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„Rein fachlich gesehen, sehe ich mich in der Pole Position“ © Privat

Harald Thoma

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Harald Thoma

Redaktion 06.08.2021

„Rein fachlich gesehen, sehe ich mich in der Pole Position“

medianet bat Harald Thoma, der sich für den Posten des ORF-Generaldirektors beworben hat, zum Interview.

WIEN. Mit Harald Thoma hat sich für die anstehende Generaldirektoren-Wahl nächste Woche auch ein Medienmanager aus Deutschland beworben. Im Interview mit medianet erläutert der Deutsche, wie ein ORF unter seiner Führung aussehen könnte.

medianet: Lieber Herr Thoma: Sie haben sich um den Posten des Generaldirektors des ORF beworben. Was war der ausschlaggebende Impuls für Ihre Bewerbung und in welcher Ausgangslage sehen Sie sich im Bewerbungsprozess?

Harald Thoma: Den Impuls gab eine Stellenanzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Wobei mich dies inzwischen wundert, wenn ich die Liste der preferiti (Anm: Auserwählten) sehe, da hätte auch eine Anzeige in der ORF Mitarbeiter Zeitung gereicht. Rein fachlich gesehen, sehe ich mich in der Pole Position, allerdings stehen bei dieser Wahl offenbar nur politische Absprachen im Mittelpunkt.

medianet: Zentrales Thema der aktuellen Wahl ist unter anderem Digitalisierung. Welches Konzept schwebt Ihnen für die erfolgreiche multimediale Aufstellung des ORF vor?

Thoma: Erstmal sollte ein Seniorenstift keine Jugend Portale bauen. Es gilt die Jugend dort abzuholen wo sie sich aktuell unterhält, vorrangig mobil und online. Wobei man user generated content mit Überprüfung zulassen sollte und man sollte Kooperationen mit Mobilfunk Unternehmen angehen, schliesslich steht 5G in den Startlöchern und damit weitere Möglichkeiten der mobilen Nutzung. Ich würde ein Thinktank von jungen ORF Mitarbeiter bilden und deren besten Ideen mobil und online umsetzen. Darüber hinaus bestehende Formate wie Okidoki zu einem Portal ausbauen und mich den Thema Klima und eSports widmen.

medianet: Sie waren beruflich unter anderem bei ABC Disney, Universal Studios aber auch 13th Street tätig. Welche strukturelle bzw. organisatorische Umstrukturierungen würden Sie aufgrund dieser Erfahrungen bei einem öffentlich-rechtlichem Sender initiieren?

Thoma: Es gilt dies behutsam durchzuführen, alles andere würde dieses Traditionsunternehmen zu schwer erschüttern. Wichtig ist ein Signal, statt Programm- eine Digital Direktion, damit alle inhaltlichen Themen bereits digital gedacht werden. Also zuerst mobile und online dann TV. Die weiteren Direktionen Radio, Information und Technik sollten vorerst beibehalten werden. Die Information wird ohnehin durch den neuen Newsdesk schlanker aufgestellt und die Technik sollte sich, zu ihren üblichen Aufgaben, um Portalbau und Datenbanken kümmern

medianet: Kurz zu wirtschaftlichen Parametern: Was wollen Sie ökonomisch als Generaldirektor erreichen? Wo sehen Sie hinsichtlich der Finanzierung des ORF Zukunftspotenzial?

Thoma: Dem ORF fehlt aktuell ein unternehmerisches Ziel, wie beispielsweise eine Reduktion der GIS Gebühren um 10% in den nächsten fünf Jahren. Ich bin gegen Personalabbau, aber 500 ORF Leute gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand, diese sollten nicht alle nachbesetzt werden.
Ich habe in Österreich im Rahmen meiner Tätigkeit für Goldbach Schweiz die Zusammenarbeit der privaten Regionalsender im Rahmen der R9 auf den Weg gebracht. Daher schwebt mir eine Kooperation mit diesen Regionalsender vor, dem Beispiel der SRG in der Schweiz folgend. Dies würde die Landesstudios entlasten, die sich damit mehr um social media Themen kümmern können. Natürlich müssen dafür aber erst die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

medianet: Eine letzte Frage: Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung, der sich der ORF stellen muss und wie würden Sie diese bewältigen?

Thoma: Das ORF Gesetz in der aktuellen Fassung lässt viele Aktivitäten im mobilen und online Bereich nicht zu. Es gilt einen fairen Ausgleich mit der Privatwirtschaft zu finden, um damit den Weg zu einem digitalen Medienhaus zu ebnen. ORF1 muss jünger positioniert werden und ORF3 sollte sich wieder seiner eigentlich Aufgaben widmen der Information und Kultur. Dies darf durchaus zeitgemäßer vertont und geschnitten sein, wenn dies die Ressourcen zulassen. (red)

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