INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Standards als Zünglein an der Waage in einer exponentiell vernetzten Welt? © Austrian Standards/Peter Tuma

Podiumsdiskussion beim IoT-Fachkongress 2019

© Austrian Standards/Peter Tuma

Podiumsdiskussion beim IoT-Fachkongress 2019

Redaktion 30.10.2019

Standards als Zünglein an der Waage in einer exponentiell vernetzten Welt?

„Wir brauchen ethische Fragen und neue Verhandlungsräume“.

WIEN. Kontroversielle Debatten von utopischen Heilsversprechen einer besseren, effizienteren Welt bis zu dystopischen Ansätzen mit Orwellschen Unterdrückungstendenzen prägten den 3. IoT-Kongress von Austrian Standards. Rund 120 technologieaffine Besucher diskutierten am 23. Oktober Vor- und Nachteile sowie Chancen und Risiken für die Wirtschaft, Gesellschaft und das eigene Unternehmen durch AI, IoT und 5G.

„Die digitale Welt ist international, sie kennt weder sprachliche noch traditionelle Grenzen“, erklärte Austrian Standards-Vizepräsident Manfred Matzka. Internationalen Flair verlieh der Besuch einer 24-köpfigen Delegation russischer Unternehmer, Wissenschaftler und Organisations- bzw. Branchenvertreter unter der Führung von Andrey Lotsmanov vom Russischen Unternehmerverband RSPP. Unter dem Veranstaltungstitel „Mit Standards in die Zukunft - gemeinsame Innovation im Zeitalter der Digitalisierung“ referierten 24 Experten u.a. über den neuen Mobilfunkstandard 5G, über Anwendungen und Auswirkungen von Artificial Intelligence, Smart Mobility, neue Geschäftsmodelle des Industrial IoT und die Kraft der Disruption.

Christopher Frauenberger, Senior Researcher in der Forschungsgruppe Human Computer Interaction der TU Wien, erinnerte an den Netflix-Serienhit „Black Mirror“: Er verkündete, dass es 2030 im Internet of Things 125 Mrd. vernetzte Geräte geben wird – das sind rund 15 Geräte pro Erdbewohner.

Diese Zahlen kommen nicht von ungefähr. Bereits heute erfolgt die Hälfte des Datenverkehrs von Geräten mit „third parties“. Die daraus entstehenden Möglichkeiten sind mannigfaltig. So werden smarte Anwendungen künftig dabei helfen, die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz: SDGs) zu erreichen, und auch in der Medizin leisten intelligente, digitale Lösungen einen wertvollen Beitrag. Ein häufig unterschätzter Nebenaspekt ist jedoch die ungeheure Datenmenge, die durch die Nutzung entsteht. Diese Daten bergen das Risiko, dass sie grundsätzlich bestimmten Personen zugeordnet werden können. Ein „Social Scoring“-System wie in China öffnet so Überwachung, Bewertung und „Aussortierung“ von nicht ins System Passenden Tür und Tor.

Technologen als politische Akteure (wider Willen)
Dort, wo die Grenzen zwischen Utopie und Dystopie verschwimmen, sei es laut Frauenberger wichtig, dass sich alle an der Entwicklung des IoT Beteiligten ihrer Verantwortung bewusst sind, was diese Technik mit unserer Gesellschaft macht. Technologen – ob sie wollen oder nicht – werden so zu politischen Akteuren.

Von ihren Erfindungen hängen gesellschaftliche Entwicklungen ab. Eine „Politik der smarten Dinge“ garantiere allen Akteuren Hegemonie und Mitbestimmung. Im „Parlament der technischen Zukünfte“ würden die Rahmenbedingungen verhandelt, unter diese fallen Gesetze sowie Standards. Was es aber jedenfalls künftig brauche, so der Wissenschaftler, seien Verhandlungsräume, in denen debattiert wird, was erwünscht ist und was nicht.

Standards als regulatives Element
Über die zunehmende Wichtigkeit der Ethik-Debatte in einer exponentiell vernetzten Welt waren auch die anderen Vortragenden einig. Die AI-Expertin Martina Paul, IT-Services der Sozialversicherung GmbH und Vorsitzende der Arbeitsgruppe 001.42 „Artificial Intelligence“ bei Austrian Standards, wies darauf hin, dass Ethik kein Selbstläufer sei, da es keine weltweit einheitliche Vorstellung davon gebe. Zudem wäre die Definition, was Künstliche Intelligenz genau sei, noch offen, es würden verschiedene Termini vermischt.

5G-Mastermind Elisabeth Rettl von Hutchison Drei Austria GmbH sprach sich dafür aus, mehr darüber zu diskutieren, was überhaupt Sinn mache. Es gelte, das große Ganze zu sehen und sich nicht in Details zu verlieren. IoT-Spezialist Mario Drobics vom Austrian Institute of Technology stellte das Vertrauen in die Technologie in den Fokus.

Auch Clara Neppel vom weltgrößten Ingenieursverband IEEE plädierte dafür, die verschiedenen Akteure aus ihren Ökosystemen herauszuholen, an einen Tisch zu setzen und das Ohr näher an den Anwendern zu haben, damit die notwendigen Rahmenbedingungen für eine exponentiell vernetzte Welt geschaffen werden können. „Ich vergleiche IoT heute mit dem Auto vor hundert Jahren. Die Leute waren in alle Richtungen unterwegs und es gab sehr viele Unfälle. Die Frage ist also, was müssen wir als Gesellschaft machen, um diese Risiken zu minimieren? Wegen der notwendigen Interoperabilität gibt es bei IoT einen großen Bedarf an Standards“, so Neppel.

Willkommen in der Spiegelwelt
Markus Petzl führte im Abschlussplenum anhand von Beispielen aus der Musik- und Automobil-Industrie anschaulich die innovative Kraft der Disruption vor Augen. Wenn autonomes Fahren viel sicherer ist, hat das Auswirkungen auf Werkstätten, Versicherungen, Fahrschulen und andere Branchen. Entwicklungen finden nicht mehr linear, sondern exponentiell statt - eine Geschwindigkeit, für die das europäische Wirtschafts- und Bildungssystem, im Gegensatz zum Silicon Valley, nicht ausreichend gerüstet ist.

„Mirrorworld“, wie von Kevin Kelly im „Wired“-Magazin beschrieben, ist ein detaillierter Blick auf den großen Paradigmenwechsel, der sich in den nächsten zwei Jahrzehnten entfalten wird. Eine Spiegelwelt ist eine Repräsentation der realen Welt in digitaler Form. Darin werden bereits Sachen verhandelt und probiert, die noch utopisch klingen. Wer macht dort die Regeln, wer moderiert sie, wer darf dabei sein? Dieser Herausforderung wird sich auch die Standardisierung stellen müssen.

Verlierer in einer exponentiell vernetzten Welt
Ein weiterer Grundtenor: Wer nicht flexibel und schnell genug ist, verpasst den Anschluss und überlässt Konsortien mit anderer Agenda das Feld. Sich nicht mit Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen, sei gar ein organisatorisches Selbstmordurteil, warnte der Digital- und KI-Experte Jürgen Schmidt von Strg.at. Neuronale Netze, die nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeitsrechnung funktionieren, können „trainiert“ werden, da nun signifikante Mengen an Big Data vorliegen. Sie sind nicht mehr regelbasiert, sondern simulieren menschliche Erfahrung. Die daraus erzeugten Programme sind von Menschen nicht mehr zu beherrschen, wie sich gezeigt hat, als die Google-Software AlphaGo den weltbesten Go-Spieler besiegte. (pj)

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