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Die Kunst findet in Wien kein (junges) Publikum mehr © APA/Georg Hochmuth
© APA/Georg Hochmuth

Redaktion 18.09.2015

Die Kunst findet in Wien kein (junges) Publikum mehr

Die Klage von Art Austria, Viennafair & Co.: Rund zwei Millionen ­Einwohner und vielleicht 25.000 interessieren sich für die Kunst.

••• Von Hubert Thurnhofer

Ganze
zehn Jahre hat sich die Viennafair bemüht, als Leitmesse für osteuropäische Kunst die Wiener Szene zu beleben. Sponsoren wie die Erste und die OMV haben tatkräftig mitgeholfen, dieses Image aufzupolieren, wollten aber heuer nicht mehr mitmachen.  2012 tauchte der Russische „Kunstmarkt-Analyst“ Sergey Skaterschikov aus dem Nichts auf und präsentierte sich drei Monate vor der Eröffnung der Viennafair als neuer Eigentümer. Bei der medienwirksamen Pressekonferenz wurden umgehend gleich zwei junge künstlerische Direktorinnen mit Osteuropa-Connections der Öffentlichkeit präsentiert; dazu kamen bald ein Dutzend weiterer Manager, vom Kaufmännischen bis zur PR.

Ein Jahr später hat Skaterschikov mit einem millionenschweren Ankaufsprogramm eines eigens ins Leben gerufenen Kunstfonds große Erwartungen internationaler Aussteller geweckt. Und 2014 war Skaterschikov mit all seinen Ambitionen schon wieder Geschichte. Der eigentliche Investor trat aus seinem Schatten: der russische Immobilien-Tykoon Dmitry Aksenov. Heuer zu Jahresbeginn hat Aksenov die Reißleine gezogen und den Vertrag mit der Reed-Messe aufgekündigt, um mit der neuen viennacontemporary in St. Marx weiterzumachen.

Aus eins mach zwei

So hat Wien nun von 24. bis 27. September die viennacontemporary mit dem stark reduzierten Ex-Management der Viennafair und die Viennafair weiter zum gewohnten Datum von 8. bis 11. Oktober am gewohnten Ort im Messegelände, aber mit einem neuen Management. Für die Viennafair zeichnet nun die art-port GmbH verantwortlich, die bereits die Art Austria im Leopold Museum veranstaltet. Beide Kunstmessen sind allerdings nur der Auftakt zu einem heiß umkämpften Messeherbst. Der Galerienverband hat geschlossen die Seiten zur viennacontemporary gewechselt.
Ein paar der bekanntesten Wiener Galerien (Huber, Krinzinger, Krobath) stellen sogar auf beiden Messen aus. Man kann davon ausgehen, dass diese Galerien nur mit starken Preisabschlägen auch bei der Viennafair gehalten werden konnten, denn art-port hatte gerade mal fünf Monate Vorbereitungszeit. Zu Redaktionsschluss war noch keine vollständige Ausstellerliste verfügbar.

Die bislang bekannten Aussteller lassen eher ein Stelldichein des Who is Who der Wiener Kunstszene erwarten als einen heißen, internationalen Marktplatz. So finden sich Albertina, Arthothek des Bundes, Österreichische Galerie Belvedere, Landessammlungen Niederösterreich, Lentos Kunstmuseum Linz auf der Ausstellerliste. Ob auf der viennacontemporary 2015 der Rubel rollt, steht allerdings auch in den Sternen. Der von Skaterschikov ins Leben gerufene Kunstfonds „Art Vectors Investment Partnership“ ist jedenfalls sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden. Dmitry Aksenov musste zur Kenntnis nehmen, dass sich in Wien der Return on Investment nicht so schnell einstellt wie bei seinen Immobilienprojekten in Moskau und hat jede überflüssige Kostenstelle gestrichen, so auch die zweite Direktorin.
Der Standard zitierte 2013 die damalige Co-Direktorin Vita Zaman: „Wir wollten etwas gegen die Gesetze des Kunstbetriebs machen. Kunst mache glücklich, so die These, ob nun an der eigenen Wand, im Museum oder in der Messekoje betrachtet: Kunstkauf ist nachrangig. Die Viennafair als Event kollektiven Beisammenseins.“ Da hat sich Aksenov wohl gewundert, dass seine Direktrice öffentlich gegen die Interessen des Investors und gegen die Interessen von 127 Ausstellern auftritt.

