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Fakten statt Fake-News: Händler entkräften gängige Mythen zum Einwegpfand © PantherMedia/Andriy Popov
© PantherMedia/Andriy Popov

Redaktion 19.10.2020

Fakten statt Fake-News: Händler entkräften gängige Mythen zum Einwegpfand

Drexel, Haraszti, Leitner & Will: Handel fordert nachhaltiges Kreislaufwirtschaftssystem statt Zwangspfand für Konsumenten.

WIEN. In Österreich fallen jährlich pro Person 42 kg Plastikmüll an. Das ist viel zu viel, da sind sich alle Experten einig. Große Uneinigkeit besteht jedoch darüber, wie wir dieses Problem am
besten lösen können. Hinzu kommt: Die öffentliche Diskussion wird zurzeit nicht von Fakten bestimmt, sondern
von ideologisch motivierten Fake-News. Dies hat der Handelsverband zum Anlass genommen, um die
gängigsten Mythen und Falschnachrichten zu entkräften.

Mythos 1: Eine 90% PET-Getrenntsammelquote kann nur mit Einwegpfand erreicht werden
Die EU schreibt bis 2025 für Kunststoff-Getränkeflaschen eine verpflichtende Getrenntsammelquote von 77%
vor, bis 2029 muss sogar eine Getrenntsammelquote von 90% erreicht werden. In Österreich kommen jährlich
1,6 Milliarden Plastikflaschen in Umlauf. Davon sammeln und trennen wir bereits heute mehr als 70%, d.h. 3
von 4 PET-Flaschen landen im gelben Sack oder in der gelben Tonne. Drei Bundesländer – Tirol, Vorarlberg und
das Burgenland – liegen schon über 90%. Wir sammeln in Österreich bereits jetzt 3 von 4 PET-Flaschen. Wenn
jede Österreicherin und jeder Österreicher nur eine Flasche mehr pro Woche in den richtigen Container wirft,
haben wir 2029 alle Ziele erreicht. Daher leistet der Handel gerne Aufklärungsarbeit beim Konsumenten.
Die Herausforderung: In der Bundeshauptstadt Wien wird derzeit nur ein Drittel aller Plastikflaschen getrennt
gesammelt, was den nationalen Durchschnitt nach unten drückt. Daher möchte Umweltministerin Gewessler
nun in ganz Österreich ein Zwangspfand einführen, welches jedes heimische Unternehmen mit durchschnittlich
10.500 Euro jährlich zusätzlich belasten würde – und das in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten
Weltkrieg.

"Einwegpfand belastet die Konsumenten letztlich zweimal: einmal beim Einkauf, weil das Getränk erstmal
teurer ist. Und dann noch einmal beim Zurückbringen. Denn statt alles Plastik unkompliziert in den gelben Sack
oder die gelbe Tonne zu stecken, muss ein Teil getrennt zum Supermarkt getragen werden. Wie aber alle
Experten und Erfahrungswerte bestätigen: Die Bereitschaft der Menschen, konkret etwas für die Umwelt zu tun,
steht und fällt mit einer möglichst einfachen Umsetzung im Alltag", sagt Rewe International-Vorstand Marcel
Haraszti.

"Warum sollen wir ein Abfallsystem schwächen, das in acht Bundesländern wunderbar funktioniert und um das
uns ganz Europa beneidet, nur weil ein Bundesland seine Hausaufgaben noch nicht gemacht hat? Es wäre viel
sinnvoller und kostengünstiger, die Getrenntsammlung in Wien auszubauen, als ein bundesweites Zwangspfand
einzuführen", ist Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will überzeugt.

Fakt: Österreich kann die 90% PET-Getrenntsammelquote durch einen gezielten Ausbau des funktionierenden Sammelsystems mit Fokus auf Wien erreichen. Dafür ist kein ineffizientes Parallelsystem in Form eines Einwegpfandes erforderlich, das den Steuerzahler belastet.

Mythos 2: Das Littering-Problem kann nur mit Einwegpfand gelöst werden
Littering, das achtlose Wegwerfen von Abfällen in der Umwelt, ist ein globales Problem. Auch in Österreich
werden, trotz gut funktionierender Entsorgungsangebote, Abfälle oft achtlos weggeworfen. BM Gewessler
möchte die Vermüllung des öffentlichen Raums durch die Einführung eines Einwegpfandsystems verhindern.
Ein Zwangspfand verringert das Littering jedoch leider kaum. PET-Flaschen machen nämlich lediglich rund
6% der Littering-Menge aus. Langjährige Erfahrungen in Deutschland und Skandinavien haben zudem gezeigt,
dass viele Getränkegebinde trotz Pfand nicht zurückgegeben werden, sondern achtlos in der Umwelt "entsorgt"
werden.

Gerhard Drexel, Vorstandsvorsitzender von Spar Österreich: "Sollte das Zwangspfand auf Plastikflaschen von
der Bundesregierung tatsächlich beschlossen werden, gäbe es nur Verlierer: Die Konsumenten, die jedes
gebrauchte Flascherl in den Supermarkt zurückbringen müssten, um ihr zuvor bezahltes Pfand von 30 Cent
zurückzufordern; die Lebensmittelhändler, die sämtliche zurückgebrachten gebrauchten Plastikflaschen pressen
müssten und dadurch aufgrund der ausströmenden Flüssigkeit ein Hygieneproblem bekämen; und letztlich die
Umwelt, weil das vorbildliche österreichische Sammelsystem, für das uns ganz Europa bewundert, durch den
Aufbau eines unnötigen Parallelsystems auf Dauer beschädigt würde."

