retail.conversations: In dieser Ausgabe von „retail Conversations“ sprach medianet-Herausgeber Chris Radda mit Josef Braunshofer, Geschäftsführer der Berglandmilch eGen, über die Lage am Milchmarkt, die Positionierung im Handel und die strategischen Antworten des größten österreichischen Milchverarbeiters. Berglandmilch ist die größte Molkereigenossenschaft des Landes, sitzt in Wels und verarbeitete 2024 nach eigenen Angaben rund 1,3 Mrd. Kilogramm Milch; der Umsatz lag bei rund 1,3 Mrd. Euro, die Gruppe zählte rund 1.600 Mitarbeitende inklusive Tochterunternehmen und rund 8.000 Milchlieferanten. Zu den wichtigsten Marken zählen Schärdinger, Tirol Milch, Lattella, Landfrisch, Stainzer, Alpi und Jogurella.

Braunshofer zeichnete ein Marktbild, das von wachsendem Druck geprägt ist. Einem Überangebot an Milch in Europa stelle sich Berglandmilch mit einer klaren Schwerpunktsetzung entgegen: mit Käse, High-Protein-Produkten und Convenience. Gerade im Käsebereich sieht der Manager weiter internationales Wachstumspotenzial; zugleich verwies er darauf, dass Milch als Lebensmittel weit mehr sei als bloßer Proteinträger, sondern alle neun essenziellen Aminosäuren liefere. Die Botschaft dahinter: Wertschöpfung entsteht nicht über Masse, sondern über Veredelung, Profilierung und Produktideen, die im Regal nachvollziehbar differenzieren.
Im Handel, so Braunshofer, verschärft sich das Spannungsfeld zwischen wachsendem Bio-Absatz und einer gleichzeitig stärkeren Sichtbarkeit von Preiseinstiegsartikeln. Genau da ortet er Raum für neue Angebote in der Mitte. Die reine Reduktion der Lebensmitteldiskussion auf den Preis greife zu kurz, argumentierte der Berglandmilch-Chef; hochwertige Lebensmittel hätten einen Wert, gerade in einem Land mit vergleichsweise hohen Produktionskosten, hoher Qualität und keiner industriellen Massenlogik nach internationalen Billigstandards. Seine Lesart ist klar: Zwischen Preiseinstieg und Bio bleibt Platz für Produkte, die Qualität, Alltagstauglichkeit und Konsumnähe verbinden.
Diesen mittleren Korridor will Berglandmilch auch weiterhin über Convenience besetzen. Braunshofer nannte als Beispiel die Kooperation mit Wiesbauer österreichische Wurstspezialitäten GmbH, bei der Schärdinger Bergbaron in einer gemeinsamen Produktinnovation mit der Marke Bergsteiger im Regal angeboten wird. Die Zusammenarbeit wurde 2024 offiziell vorgestellt und steht exemplarisch für einen Ansatz, bei dem starke heimische Marken über Sortimentsgrenzen hinweg neue Verzehranlässe schaffen sollen. Parallel setzt Berglandmilch seit Jahren auch auf eine starke Markenarchitektur im Handel; das Unternehmen verweist selbst darauf, mit Schärdinger, Tirol Milch, Lattella und weiteren Marken zu den größten Markenartikelherstellern Österreichs zu zählen.

Dass Braunshofer den Markt nicht nur über Preis und Absatz definiert, sondern auch über Verpackung und Positionierung, zeigte sich im Gespräch ebenfalls. Er sprach von Erfolgen mit Glasprodukten und von einer Aufwertung über Inhalt und Verpackung. Tatsächlich hebt Berglandmilch in ihrer öffentlichen Kommunikation die Wiedereinführung von Mehrwegglas mit Regionalkonzept als wichtigen Meilenstein hervor. Das passt zur strategischen Stoßrichtung des Unternehmens, das sich im Jubiläumsjahr 2024 nicht nur als großer Verarbeiter, sondern ausdrücklich als österreichischer Markenanbieter mit Qualitäts- und Herkunftsanspruch positioniert hat.

Ein zweiter großer Themenblock war Kreislaufwirtschaft und die Energieversorgung. Braunshofer beschrieb Berglandmilch als Unternehmen, das nach mehreren Investitionsjahren fossiles Gas systematisch durch regionale Biomasse ersetzt habe. Berglandmilch betont den Ausstieg aus fossilem Erdgas, verweist auf mit Biogas und Biomasse versorgte Standorte wie Aschbach, Feldkirchen und Wörgl und hat im März 2026 in Voitsberg ein weiteres Biomasse-Heizwerk eröffnet. Dort soll die Anlage mit regionalen Hackschnitzeln arbeiten, die CO₂-Emissionen um mehr als 90% senken und den Standort von fossilen Energieträgern wie Erdgas unabhängig machen. Der industriepolitische Punkt dahinter ist für Braunshofer zentral: „Versorgungssicherheit, Resilienz und Wertschöpfung sollen im Land bleiben.“

Braunshofer argumentierte insgesamt aus einer Position, die Markt- und Strukturpolitik zusammendenkt. Berglandmilch ist als Genossenschaft weiterhin bäuerlich getragen; das Unternehmen selbst betont, ausschließlich in Österreich zu produzieren und in den vergangenen Jahrzehnten aus einer Molkereikonsolidierung zu einem Exporteur in 50 Länder gewachsen zu sein. Im Gespräch wurde daraus ein klares Leitmotiv: Österreichische Milchproduktion könne im europäischen Wettbewerb nur bestehen, wenn sie Qualität, Herkunft, Veredelung und Energieeffizienz zusammenführt.

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