Damit aus einer Geschichte kein Märchen wird
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Michael Dessulemoustier-Bovekercke
FINANCENET Gastkommentar 16.10.2026

Damit aus einer Geschichte kein Märchen wird

Gastkommentar von Michael Dessulemoustier-Bovekercke, Wirtschaftsprüfer und Mitglied des Berufsgruppenausschusses der Wirtschaftsprüfer:innen in der KSW.

Jede Unternehmensberichterstattung erzählt Geschichten. Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfer prüfen, ob sie auf nachvollziehbaren und belastbaren Fakten beruhen – damit aus den Geschichten kein Märchen wird.

Berichte sind das Erzählmedium der Wirtschaft. Investoren, Banken, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kundinnen und Kunden und die Öffentlichkeit treffen ihre Entscheidungen auf Basis dessen, was Unternehmen über sich selbst erzählen – deshalb müssen diese Informationen verständlich, vollständig und belastbar sein. Genau das unterscheidet eine Geschichte, der man vertrauen kann, von einem Märchen: die Nachvollziehbarkeit der Fakten, auf denen sie beruht.

Wenn Nachhaltigkeit zur Pflicht wird
Das gilt längst nicht mehr nur für die Finanzberichterstattung. Zunehmend rückt auch die Nachhaltigkeitsberichterstattung in den Fokus. Themen wie Klimarisiken, soziale Verantwortung, Unternehmensführung und Lieferketten sind zu entscheidenden Faktoren für die Beurteilung von Unternehmen geworden – nicht zuletzt, weil europäische Vorgaben für berichtspflichtige Unternehmen neue Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung stellen. Die Erwartungen an Berichte steigen damit deutlich: Sie müssen nicht nur Daten liefern, sondern Orientierung geben.

Wie Prüfung Vertrauen schafft
Gerade in einer Zeit, in der Informationen in großen Mengen verfügbar sind, wird Verlässlichkeit zum entscheidenden Qualitätsmerkmal. Zahlen und Aussagen entfalten ihren Wert erst dann, wenn ihre Richtigkeit und Nachvollziehbarkeit gesichert sind. Eine durch Wirtschaftsprüfer geprüfte Berichterstattung schafft Glaubwürdigkeit. Die unabhängige Prüfung stärkt das Vertrauen in die Aussagen des Unternehmens, reduziert Unsicherheit bei den Adressaten und erhöht die Vergleichbarkeit der Informationen. Sie ist damit nicht bloß ein Kontrollmechanismus, sondern ein wesentlicher Beitrag zur Funktionsfähigkeit von Märkten und zur Qualität wirtschaftlicher Entscheidungen.

Besonders bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung zeigt sich, warum das wichtig ist. Klimadaten, Lieferkettenrisiken oder soziale Kennzahlen lassen sich nicht so einfach nachrechnen wie ein Kontostand – und genau deshalb liegt hier auch die Gefahr für ungesicherte Erzählungen. Die Prüfung solcher Informationen macht den Unterschied zwischen einer schönen Geschichte und einer belastbaren Berichterstattung sichtbar.

Bei international tätigen Konzernen stellt sich dieselbe Frage noch einmal auf einer zweiten Ebene. Ihre Berichte setzen sich aus Informationen aller Gesellschaften des Konzerns zusammen, die jeweils von eigenen Prüfern vor Ort kontrolliert werden; erst in der Konzernabschlussprüfung laufen die Ergebnisse aller Einzelprüfungen zusammen. Taucht eine Unsicherheit bei einer Landesgesellschaft auf, darf sie deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Damit am Ende überall dieselbe Geschichte erzählt wird, braucht es ein einheitliches Verständnis auf allen Ebenen – Vorgaben der Konzernprüfer sorgen dafür, dass überall nach denselben Maßstäben geprüft und geurteilt wird.

Was bei Zweifeln passiert
Stoßen Wirtschaftsprüfer auf wesentliche Fehler oder Unsicherheiten zum Fortbestand des Unternehmens, erörtern sie diese mit den zuständigen Organen und Auftraggebern. Lässt sich ein für das Prüfungsurteil wesentlicher Punkt nicht klären, kann sich dies – abhängig von Art und Tragweite – im Bestätigungsvermerk niederschlagen.

Ein Standortfaktor
Verlässliche Berichterstattung stärkt nicht nur das einzelne Unternehmen, sondern auch das Vertrauen in wirtschaftliche Prozesse insgesamt. Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfer leisten dazu einen wesentlichen Beitrag: unabhängig, qualitätsgesichert und im öffentlichen Interesse. Sie prüfen nicht nur Berichte – sie stärken Vertrauen. Und in einer komplexen Wirtschaft ist genau das viel wert: dass aus Geschichten keine Märchen werden.

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