten Thema der Weiterbildung, verschlechtert sich das Bild noch einmal deutlich. Ein Viertel von jenen, die angeben, ein Weiterbildungsangebot erhalten zu haben, konnte kein konkretes Thema nennen. „Das legt den Schluss nahe, dass sogar nur etwa ein Drittel der befragten Personen Aus- und Weiterbildung im vergangenen Jahr seitens ihres Arbeitgebers angeboten bekommen hat”, kritisiert Katharina Sigl, Leiterin Festo Didactic Österreich.
Ob eine zeitgemäße Weiterbildungspolitik betrieben wird, ist laut Umfrage auch von der Größe und dem Innovationsgrad des Arbeitgebers abhängig. Innovative Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern agieren in der Aus- und Weiterbildung proaktiver als kleinere, konservativere Firmen; Rainer Ostermann: „Das Rückgrat von Österreichs Wirtschaft sind die KMU – es ist deshalb für eine prosperierende Wirtschaft und für unseren zukünftigen Wohlstand enorm wichtig, dass auch diese Unternehmen ihre Mitarbeiter zukunftsfit machen und sich für die Anforderungen von Industrie 4.0 rüsten.” Aus- und Weiterbildung müssen integrative Bestandteile der Arbeit werden, fordert der Chef von Festo Österreich: „Laut dem Futurologen Alvin Toffler werden in Zukunft jene Personen als ‚ungebildet' gelten, die nicht ständig (um-)lernen. Und dabei wird immer wichtiger, nicht nur theoretisches Wissen – also Know-how –, sondern vor allem auch Umsetzungskompetenz – also Do-how – zu besitzen.”

Soft Skills und vernetztes Denken

An der Spitze der angebotenen Weiterbildungsmaßnahmen stehen laut Umfrage Kommunikation/Teambildung (28%), Mechatronik (22%) und Datenkommunikation und -sicherheit (21%). „Kommunikative Fähigkeiten und Social Skills sind in der vernetzten Welt von entscheidender Bedeutung”, begrüßt Sigl dieses Resultat. „Und Mechatroniker sind immer stärker gefragt, weil sie nicht nur Teilbereiche, sondern das ‚große Ganze' vor Augen haben. Eine vernetzte Sichtweise ist die Voraussetzung, um Produktionsabläufe der Industrie 4.0 zu verstehen.”

Der gute Wille wäre vorhanden

Die Industriemitarbeiter selbst sind sich der Bedeutung von Weiterbildung bewusst und sogar bereit, dafür selbst zu bezahlen. Bei Pflicht-, Berufs- und Fachschulabgängern sind 35% dazu bereit, bei Maturanten 31% und bei Mitarbeitern mit universitärem Abschluss sogar 48%.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Bereitschaft, Freizeit zur Verfügung zu stellen. Beachtliche 62% wären bereit, ihre Freizeit zu investieren, wenn die Finanzierung der Aus- und Weiterbildung durch den Arbeitgeber erfolgt. Auch hier zeigt sich: Je höher der formale Bildungsabschluss, desto größer ist die Bereitschaft, Freizeit zu investieren.

Die Sichtweise der „Gegenseite”

Für das Festo Trendbarometer Industriemitarbeiter wurden auch die Human Resources-Verantwortlichen zum Thema Aus- und Weiterbildung der Techniker in ihren Unternehmen befragt: 61% gaben an, ihren Mitarbeiter in den letzten zwölf Monaten Weiterbildungs­angebote gemacht zu haben.

Bei Nachfragen der Themen relativiert sich allerdings wie bei den Mitarbeitern auch im HR-Bereich die erste Angabe. Bereinigt konnten nur mehr 53% Angaben zu den Themen machen, 47% nicht. „Das unterstreicht die Aussage der Mitarbeiter und belegt, dass nur bei etwa einem Drittel bis maximal der Hälfte der Industrieunternehmen Weiterbildung proaktiv betrieben wird”, resümiert Sigl betroffen.
Denn die Bereitschaft der Mitarbeiter, in ihre Weiterbildung mitzuinvestieren, wird von den Firmen noch nicht aufgegriffen. Nur 9% HR-Verantwortlichen gibt an, dass ihr Unternehmen erwartet, dass Mitarbeiter Weiterbildung aus eigener Tasche bezahlen, 62% meinen „sicher nicht”.
Deutlich weniger zurückhaltend sind die Unternehmen aus Sicht der HR-Verantwortlichen, wenn es um die Nutzung der Freizeit zur beruflichen Weiterbildung der Mitarbeiter geht: Immerhin 41% geben an, dass sie von den Mitarbeitern erwarten, Freizeit zur Verfügung zu stellen, wenn das Unternehmen die Finanzierung übernimmt; 22% schließen aber auch dies mit einem „sicher nicht” aus.
Katharina Sigl: „Mitarbeiter und Unternehmen werden in Sachen Aus- und Weiterbildung künftig immer stärker gemeinsam an einem Strang ziehen müssen. Dabei sind Ideen, Wege und Rahmenbedingungen gefordert, die allen Beteiligten entgegenkommen. Für HR bedeutet das eine notwendige Weiterentwicklung vom strategischen Kompetenzmanagement zum agilen Kompetenzmanagement. Nur so ist die erforderliche Changeability (Fähigkeit zur Veränderung) auf breiter Front gewährleistet.”

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL