Value #43 Der Finanz Talk: Österreichs Inflation als Spielball der Geopolitik

Im Rahmen des gemeinsam mit der Fachgruppe Finanzdienstleister der Wirtschaftskammer Wien produzierten Formats „Value – Der Finanz Talk“ sprach FG-Obmann Eric Samuiloff mit Christoph Schneider, Geschäftsführer des unabhängigen Wiener Wirtschaftsforschungsunternehmens Economica GmbH, über die wachsenden Inflationsrisiken infolge geopolitischer Krisen, wie etwa dem Krieg im Iran.

Im Zentrum des Gesprächs stand die Frage, wie stark Österreich als kleine, offene Volkswirtschaft von internationalen Entwicklungen abhängig ist. Für Schneider ist die Antwort klar: Der heimische Inflationsverlauf werde zunehmend von externen Faktoren bestimmt. Energiepreise, Rohstoffmärkte und Handelsrouten reagierten sensibel auf geopolitische Spannungen – mit unmittelbaren Folgen auch für Österreich.
Der Economica-Geschäftsführer sprach vom „sechsten globalen Wirtschaftsschock im sechsten Jahr in Folge“ und warnte davor, die strukturelle Verwundbarkeit des Standorts weiter zu unterschätzen. Österreich habe aus den vergangenen Krisen zu wenig gelernt. Weder bei Energieinfrastruktur noch bei Forschung und Entwicklung seien zuletzt ausreichend Investitionen erfolgt. Gerade diese Unterinvestitionen verschärften nun die Anfälligkeit für neue Preisschübe.
Mit Blick auf mögliche Gegenmaßnahmen plädierte Schneider für Augenmaß. Sollte ein Konflikt zeitlich begrenzt bleiben, seien zwar leichte Inflationsanstiege zu erwarten, vorschnelle geldpolitische Reaktionen wie eine Anhebung der Leitzinsen wären aus seiner Sicht jedoch nicht sinnvoll. Zu frühe Interventionen könnten längerfristig zusätzliche Marktverwerfungen verursachen. Stattdessen brauche es koordinierte europäische Maßnahmen, etwa zur Stabilisierung des Energieangebots.

Als zentrale Lehre aus den vergangenen Krisenjahren nannte Schneider die Notwendigkeit, die Resilienz des Wirtschaftsstandorts zu stärken. Mehr Diversifizierung, intensiverer Wettbewerb, weniger Bürokratie und investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen seien entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs zu sichern. Derzeit aber würden wachsende regulatorische Belastungen und Unsicherheit die Investitionsbereitschaft dämpfen – mit dem Ergebnis, dass Kapital zunehmend in andere Regionen abfließe.
Kritisch äußerte sich Schneider auch zur Kostenentwicklung am Standort. Neben hohen Energiekosten und wachsender Bürokratie belaste vor allem die starke Lohnkostendynamik die Unternehmen. Die enge Kopplung der Kollektivvertragsabschlüsse an die Inflation erhöhe den Druck zusätzlich und könne eine neuerliche Preis-Lohn-Dynamik in Gang setzen.

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