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Online-Soforthilfe bei psychischen Erkrankungen © Selfapy

Das Gründerteam: Kati Bermbach, Farina Schurzfeld, Nora Blum

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Das Gründerteam: Kati Bermbach, Farina Schurzfeld, Nora Blum

Redaktion 17.09.2018

Online-Soforthilfe bei psychischen Erkrankungen

Selfapy kämpft gegen Versorgungslücken und die Stigmatisierung von Depressionen. Zahlreiche Kurse werden bereits von den Krankenkassen erstattet.

WIEN. Wer in einer Krise steckt oder auf eine Depression zusteuert, benötigt Hilfe. Sofort und überall. Das ist Überzeugung und Antrieb von Nora Blum (26), Kati Bermbach (27) und Farina Schurzfeld (31), die im Februar 2016 in Berlin das Startup Selfapy gründeten. Heute ist Deutschlands erstes Online-Portal, das Online Therapiekurse und persönliche Gespräche mit Psychologen am Telefon oder Chat miteinander verbindet, eine Erfolgsgeschichte: 5.000 Betroffene mit Depressionen, Angst, Burnout oder Essstörungen sind angemeldet und zeigen nach neun Wochen eine Verminderung der Symptome von durchschnittlich 20 Prozent. Damit kann der Kurs im Netz genauso wirksam sein, wie die traditionelle Psychotherapie. Klinisch bestätigt wurde die Wirksamkeit 2016 in einer Studie vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Auch die Krankenkassen haben das Potential des Online-Angebots erkannt: Im März 2017 wurde der Stresskurs erstmals von nahezu allen gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Mit dem Gewinn des Healthy Hub ein Jahr später, folgten fünf gesetzliche Krankenkassen, die bundesweit mehr als drei Millionen Menschen versichern und fortan die Kosten für präventive Kurse wie Essstörung und Burnout übernehmen. Zudem erstatten zahlreiche private Versicherungen die Kosten der Selfapy Kurse. Wichtige Meilensteine, an denen Selfapy dank Teamzuwachs – seit dem Frühjahr 2018 ergänzt Foodora Mitgründer Stefan Rothlehner als Tech-Experte das Team – und einer im Sommer 2017 erfolgreich abgeschlossenen Finanzierungsrunde im siebenstelligen Bereich anknüpfen will: Geplant ist die vollständige Akkreditierung der Kurse und die Entwicklung einer begleitenden App. Damit kommt Selfapy dem Ziel der Internationalisierung ein großes Stück näher – bald soll das Onlinetherapieangebot psychisch Erkrankten in ganz Europa helfen.

„Psychische Gesundheit sollte weder vom Geldbeutel, der Versorgungssituation noch von Scham oder Stigma abhängen“, sagt Kati Bermbach. Die 27-Jährige erfuhr noch während ihres Studiums im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit an der Charité, wie katastrophal die Lage für die meisten Depressiven ist. „Jeden Tag musste ich Menschen sagen, dass es keinen Therapieplatz für sie gibt. Diese Gespräche dauerten oft eine dreiviertel Stunde. Die Betroffenen waren verzweifelt, weinten. Es war klar: Da muss sich etwas ändern“, erinnert sich Bermbach, die mit ihren Co-Gründerinnen Nora Blum und Farina Schurzfeld eine neue Zeit einläuten will. Mit Selfapy sind sie auf dem Weg, die Versorgungssituation von Menschen, die an einer psychischen Störung leiden, komplett umzukrempeln. „Wenn man offen über psychische Erkrankungen wie Depression, Angst oder Essstörung spricht, wagen auch andere, ihre Erfahrungen zu teilen und es wird deutlich, wie verbreitet seelische Erkrankungen in allen Altersgruppen und Schichten sind“, sagt Farina Schurzfeld.

17 Psychologen und eine psychologische Leitung kümmern sich heute um die 5.000 angemeldeten, an Depressionen, Ängsten, Burnout oder Essstörung erkrankten Menschen – und täglich melden sich weitere an. Um das Wachstum auszubauen und die Internationalisierung vorzubereiten, erweiterte Selfapy das Führungsteam im Juni 2016. Farina Schurzfeld wurde als Co-Founder und CMO ernannt. Die international erfahrene Wachstums-Strategin war Teil des Gründerteams von Groupon Australia sowie Mitgründerin und Geschäftsführerin von Airtasker. Auch Schurzfeld kam mit dem Thema Depressionen bereits im familiären Umfeld in Kontakt und fühlt sich daher mit der Vision Selfapys, einen Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung der Situation psychisch Erkrankter zu leisten, stark verbunden. „Das Leid von Menschen die man liebt, prägt für das ganze Leben.“ Während der Online-Therapie durchlaufen Betroffene einen in neun Wochenmodule gegliederten Therapiekurs gegen Depression, Angst oder Stress. Seit Frühjahr 2017 können außerdem Kurse gegen die Essstörungen Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating belegt werden. Rund 20 Minuten täglich sind für die Übungen aufzuwenden, die lebensnah gestaltet sind. (red)

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