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© Vitra

Anna M. Del Medico 01.07.2022

Endlich Homeoffice daheim!

Wenn Arbeiten von zu Hause nicht mehr nur Ausnahme, sondern die Regel ist, wird schnell klar: Die Couch ist kein Büro.

Wien. Alvaro Catalán de Ocón heißt der Mann. Stammt aus Madrid. Gilt als Designer mit hellseherischen Qualitäten. Vor allem aber als wahrer Romantiker – der den funktional ausgereiften Eames-Klassikern, den Vitra-Modellen Aluminium-Chair EA 105 und EA 108 ziemlich blumig kommt. In Zusammenarbeit mit spanischen Kunsthandwerkerinnen aus dem Fachbereich Stickerei schuf Senor Catalán de Ocón nämlich seine unverkennbare The Victorian Collection. Plötzlich überziehen altrosa getönte Blumenstickereien die Rückenpartie der Mid-Century-Büromöbelklassiker. Das hat nicht nur etwas reizvoll Anachronistisches an sich, sondern auch etwas höchst Privates. Oder anders gesagt: Die Eames sind in den intimsten Bereichen des Homeoffice angekommen. Und das Heimbüro im Rosengarten.

Privates Statement

Ein legendärer Office Chair, der ein wenig an das Zierkissen eines britischen Heritage-Hotels erinnert, mag nicht jedermanns Sache sein. Aber das muss er auch nicht. Denn der neu kalibrierte Blickwinkel vieler Designer auf das neue Wohnbiotop Heimbüro fällt höchst individuell aus – und reagiert so auf sehr unterschiedliche Home-office-Realitäten. Kreisten Innovationen im Büromöbeldesign noch vor Kurzem um Themen wie Desk-Sharing oder den nonterritorialen Arbeitsplatz, wurde an repräsentativen Executive-Stühlen gefeilt oder an nahtlosen Workflow-Übergängen zwischen kommunikativen Inseln und solchen konzentrierten Rückzugs, so sind die Karten nun neu gemischt. Homeoffice-Möbel haben nach Monaten der Pandemie den Elchtest hinter sich – offen für neue Kombinationen zwischen Privatheit und Beruf sind sie allemal. Vor allem aber gilt: Das Home­office ist gekommen, um zu bleiben – und taucht dabei in vielfältigen Schattierungen zwischen Family, privatem Lounge-Feeling und Teamwork auf. Sprich: „Mein Julchen macht Mathe-Hausübung am liebsten mit Marmeladebrötchen. Dann läuft auch mein Homeoffice wie geschmiert!”
All das setzt einen differenzierten Blick auf den User selbst voraus. Und also auf die Frage: Welcher Homeoffice-Typ bin ich? Mehr die Working Mum oder die schnittige Power Performerin? Ist gar das Baby mit an Powerpoint-Bord? Bin ich Teamplayer mit Familienanhang oder starker Solist? Ist mir die kreative Nachtschicht mit Lounge-Feeling und Open End ein Anliegen – oder trifft es eher die Beschreibung „jovialer Teamworker mit kleiner Schwäche fürs Sofa nebenan”? Ähnlich vielfältig wie diese Fragestellungen sind denn auch die Lösungen selbst. Da wären jene ultraeffizienten Homeoffice-Einheiten auf knappem Raum, nach denen andere die Uhr stellen – und deren kühle Sachlichkeit auf den ersten Blick hin signalisiert: „You are entering the working zone!” In krassem Gegensatz dazu stehen Homeoffice-Konzepte, die die bewusste Verbindung von Wohnlichkeit und temporärer Arbeitsnutzung suchen. Die Nischen für konzentrierte Ruhe bieten und zugleich Basis für den entspannten Austausch. Doch egal wie unterschiedlich man sein Büro zu Hause lebt – eines ist fix: Das richtig kuratierte Homeoffice macht jeden individuellen Work-Style mit.

Typenfrage ist entscheidend

Manche Anbieter starteten dabei aus der Poleposition. Firmen wie die dänische Brand Montana etwa, die mit extrem vielfältig kombinierbaren Regal- und Stauraumsystemen einst Designgeschichte schrieb und nun einfach weitermacht wie gewohnt. Das von Peter J. Lassen 1982 entwickelte ikonische Modulsystem, basierend auf 36 Basisgrößen, vier verschiedenen Tiefen und 49 Lackfarben beziehungsweise Oberflächenmaterialien, schafft die Koexistenz von Arbeiten und Wohnen seit jeher – gegenwärtig eben in Trendfarben wie Snow, Mushroom, Beetroot, Shadow oder der neuen Nuance Pine. Zur Stärke logisch durchdachter Systeme passen nicht zuletzt raumtrennende Konzepte – angefangen von Paravents oder Sitzmöbeln mit hohen Rückenteilen bis hin zu vielfältig modifizierbaren Schiebelementen, die kurzfristig Rückzugsräume schaffen – und sich perfekt mit den innenarchitektonischen Konzepten moderner Wohnkultur verbinden. Das Porro-System Glide wurde unter anderem für solche Anwendungen entwickelt, ebenso wie das neue Rimadesio-System Maxi oder die ADL-Kollektion Mitica. Privat und Beruf laufen da in derselben Alu-Schiene.

Netzteil oder Deko-Tiger?

Zugleich vertieft die differenzierte Nachfrage nach individuellen Homeoffice-Lösungen bestehende Interior-Trends – und interpretiert diese neu. Die Integration von kleinen Abstellflächen in modulare Sofasysteme fällt in diese Kategorie, ebenso wie das Revival raumsparender – nicht selten feminin anmutender – Schreibpulte, die gerne an das Vorbild historischer Sekretäre erinnern. Die Ausstattung von Schränken, Tischen, Sofas mit Netzteil oder USB-Anschluss ist praktisch und ausbaufähig zugleich, während ikonische Schreibtischleuchten in modifizierter Haptik – mitunter sogar mit Holzoberflächen – für das Homeworking weichgespült werden.
Ähnlich mühelos ziehen aber auch Organizer und Office-Gadgets ins Heimbüro ein. Standuhren oder Kalender im Retro-Look mögen im digitalen Zeitalter zu reiner Deko verkommen sein. Aber genau deswegen machen auch sie Lust auf die eine oder andere Überstunde daheim.

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