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© APA/AFP/Greg Baker

Redaktion 07.02.2020

Coronavirus bremst die Automobilindustrie aus

Das neuartige Coronavirus breitet sich in China weiter aus – und belastet zunehmend auch die Automobilwirtschaft.

••• Von Jürgen Zacharias

Oft sind es kleine Dinge, die großen Vorhaben im Weg stehen. Ein fehlender Kleinstbauteil beispielsweise, der die Konstruktion einer komplexen Maschinerie behindert; ein Mitarbeiter, der kurz vor der Fertigstellung eines genialen Entwurfs zur Konkurrenz wechselt oder wie aktuell in China ein Virus, der – mikroskopisch klein und mit freiem Auge nicht zu sehen – eine Region und ein ganzes Land zum Stillstand zwingt und damit auch die Weltwirtschaft in eine Schieflage zu bringen droht.

Kräftiger Rückgang befürchtet

Es ist gerade einmal einen Monat her, als die Meldung Schlagzeilen machte, dass die Ausbreitung einer mysteriösen Lungenkrankheit in der zentralchinesischen Metropole Wuhan möglicherweise auf ein neuartiges Virus zurückzuführen sei. Mittlerweile sprechen die Behörden von rund 30.000 Infektionen, mehr als 500 durch das Virus ausgelöste Todesfälle – und immer deutlicher werden auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie: Zwangsferien in vielen Fabriken, geschlossene Geschäfte und gestrichene Flüge machen die Folgen im ganzen Land und darüber hinaus deutlich spürbar. Die Weltbank kündigte bereits an, ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr senken zu wollen.

Besonders betroffen von den Einschränkungen ist neben Luftfahrt, Tourismus und Einzelhandel vor allem die Automobilindustrie. Unter der Last des Handelskonflikts mit den USA war der Neuwagenabsatz im Land schon im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent auf 21 Mio. Fahrzeuge gesunken, für heuer ist nun ein weiterer kräftiger Rückgang zu befürchten.

Prognosen werden revidiert

Der chinesische Branchenverband CPCA stellte angesichts der Entwicklung jedenfalls seine bisherige Jahresprognose eines Absatz-Wachstums von einem Prozent infrage. Zwar seien die Verkäufe in den ersten drei Jännerwochen noch okay gewesen, sagte CPCA-Generalsekretär Cui Dongshu. Der erwartete Ansturm in den Tagen nach dem chinesischen Neujahrsfest sei aber ausgeblieben. „Damit werden wir unvermeidlich einen deutlichen Absatzrückgang sehen.”

Der Autozulieferer Aptiv rechnet aktuell mit einem Rückgang der Fahrzeugproduktion von 15% im ersten Quartal. Viel davon könne aber im weiteren Jahresverlauf aufgeholt werden, so Finanzchef Joseph Massaro, „sofern die Situation unter Kontrolle gebracht werden kann”. Andernfalls drohen weitere Rückgänge.

Hohe Verluste drohen

Ein Problem ist der befürchtete Rückgang nicht nur für die chinesischen Hersteller, sondern vor allem für die exportabhängigen deutschen Autobauer, für die China seit Jahren der wichtigste Absatzmarkt und zugleich ein wachsender Produktions­standort ist.

Laut Ferdinand Dudenhöffer, dem Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen, entfallen von den 430 Mrd. € Umsatz, den die deutsche Autoindustrie jährlich erwirtschaftet, rund 150 Mrd. auf das China-Geschäft. Dudenhöffer rechnet mit einem Gewinn von 60 Mio. €, den die deutschen Hersteller in China pro Arbeitstag machen.
Bei einem einzigen Tag des Stillstands würde daraus allerdings ein Verlust von 72 Mio. € und ein Monat Quarantäne in 20% des Landes könnte Volkswagen und Co demnach Umsatzeinbußen von rund 2,5 Mrd. € bescheren.

Fertigung steht still

Noch ist es nicht so weit. Allerdings verlängerten BMW und Volkswagen die zum Neujahr üblichen Werksferien bereits auf diese Woche, und Audi verordnete seinen Mitarbeitern in Beijing bis zum 17. Februar das Home Office. Alle nationalen und internationalen Dienstreisen wurden für die Mitarbeiter aus China ausgesetzt, heißt es aus Ingolstadt.

Noch stärker spürt die Folgen des grassierenden Coronavirus der südkoreanische Autobauer Hyundai, der nun sogar seine Produktion im Heimatland kappen musste. Grund für den Stopp der Bänder ist demnach, dass für die Fertigung dringend benötigte Kabelbäume, die sich Hyundai üblicherweise aus China zuliefern lässt, derzeit fehlen.
Sollten die Produktionsstopps in der chinesischen Industrie länger anhalten, würde das auch andere internationale Lieferketten bedrohen und müssten wohl auch anderen Hersteller wie Hyundai ihre Produktion herunterfahren.

Geld für die Wirtschaft

In China selbst ist man einstweilen sehr darum bemüht, die gröbsten ökonomischen Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie abzufangen. Seit Tagen greift die chinesische Zentralbank der Wirtschaft daher mit Milliardensummen unter die Arme. Zur Öffnung der Finanzmärkte nach den verlängerten Neujahrsferien werden 1,2 Billionen Yuan (156 Milliarden Euro) bereitgestellt; damit soll das Bankensystem mit ausreichend Geld versorgt und der Devisenmarkt stabil gehalten werden. Dabei stellt sich nur die Frage: Für wie lange?

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