INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Erfolgsfaktor Industrie 4.0 @ B&R
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Redaktion 10.09.2015

Erfolgsfaktor Industrie 4.0

„Die smarte Fabrik ist für uns keine Zukunftsmusik, sondern in unserer Produktion bereits seit vielen Jahren alltägliche Praxis“, sagt Hermann Obermair, General Manager Sales Region Austria bei B&R.

••• Von Britta Biron

EGGELSBERG. Beim Schlagwort Industrie 4.0 denkt man vor allem an eine mehr oder weniger ferne Zukunft. Immerhin knapp die Hälfte der heimischen Unternehmen hat – wie verschiedene Umfragen zeigen – noch nicht einmal eine Strategie dafür erarbeitet; noch kleiner ist der Anteil jener Betriebe, die ihre Produktion zumindest schon ansatzweise digitalisiert haben. Und die Eröffnung von Pilotfabriken suggeriert zudem, dass die Fertigung derzeit noch wenig smart ist.
Das ist allerdings ein Trugschluss. Um zu sehen, dass Industrie 4.0 keine reine Vision ist, sondern bereits in der Praxis funktioniert, muss man allerdings ins hinterste Innviertel fahren – eine Gegend, die auf den ersten Blick gar nicht so aussieht, als hätte die Zukunft hier schon begonnen.

Smarte Produktion
„Losgröße 1 sowie die lückenlose Erfassung und Abrufbarkeit aller Produktionsdaten sind bei uns schon lange Realität“, so Hermann Obermair, General Manager Sales Region Austria bei Bernecker + Rainer (B&R), der nicht ohne Stolz darauf hinweist, „dass unser Unternehmen laut Professor Wilfried Sihn vom Fraunhofer Institut Austria über eine der wenigen astreinen Industrie 4.0-Produktionen verfügt“.
Beim Gang durch die Werkshallen fällt zuerst eines auf: Menschenleer – wie oft befürchtet – werden die Fabriken der Zukunft mit Sicherheit nicht sein. Ansonsten ist auf den ersten Blick kein besonderer Unterschied zu „normalen“ Fertigungen zu sehen. Beim genaueren Hinsehen zeigt sich aber doch, wie hoch der Vernetzungsgrad ist.

Komplett vernetzt
Kundenbestellungen werden vom ERP-System vollautomatisch in Arbeitsanweisungen für jeden einzelnen Arbeitsplatz aufgeteilt, benötigte Rohstoffe Just-in-time aus dem automatischen Hochregal­lager geliefert.
Sollte ein Rohstoff zur Neige gehen, löst das ERP-System die Nachbestellung aus. Komponenten, Zwischenprodukte und Endprodukt werden automatisch geprüft und getestet. Auch Jahre nach der Auslieferung kann mit der Seriennummer jedes Testergebnis für sämtliche Produktbestandteile aufgerufen werden.
Während der Produktion stehen alle Daten sofort in Echtzeit zur Verfügung. OEE, Energieverbrauch und zahlreiche weitere Kennzahlen sind jederzeit ersichtlich und können leicht optimiert werden. Bei gravierenden Abweichungen von den Sollwerten wird der zuständige Mitarbeiter per E-Mail informiert.

B&R Usermeeting
Einen detaillierten Einblick in diese gelebte Industrie 4.0 erhalten heuer auch die Teilnehmer am B&R Usermeeting, das am 22. und 23. September im Wyndham Grand Salzburg Conference Centre abgehalten wird.
„Der große Erfolg dieser Veranstaltung liegt im hochwertigen Informationstransfer“, so Obermair. Daher sei es naheliegend, neben Vorträgen von internen und externen Experten, Erfahrungsberichten von Anwendern und detaillierten Produktinformationen direkt von den Entwicklern und Workshops auch die eigene Produktion zu zeigen.

Neue Denkweise
„Industrie 4.0 ist nur zu einem Teil eine Frage der Technik – viele Systeme sind längst etabliert –, sondern ganz besonders auch eine der internen Strukturen“, erläutert Obermair, der in verschiedenen Industrie 4.0-Arbeitskreisen, etwa jenem des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT), sitzt und damit auch maßgeblich in die Erarbeitung von Empfehlungen an die Politik eingebunden ist.
„Wenn ich gefragt werde, wie man eine Produktion smart machen kann, antworte ich gern mit der Gegenfrage: Schaffen Sie es, den Leiter der IT und den Produktionsleiter für ein gemeinsames Projekt an einen Tisch zu bekommen? Wer da nicht mit „ja“ antworten kann, braucht sich um die technischen Komponenten noch keine Gedanken zu machen. Industrie 4.0 beginnt in den Köpfen der Manager und mit einer Organisationsstruktur, die den künftigen Herausforderungen angepasst ist.“
So komme der IT eine immer größere strategische Bedeutung zu. Bei Bernecker + Rainer sieht das etwa so aus, dass IT-Leiter Josef Raschhofer zugleich Leiter des unternehmensweiten Supply Chain-Managements ist. Am Fachkongress Industrie 4.0 am 15. September im Florido Tower in Wien werden Obermair und Raschhofer gemeinsam zum Thema „Gelebte Industrie 4.0“ ein Referat halten.

Innovationsfreude
Auch die Bereiche Forschung und Entwicklung und damit auch entsprechend hoch qualifiziertes Personal sind zentrale Themen für die Smart Factory.
„Gute Mitarbieter zu finden, ist angesichts des wachsenden Fachkräftemangels natürlich ein Problem, zumal unser Headquarter ein wenig abseits liegt und die ländliche Idylle nicht jedermanns Sache ist. Daher haben wir in den letzten Jahren zusätzlich zu unserer Forschung- und Entwicklungsabteilung im Headquarter auch F&E-Teams an allen relevanten Hochschulstandorten in Österreich geschaffen, damit wir diesen wichtigen Bereich weiterhin komplett in Österreich halten können“, erzählt Obermair weiter.

Deutliche Vorteile
Dass viele Unternehmen bei der Umsetzung von Industrie 4.0 noch zögerlich sind, liegt besonders an den notwendigen Investitionen.
Aus Obermairs Sicht ist das aber ein zu kurzsichtiger Ansatz. „Jedes Unternehmen möchte die Energieeffizienz verbessern, die Qualität seiner Produkte steigern, die Produktivität erhöhen, den Instandhaltungsaufwand senken und seine Wettbewerbsfähigkeit stärken. Und genau darum geht es bei Industrie 4.0. Ihre Grundidee ist ja, die Voraussetzungen zu schaffen, dass auch Unternehmen in Hochlohnländern wie Deutschland oder Österreich auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig bleiben“, fasst Obermair zusammen.

Wirtschaftlicher Erfolg
Bestes Beispiel dafür, dass diese Rechnung aufgeht, ist B&R selbst:
Zwischen den Jahren 2008 und 2014 konnte der Umsatz um satte 75% auf 535 Mio. € gesteigert werden, wobei rund zwei Drittel auf den europäischen Markt entfallen. Der Veröffentlichung der diesjährigen Zahlen, die am 15. Oktober präsentiert werden, will Obermair nicht vorgreifen, er lässt aber durchblicken, dass man mit dem Geschäftsverlauf zufrieden sein könne.

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