financenet: Neue Machtachsen, neue Kapitalströme

Im financenet studio diskutierten medianet-Herausgeber Chris Radda, FTC-Capital-Gründer Eduard Pomeranz, WU-Ökonom Stephan M. Klinger und der Wiener Fachgruppenobmann der Finanzdienstleister Eric Samuiloff über das Ende der regelbasierten Weltordnung, den Vertrauensverlust in die Globalisierung und die Folgen für Anleger und Berater.

Im medianet-Studiogespräch „The New World Order II – Tectonic Money Flows“ stand eine These im Zentrum, die gleichermaßen geopolitisch wie finanzwirtschaftlich zu verstehen ist: Die regelbasierte, liberale Weltordnung der vergangenen Jahrzehnte zerbricht – und mit ihr verändern sich auch die Muster, nach denen Kapital rund um den Globus fließt. Was lange als berechenbare Ordnung galt, wird nach Ansicht der Diskutanten zunehmend von Macht, Sicherheitsinteressen und geopolitischer Fragmentierung ersetzt.

Eduard Pomeranz, Gründer der FTC Capital GmbH, zeichnete die großen Linien dieser Entwicklung nach. Die Ursachen für die heutige Unruhe lägen aus seiner Sicht nicht nur in jüngsten Krisen, sondern reichten 30 bis 40 Jahre zurück – in jene Phase nach dem Ende des Kalten Krieges, in der wirtschaftliche Integration als Weg zur politischen Annäherung verstanden wurde. Zugespitzt formulierte Pomeranz: „Am Ende des Tages hätten die Chinesen zu Amerikanern werden sollen. Sie sind aber Chinesen geblieben.“ Die Annahme, Globalisierung werde zwangsläufig zu einer Angleichung politischer und wirtschaftlicher Systeme führen, habe sich als Fehleinschätzung erwiesen.
Beschleunigt worden sei der Wandel, so Pomeranz, durch drei Zäsuren: die Corona-Pandemie, den Krieg in der Ukraine und die Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus. Gerade die Pandemie habe mit massiven staatlichen Eingriffen und Liquiditätsspritzen in historischem Ausmaß die Märkte neu justiert. Der Krieg wiederum habe militärische, technologische und wirtschaftliche Asymmetrien offengelegt. Pomeranz verwies in diesem Zusammenhang auf eine viel zitierte Einschätzung des Blackwater-Gründers Erik Prince, wonach der Ukraine-Krieg die größte militärische Veränderung seit Jahrhunderten ausgelöst habe.

Stephan M. Klinger ordnete diese Diagnose wissenschaftlich ein und widersprach einer rein negativen Sicht auf die Globalisierung. Diese sei auch das größte Armutsbekämpfungsprojekt der Menschheitsgeschichte gewesen. Zugleich habe man im Westen die sozialen Folgekosten für die Mittelschichten zu lange klein geredet. „Vielleicht hätten die Mittelschichten auch mitgemacht, wenn sie von Anfang an gesagt bekommen hätten: Freunde, uns geht es jetzt sehr gut, jetzt schauen wir, dass wir das besser verteilen“, sagte Klinger. Stattdessen seien Enttäuschungseffekte entstanden, die sich heute politisch und gesellschaftlich deutlich bemerkbar machten.
Besonders pointiert fiel seine Diagnose zum gesellschaftlichen Klima aus: „Das Gegenteil von Vertrauen ist meistens nicht Misstrauen, sondern die Forderung nach Transparenz.“ Darin liege ein zentraler Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart. Wo Vertrauen in Institutionen, Politik und Märkte sinke, wachse das Bedürfnis nach Kontrolle, Nachvollziehbarkeit und Absicherung. Gerade ein Wirtschaftssystem aber, so Klinger, lebe in hohem Maß von Vertrauen.

Für Eric Samuiloff, Obmann der Fachgruppe Finanzdienstleister der Wirtschaftskammer Wien, zeigt sich diese Verunsicherung tagtäglich im Kontakt mit Kunden und Beratern. Die Fragen seien komplexer, die Ängste größer, die Gewissheiten kleiner geworden. Ein guter Berater müsse deshalb heute weniger Prognosen liefern als Zusammenhänge erklären. „Nicht bitte versprechen, dass ich genau weiß, was in fünf Jahren ist“, sagte Samuiloff. Entscheidend sei vielmehr, Bedürfnisse sauber zu analysieren, Entwicklungen transparent einzuordnen und daraus nachvollziehbare Schlüsse für die Veranlagung zu ziehen. Der Anspruch laute nicht, alles besser zu wissen – sondern verständlich zu machen, „warum es so ist, wie es ist“.

Pomeranz leitete aus diesem Befund eine neue Sicht auf Asset Allocation ab. Während in den 2000er-Jahren alternative Investments, Staatsanleihen, Rohstoffe und Managed Futures im Vorteil gewesen seien und die 2010er-Jahre vor allem von Technologieaktien und dem „Long Duration Trade“ dominiert wurden, beginne nun eine Phase, in der nationale Sicherheit zum entscheidenden Taktgeber werde. Gute Perspektiven sieht er dort, wo Staaten und Volkswirtschaften künftig strategische Abhängigkeiten reduzieren wollen: in Energie, Industrialisierung, Technologie, Rohstoffen und Verteidigung. Sein eigener Investmentansatz sei bewusst unkonventionell. Der von ihm aufgelegte Generation-Fund setze auf Kapitalerhalt, Inflationsschutz und Absicherung – mit physischem Gold, ausgewählten Aktien, Trendfolgern, alternativen Anleihen und Volatilitätsstrategien. Dabei formulierte Pomeranz einen Leitsatz, der über der gesamten Diskussion stand: „Ich sehe die Welt so, wie sie ist, und nicht so, wie ich sie gerne hätte.“ Vermögensverwaltung, so seine Botschaft, dürfe keine moralische Wunschprojektion sein, sondern müsse auf reale Kräfteverhältnisse reagieren.

Samuiloff plädierte trotz aller Umbrüche für eine Rückbesinnung auf das Einfache und Verständliche. Aktien hätten weiterhin ihre Berechtigung, vor allem dort, wo Unternehmen Produkte und Dienstleistungen anbieten, die unabhängig vom politischen Zeitgeist gebraucht werden. Seine Empfehlung: Blue Chips, reale Bedarfe, disziplinierte Portfolios und dort, wo spekulativere Themen gespielt werden, klare Limits und Stop-Loss-Strategien. „Wir werden immer Lebensmittel brauchen, wir werden immer Rohstoffe brauchen, wir werden immer Güter brauchen, wir werden Dienstleistungen brauchen“, sagte Samuiloff. Für langfristig orientierte Anleger bleibe das ein tragfähiger Kompass.

Klinger wiederum verwies auf die wachsende politische Steuerung von Finanzströmen. Sanktionen, alternative Zahlungssysteme und regionale Machtblöcke würden in Zukunft stärker darüber entscheiden, wie Geld sich bewege und wo Risiken entstehen. Sein Satz „Das Geld hat kein Mascherl“ könnte, so der Ökonom, in Zukunft an Gültigkeit verlieren. Kapitalströme würden zunehmend markiert, gelenkt und politisch codiert. Gerade in Asien entstünden längst neue digitale Zahlungswelten, während Europa noch nach dem passenden regulatorischen Rahmen suche.

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