Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider
TOT. „In the long run we are all dead“, bemerkte bekanntlich einst der britische Ökonom John Maynard Keynes. Dieser Satz besitzt angesichts der gegenwärtigen KI-Euphorie – wahlweise: KI-Panik – eine gewisse Aktualität. Schon 1930 skizzierte Keynes in seinem Essay „Economic Possibilities for our Grandchildren“ eine bemerkenswerte Zukunftsvision: Dank des technischen Fortschritts würden die Menschen hundert Jahre später nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssen. Den Rest ihrer Zeit könnten sie angenehmeren Dingen widmen. Kunst, Kultur, Müßiggang. In vier Jahren also. Die Chancen stehen schlecht.
Dabei lag Keynes mit seiner Prognose zum wachsenden Wohlstand recht richtig. Die Produktivität ist explodiert, der Lebensstandard gestiegen. Nur die versprochene Freizeit hat sich nicht eingestellt.
Dabei war die 15-Stunden-Woche nur ein Nebenschauplatz in Keynes’ Zukunftsvision. Seine eigentliche Hoffnung war radikaler: Die Menschen sollten eines Tages so wohlhabend sein, dass wirtschaftliche Fragen nicht länger den Mittelpunkt ihres Daseins bilden. Die Ökonomie als Nebensache, das Leben die Hauptsache. Stattdessen haben wir das ganze Leben ökonomisiert. Bildung muss sich rechnen, Gesundheit finanzierbar bleiben, Kultur Wertschöpfung schaffen und Freizeit möglichst sinnhaft genutzt werden.
Sein berühmtester Satz, siehe Einstieg, ist kein ironischer Aphorismus über die Vergänglichkeit, sondern fundamentale Kritik an einer Wirtschaftstheorie, die darauf vertraut, dass sich ökonomische Probleme von selbst („die unsichtbare Hand des Marktes“) lösen: „Ökonomen machen es sich zu leicht und leisten wenig Nützliches, wenn sie uns in stürmischen Zeiten lediglich erklären, dass das Meer wieder ruhig sein wird, sobald der Sturm vorüber ist.“ Manchmal müsse der Staat eingreifen. Schwenk nach Österreich. Spritpreisbremse, Lebensmittelumsatzsteuersenkung, Paketabgabe. So kann er sich das nicht vorgestellt haben.