"Das wirksamste Mittel gegen Littering ist, dem Konsumenten die Mülltrennung und Entsorgung so bequem und
einfach wie möglich zu machen. Daher müssen wir endlich eine einheitliche Sammelstruktur für ganz Österreich
schaffen und für Haushalte direkt am Wohnort den gelben Sack oder die gelbe Tonne zur Verfügung stellen. Das
Sammelsystem muss für die regelmäßige Entleerung bzw. Abholung sorgen. Darüber hinaus brauchen wir
separate Sammelbehälter auch in allen Parks und öffentlichen Gebäuden. Das bedeutet größtmöglichen
Sammelkomfort und ist der effizienteste Weg zu einer höheren Sammelquote. Der Handel ist Versorger, nicht
Entsorger. Für letzteres haben wir schon das österreichische Getrenntsammelsystem aufgebaut", so
Handelssprecher Rainer Will.

Fakt: Mit Zwangspfand kommt man gegen Littering nicht an. Stattdessen sollten wir unser Müllsammelsystem in ganz Österreich vereinheitlichen und vom Bring- auf ein Holsystem umstellen.

Mythos 3: Einwegpfand ist die günstigste Möglichkeit, um die EU-Quoten zu erreichen
Die Umweltministerin und einige heimische NGOs meinen, der bundesweite Aufbau eines Einwegpfandsystems als Parallelsystem zur funktionierenden Getrenntsammlung sei die effizienteste und kostengünstigste Möglichkeit, um die von der EU vorgeschriebene Kunststoff-Recyclingquote von 50% bis 2025 und 55% bis 2030 zu erreichen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Das von der österreichischen Wirtschaft ausgearbeitete umfassende Konzept ermöglicht die Erreichung sämtlicher EU-Quoten und ist dabei um mindestens 60
Mio. € jährlich günstiger als das geplante Zwangspfand.

"Wir versuchen seit jeher, ein angenehmes und vor allem unkompliziertes Einkaufserlebnis zu bieten. Positiv an
der aktuellen Entsorgung ist die Tatsache, dass PET-Flaschen jederzeit entsorgt werden können und das in über
zwei Millionen Abgabemöglichkeiten österreichweit. Durch ein Pfandsystem könnten Konsumenten PET-Flaschen nur noch zu Filialöffnungszeiten in ca. 6.000 Geschäften zurückgeben. Einige Konsumenten werden dies jedoch nicht umsetzen, da dadurch der persönliche Aufwand steigt. Die Flaschen müssen privat gesammelt, aufbewahrt und schlussendlich wieder zurückgebracht werden. Die Kunden werden somit durch diesen Mehraufwand zusätzlich belastet. In Deutschland werden z.B. rund fünf Prozent der PET-Flaschen nicht zurückgegeben", bestätigt Hofer-Generaldirektor Horst Leitner. Und weiter: "Sinnvoller wäre es, dieses Geld in Sensibilisierungs- und Kommunikationsmaßnahmen rund um die Themen Entsorgungshinweise auf Produktverpackungen und Littering zu investieren. Um die ambitionierten EURecyclingziele für Kunststoff zu erreichen, muss trotz der Einführung eines Pfandsystems auch die Sammlung der restlichen Kunststoffe intensiviert werden. D.h. Konsumenten müssten bei einem Pfandsystem mit Rückgabe in
Filialen zusätzlich zur Rückgabe der PET-Flaschen in der Filiale auch noch den restlichen Kunststoffabfall
getrennt sammeln und extra entsorgen, anstatt alles gemeinsam zu entsorgen. All diese Veränderungen würden
zu einer Komplexitätssteigerung und zu einem Mehraufwand bei unseren Kunden führen."

"Einwegpfand in Österreich einzuführen, heißt ökologisch mit Kanonen auf Spatzen zu schießen: fühlt sich
vermeintlich gut an, löst aber nur einen kleinen Teil des großen Plastik-Problems. Und ist ein K.O.-Schlag für
Mehrweg", sagt auch Marcel Haraszti. Das Beispiel Deutschlands zeigt, dass nach Einführung des Einwegpfands der Mehrweg-Anteil binnen sieben Jahren von knapp über 70 auf rd. 43% runtergerasselt ist. Da wurde
die Rechnung ohne die Konsumenten gemacht: Wenn man sich durch ein Einweg-Pfand quasi "ökologisch freikaufen" kann, warum dann noch zu Mehrweg greifen?
Fakt: Das ganzheitliche Kreislaufwirtschaftskonzept der österreichischen Wirtschaft ist der effizienteste,
kostengünstigste und konsumentenfreundlichste Weg, um sämtliche EU-Abfallsammel- und RecyclingQuoten zu erreichen. Daher appelliert der heimische Handel an die Umweltministerin, dieses Modell zu wählen und nicht aus ideologischen Gründen an einem teuren Zwangspfandsystem festzuhalten. (red)

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