Die Artvista hat unrecht

Weltweit ist die Anzahl der Kunstmessen in den vergangenen fünfzehn Jahren massiv gestiegen. Der auf Kunstmessen spezialisierte Informationsdienst ArtVista listet für 2014 insgesamt 197 Kunstmessen auf, doch das sind bei Weitem nicht alle Kunstmessen. In Wien finden laut ArtVista nur die Art Austria und die Viennafair statt. Nicht erwähnt werden die zahlreichen Kunst- und Antiquitäten-Messen, die vermehrt auch zeitgenössische Kunst ins Programm nehmen. Allein die Wikam steigt drei Mal jährlich in den Ring: im Frühjahr im Künstlerhaus und im Schloss Laxenburg, im Herbst im Palais Ferstel. Nicht zuletzt setzt die ehrwürdige „Hofburgmesse“ Art&Antique auf bewährte Namen und mehr und mehr auch auf Zeitgenössisches. Dazu kommen die Satelliten-Messen wie die „Parallele“ und (organisatorisch völlig unabhängig davon) die „Parallelaktion Kunst“. Und zum Saison-Ausklang rufen die Galerien mit den staatlichen Kunstinstitutionen nochmals zum Schaulauf auf die Vienna Art Week (16.-22.11.2015).
Dass die wachsende Anzahl der Messen zu wachsenden Verkaufserfolgen der einzelnen Aussteller führt, wird wohl niemand behaupten – ganz im Gegenteil. Aussteller, die im Frühjahr auf der Art Austria und danach auch auf der Wikam anzutreffen waren, beklagten den schwachen Zustrom und die kurzen Zeitabstände zwischen den beiden Messen. Horst Szaal, Obmann des Wiener Landesgremiums des Kunst- und Antiquitätenhandels und Mitorganisator der Wikam, ist zwar von Berufs wegen optimistisch, bringt aber auch ernüchternde Fakten: Käufer sind und bleiben die 60- bis 80-Jährigen!
Die Wikam hat diese Zahlen bei einer Befragung vor 35 Jahren erhoben; die Widerholung der Befragung 2008 hat die gleichen Ergebnisse gebracht.
Das junge Publikum bleibt aus
Trotz zahlreicher Versuche, junges Publikum für die Kunst zu begeistern, trotz Blockbuster-Ausstellungen der Museen, die breite Bevölkerungsschichten locken, kommt im Kunstmarkt wenig davon an.
2012 hatte die Viennafair noch 17.000 Besucher, im Vorjahr jubelte der damalige Veranstalter mit einer Erfolgszahl von 25.000 Besuchern, doch ist die Anzahl der Aussteller um 30 auf unter 100 gesunken. PR-Profis haben diesen Verlust natürlich als Maßnahme verkauft, die Qualität der Messe zu heben – und die meisten Medien haben ihnen diesen PR-Schmäh auch abgekauft.
Schon 2014 waren Sparmaßnahmen bei der Ausstattung der Messestände sichtbar. Und der Messekatalog, der auf allen Messen direkt beim Verkauf aufliegt, wurde nur nach explizitem Verlangen verstohlen auf einem abgelegenen Infostand verkauft. Der war nämlich so mickrig, dass darin nicht mal Abbildungen von Kunstwerken Platz gefunden haben. Das war auch ein Ergebnis des geschäftstüchtigen Managements.
2013 erklärte Vita Zaman (laut Die Presse): „Die letzte Messe (Viennafair) hat gezeigt, dass es in Österreich zwar einige etablierte Sammler gibt, sonst aber eher Zurückhaltung herrscht. Das unterscheidet die hiesige Situation von anderen Ländern. Kunst zu sammeln wird hier nicht als Selbstverständlichkeit gesehen. Die junge Generation setzt andere Prioritäten: Familie, Freizeit, Wohnen usw. Wir wollen zeigen, dass sich Dinge nicht ausschließen. Auch Kunstsammeln ist ein nettes Hobby, Teil der Kultur.“ Nettes Hobby! Das wars dann wohl mit dem Kunstmarkt in Wien, der sich seit 35 Jahren offenbar nicht vom Fleck bewegt.
Wien ist eben tatsächllich anders; insofern sind die 25.000 Kunst­interessierten, die die Viennafair im Vorjahr bündeln konnte, meiner Einschätzung nach das gesamte Marktvolumen der fast-zwei-Millionenstadt Wien.

Hubert Thurnhofer ist Autor von „Die Kunstmarkt-Formel“
www. thurnhofer.cc

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