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„Ziel sind einhundert Billa-Kaufleute bis 2026”

Brian Beck, Billa-Vorstand Großhandel und Kaufleute, Kaufmann Sadik Demir und Billa-Vertriebsdirektor Hermann Weiß bei der offiziellen Eröffnung (v.l.).

Brian Beck, Billa-Vorstand Großhandel und Kaufleute, Kaufmann Sadik Demir und Billa-Vertriebsdirektor Hermann Weiß bei der offiziellen Eröffnung (v.l.).

Redaktion 18.11.2022

„Ziel sind einhundert Billa-Kaufleute bis 2026”

Billa hat seinen ersten Wien-Standort privatisiert – in den nächsten vier Jahren sollen noch einige dazukommen.

••• Von Paul Hafner

Knapp drei Wochen nach dem Startschuss für das Billa Kaufleute-Modell im niederösterreichischen Gloggnitz (medianet berichtete) folgte am vergangenen Montag eine feierliche Doppeleröffnung: Am Morgen stellte sich Thomas Wojteckovsky in Pöttsching als erster Billa-Kaufmann des Burgenlands vor, wenige Stunden später führte Sadik Demir, erster Billa-Kaufmann Wiens, die Presse durch seinen 1.000 m²-Markt in der Hauptstraße 30 in Wien-Penzing.

Jeweils mit von der Partie, wie schon in Gloggnitz: Brian Beck, Billa-Vorstand Großhandel und Kaufleute, und Billa-Vertriebsdirektor Hermann Weiß. Fürs Erste ist deren Ostösterreich-Tour schon wieder zu Ende, doch bereits Anfang 2023 soll das Konzept auf die ersten Billa Plus-Märkte ausgeweitet und darüber hinaus auch allmählich der Westen des Landes erschlossen werden; zwölf weitere privatisierte Standorte – und somit in Summe 15 – sollen es bis Jahresende 2023 sein, drei Jahre später bereits 100, kündigt Weiß entschlossen an.
Obgleich man über kurz oder lang auch für „externe” Anwärter offen sein will, bezieht Billa die Pioniere des neuen Kaufleute-Modells aus den eigenen Reihen; um in den Pool der Anwärter zu kommen, müssen diese neben entsprechender Erfahrung auch einen „niedrigen fünfstelligen Betrag” mitbringen. Rechtsform der Kooperationen ist die Offene Gesellschaft (OG), der Kaufmann hält 80% am Unternehmen („80:20-Beteiligungsmodell”) und führt an Billa eine Umsatzmiete ab.

Persönliche Handschrift

Auch Sadik Demir, der ein Team von 26 Mitarbeitern (inkl. zwei Lehrlingen) übersieht, ist ein Rewe-Eigengewächs: 2012 als Trainee zum Händler gestoßen, war Demir ab 2015 Marktmanager bei Billa Plus (bzw. damals: Merkur) – erst von jenem im Millennium Tower, später von jenem im Wohnpark Trienna Living (beide Wien). Zehn Jahre nach dem Start seiner Billa-Karriere ziert sein Name nun einen topmodernen Markt, der erst Ende 2020 neu gebaut und bis zuletzt als Filialstandort geführt wurde.

Der Schritt in die Selbstständigkeit sei „der nächste logische Schritt” gewesen, meint Demir und spricht von den Freiheiten, die ihm etwa bei der Einlistung lokaler und regionaler Produkte (sowie deren Aktionierung) gestattet seien: „Das Sortiment kann ich als Kaufmann flexibel und schnell an die Bedürfnisse meiner Kundinnen und Kunden anpassen – und vor allem kleine Lieferanten aus der Umgebung damit unterstützen.”
Beck spricht in diesem Zusammenhang von einer „lokalen Optimierung” des Sortiments; so sind am Eröffnungstag u.a. der Feinkostspezialist res frumentariae aus Wien-Meidling, die Ehrenberger Bäckerei aus Gars am Kamp und die Wiener Bezirks-imkerei mit Probierständchen in der Filiale vertreten.

Bei der Energie im Vorteil

Dass Billa sein Kaufleute-Modell ausgerechnet inmitten der Energiekrise auszurollen beginnt, mag manchen überraschen – insbesondere, da diverse selbstständige Kaufleute knapp vor dem Konkurs stehen und der kaufmännische Mitbewerb dieser Tage geschlossen und verzweifelt – zuletzt etwa im Rahmen der Pressekonferenz der WKÖ im Oktober – vor der Bedrohung der Nahversorgerlandschaft warnt.

Doch unterscheidet sich das Kaufleutemodell der Rewe in einigen Punkten gravierend von jenen seiner Mitstreiter: Die Billa-Kaufleute beziehen die Energie über den (mutter-)konzerneigenen Energieversorger EHA und damit zu weit attraktiveren Preisen; außerdem hat man in Deutschland jahrzehntelange Erfahrung mit dem partnerschaftlichen Kaufmannsmodell, und dem Rollout geht eine lange, über Energiekrise und Pandemieausbruch hinausgehende Planungsphase voraus.
Erklärtermaßen hat man mit dem Billa Kaufmann-Modell „die Nummer eins in der Kundenwahrnehmung” im Blick, wie es Rewe-Vorstand Marcel Haraszti formuliert – ein Anspruch, dem zuletzt auch mit der Tierwohl-Offensive beim Frischfleisch, dem „Vertical Farming”-Pilotprojekt in Wien-Favoriten, dem Launch des veganen Concept Stores „Billa Pflanzilla” in Wien-Neubau und der Eröffnung des „grünsten Billa Plus” in Baden gerecht zu werden versucht wurde.

Adeg bleibt

Wenngleich man bei dem Roll-out besonnen vorgehen und nichts überstürzen will, wird aktuell kräftig die Werbetrommel gerührt: „Wir sind bereit, noch viele Kaufmänner und Kauffrauen in die unternehmerische Selbstständigkeit zu begleiten. Vor allem für derzeitige Billa- und Billa-Plus-Marktmanagerinnen und Marktmanager, bei denen es sich österreichweit zu über 60 Prozent um Frauen handelt, eröffnet die Entscheidung, zum Kaufleute-Modell zu wechseln, neue Perspektiven”, so die Ansage Becks.

Dass es der Marke Adeg wie Merkur ergehen (und sie verschwinden) wird, schließt die Rewe übrigens aus – ebenso wie ein Kaufleute-Modell für Penny.

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