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Heinz Fischer kritisiert Vorgänge im Innenministerium © APA / Herbert Pfarrhofer

Alt-Bundespräsident Heinz Fischer

© APA / Herbert Pfarrhofer

Alt-Bundespräsident Heinz Fischer

Redaktion 03.10.2018

Heinz Fischer kritisiert Vorgänge im Innenministerium

"Man kann hier nicht einfach zur Tagesordnung übergehen".

WIEN. Alt-Bundespräsident Heinz Fischer übt scharfe Kritik an den jüngsten Vorgängen im Innenministerium. Man könne hier "nicht zur Tagesordnung übergehen", sagte Fischer in einem APA-Interview anlässlich seines 80. Geburtstages am Dienstag nächster Woche. "Besorgt" zeigt er sich auch über die Flüchtlingspolitik der türkis-blauen Regierung.

Zum Zustand der Demokratie in Österreich hält das frühere Staatsoberhaupt zunächst fest, dass diese über fast ein dreiviertel Jahrhundert einen Prozess der Stabilität, Akzeptanz und Festigung durchlebt habe. Allerdings gebe es keine perfekte Regierungsform und auch keine perfekte Demokratie. "Die Demokratie ist immer nur so gut, wie die Menschen die demokratischen Spielregeln befolgen." Er habe hohes Vertrauen in die österreichische Demokratie, sagte Fischer, "aber man muss wachsam sein".

Konkret auf das Innenministerium angesprochen stellte Fischer zur BVT-Affäre fest: "Es macht einen sehr besorgt, wie das abgelaufen ist." Und wenn aus dem Innenministerium der Aufruf komme, die Medien nicht nach dem Grundsatz der Neutralität und der fairen Gleichbehandlung zu behandeln, sondern zwischen braven und weniger braven zu unterscheiden, "dann muss man das sehr ernst nehmen. Das ist Nichts, wo man zur Tagesordnung übergehen kann. Wenn sich eine solche Reihe von inakzeptablen Verhandlungsweisen fortsetzt, wird das immer mehr zur Grundsatzfrage werden." Den Rücktrittsaufforderungen der Opposition an Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) will sich Fischer zwar nicht direkt anschließen. Eine Entscheidung darüber hätten der Bundespräsident, der Bundeskanzler oder der Nationalrat zu treffen. Er hält es aber für "legitim", wenn manche den Minister als nicht mehr tragbar bezeichnen. Und Fischer kann sich auch vorstellen, dass etwa in Großbritannien die Reaktionen stärker ausfallen würden.

Die türkis-blaue Koalition ist für den Alt-Bundespräsidenten eine "Rechts-Regierung, in der starke rechtspopulistische Kräfte vertreten sind". Und wenn Kickl in dieser Regierung als Innenminister eine zentrale Funktion einnehme, dann sei diese "von einem pluralistischen Liberalismus weit entfernt".

Mit den rechtspopulistischen Regierungen in Ungarn oder Polen oder mit Donald Trump in den USA will Fischer die österreichische Regierung aber nicht vergleichen. Wenn man hier "ein Ist-Gleich-Zeichen" setzen müsste, dann "würde mich das in Alarmstimmung versetzen. Aber da gibt es doch Unterschiede, Gott sei Dank". Man müsse jedoch die Entwicklung beobachten, meinte Fischer. Es gebe nicht nur in Österreich sondern in ganz Europa Tendenzen zu einer stärkeren nationalistischen Einstellung und zu leichtfertigem Populismus. "Diese Tendenzen sind nicht gut für eine pluralistische, liberale Demokratie."

"Nicht einverstanden" ist das frühere Staatsoberhaupt auch mit der Flüchtlingspolitik der Regierung. Fischer gesteht zwar zu, dass zur Lösung der quantitativen Probleme Österreich nicht das Land der "unbegrenzten Möglichkeiten" sein könne. Ein anderes Problem ist es aber, wie man dem einzelnen Flüchtling, dem einzelnen Menschen gegenübertrete, ob man bereit sei, die Grundstandards einzuhalten und allen die gleiche Menschenwürde zuteilwerden lasse. Wenn man Aversionen gegen Flüchtlinge spüre und eine gezielte Politik betrieben werde, "um Flüchtlinge aus dem Land hinaus zu vergraulen" - auch indem man sie etwa bei der Mindestsicherung herabstuft - dann sei er "sehr besorgt", sagte Fischer. (APA)

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