agency log #112: Wir Menschen bleiben die Architekten des KI-Einsatzes
Im dieser Ausgabe von „agency log“ sprach medianet Verlagsleiter Bernhard Gily mit Florian Fischer, Chief AI Officer der Wiener Performance-Marketing-Agentur Slopelift PM Media GmbH, über die tiefgreifenden Veränderungen, die künstliche Intelligenz derzeit in Marketing, Kommunikation und Unternehmensorganisation auslöst. Fischers zentrale Botschaft: KI werde Prozesse massiv beschleunigen und ganze Arbeitsabläufe neu ordnen – die Verantwortung für Strategie, Qualität und Ethik bleibe aber beim Menschen.
Im Zentrum des Gesprächs stand zunächst die Frage, wie sich Marketing unter dem Einfluss von Sprachmodellen und KI-gestützten Suchsystemen verändert. Fischer skizzierte einen deutlichen Wandel weg von der reinen Optimierung auf klassische Google-Rankings hin zu „situationswürdigem“ Content, der für unterschiedliche Nutzungskontexte und zugleich für Sprachmodelle klar auslesbar sein müsse. Für Marken bedeute das, bewusster zu definieren, wofür sie überhaupt gefunden werden wollen – und in welcher Form ihre Inhalte von Maschinen verarbeitet und interpretiert werden sollen.
Damit verschiebe sich auch der Fokus in der Content-Produktion. Nicht mehr nur Aufmerksamkeit und Emotionalisierung stünden im Vordergrund, sondern auch Struktur, Lesbarkeit und semantische Klarheit. Florian Fischer beschrieb dies als eine neue Phase, in der der klassische Marketing-Funnel zunehmend auch für Maschinen gebaut werde. Neben dem emotional aufgeladenen, markenbildenden Zugang brauche es daher eine zweite, sachlichere Ebene: Inhalte, die nüchtern, präzise und datenbasiert funktionieren. Diese Zwei-Funnel-Strategie könne helfen, sowohl Menschen als auch KI-Systeme gezielt anzusprechen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die Frage nach Datenhoheit und Datensicherheit. Gerade in einer Zeit, in der Unternehmen KI stärker in operative Prozesse integrieren, gewinnen laut Fischer First-Party-Daten enorm an Bedeutung. Sie seien der „Goldschatz“ für verlässliches und präzises Marketing, weil sie unabhängig von externen Plattformen genutzt und kontrolliert werden können. Zugleich verwies Fischer auf den steigenden Stellenwert technischer Schutzmechanismen wie RAG-Systemen, die dazu beitragen sollen, sensible Unternehmensdaten vor unkontrolliertem externem Zugriff zu schützen.
Auch die internen Auswirkungen der KI-Transformation kamen ausführlich zur Sprache. Fischer erinnerte daran, wie datenintensive Prozesse im Jahr 2008 noch weitgehend händisch bearbeitet werden mussten. Heute könnten automatisierte Reportings, KI-gestützte Workflows und intelligente Assistenzsysteme enorme Effizienzgewinne bringen. Gerade repetitive, redundante Aufgaben ließen sich aus dem Arbeitsalltag herauslösen, wodurch mehr Raum für Analyse, Einordnung und kreative Steuerung entstehe.
Trotz aller technologischen Fortschritte warnte Fischer jedoch vor einem Missverständnis: KI ersetze keine fachliche Substanz. Im Gegenteil – je besser die Grundkenntnisse eines Menschen, desto besser könne KI als Werkzeug eingesetzt werden. Künftig werde es noch wichtiger, Themen holistisch zu betrachten, flexibel zu denken und unterschiedliche Lösungswege gegeneinander abzuwägen. Es gebe, so Fischer, weder Schwarz noch Weiß und auch nicht die eine richtige Lösung.
Damit berührte das Gespräch auch die gesellschaftliche Dimension der Entwicklung. KI werde nur wenige Berufsbilder unberührt lassen, räumte Fischer ein. Gerade deshalb sei es wichtig, Menschen die passenden Werkzeuge in die Hand zu geben, anstatt Ängste durch Kontrollverlust wachsen zu lassen. Die entscheidenden Instanzen blieben am Ende Kreativität, moralische Abwägung und Budgetverantwortung – also genuin menschliche Leistungen.
Fischers Fazit fiel entsprechend differenziert aus: KI liefere in vielen Bereichen bereits erstaunliche Ergebnisse, doch für die entscheidenden letzten Prozentpunkte brauche es weiterhin menschliche Kontrolle, Erfahrung und Urteilskraft. Oder, wie es im Gespräch sinngemäß anklang: Es ist die Zeit der Strukturarchitekten – und diese Rolle wird auch im Zeitalter der KI vom Menschen ausgefüllt.