Gastkommentar: Unterscheidungsmerkmale
c: Ries Global
MARKETING & MEDIA Redaktion 06.11.2026

Gastkommentar: Unterscheidungsmerkmale

Das mögliche Ende der Millionenshow und der mögliche Denkfehler der ORF-Verantwortlichen.

WIEN Die Online-Welt und vor allem die Welt des Streamings haben den Medienkonsum bereits nachhaltig verändert und werden ihn weiter verändern. So ist es nur logisch, dass unter dem neuen ORF-Chef Clemens Pig auch das Programm unter dem Vorzeichen massiver Einsparungen neu überdacht wird. Ein mögliches Opfer dieser Neuausrichtung ist laut Medienberichten die „Millionenshow” mit Armin Assinger. Daneben werden auch andere Quizsendungen wie „Smart10” oder „Q1” eingestellt.
 
Schlüsselfaktor Streaming
Dieses Quizsterben wird von der noch amtierenden Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz wie folgt begründet: „Unterhaltungsformate und kleine Shows performen im linearen Fernsehen zwar gut, kommen aber im Streaming auf ORF ON nicht repräsentabel an.“
Diese Denkweise könnte jedoch ein schwerer Fehler sein, da man so Netflix, Amazon Prime und Disney+ ähnlicher wird, statt sich klar zu differenzieren. Um das besser zu verstehen, sollten wir einen Blick in die Medienvergangenheit werfen.
 
Alte Medien werden neu definiert
Studiert man die Geschichte der Medienlandschaft, so stellt man schnell fest, dass neue Mediengattungen alte Mediengattungen oft nicht abgelöst, sondern neu definiert haben. Nehmen wir etwa Kino und Radio! Beide Mediengattungen wurden durch das Aufkommen des Fernsehens neu definiert.
Bevor das Fernsehen die Haushalte nach und nach eroberte, war das Radio viel mehr als nur ein Musik- und Nachrichtenmedium. Es war beispielsweise das Medium Nr. 1 für Sportübertragungen oder auch ganze Hörbücher. In den USA war durch die Radiowelt sogar Baseball der Nationalsport Nr. 1. Dieser Sport war perfekt für Radioübertragungen geeignet.

Mit dem Aufkommen des Fernsehens wurden dann American Football und Basketball zu den neuen großen Sportarten. Baseball war für Fernsehübertragungen ein wenig zu klein. 
Heute ist das Radio vor allem ein Medium für Musik, Nachrichten und Verkehrsfunk, das auch stark von Live-Morgenshows geprägt wird. Sportübertragungen funktionieren im Fernsehen deutlich besser und Filme sind natürlich beliebter als Hörbücher. Durch das Aufkommen des Fernsehens verlor auch das Kino die Nachrichtenwelt, etwa durch die Wochenschau. Tägliche Nachrichten, die direkt ins Wohnzimmer kommen, sind einfach besser als eine Wochenschau im Kino. So liegt der Fokus der Kinos heute klar nur noch auf Filmen.
 
Stärken-Fokussierung statt Me-too
So gesehen sollte man beim ORF und beim linearen Fernsehen generell vor allem auf das setzen, was Streaming nicht kann: „live“ und „topaktuell“. Dabei ist natürlich auch klar, dass „live“ und „aktuell“ für die Streamingkonserve nicht wirklich geeignet sind. Wer möchte sich schon ein Fußballspiel von vorgestern oder die Nachrichten von vor einer Woche ansehen? Das heißt aber auch: Bei der Programmplanung sollte man tunlichst auf die Einschaltquoten und nicht vor allem auf das Streamingpotenzial achten. Insofern könnte das mögliche Ende der „Millionenshow“ und das Ende der erwähnten Quizshows mit „Live-Charakter“ ein Fehler sein, der Millionen kostet.
 
Markenstratege Michael Brandtner ist der Spezialist für strategische Marken- und Unternehmenspositionierung in Rohrbach, OÖ, Leadpartner von Ries Global und Autor des Buches „Siegermarken“.
Blog: www.brandtneronbranding.com


Gastbeiträge und Kommentare geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder und entsprechen nicht zwingend der Auffassung der Redaktion

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