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The Big Quit, Covid-Klarheit & Co. – eine Chance für Unternehmen? © Nadine Studeny

Mario Grabner.

© Nadine Studeny

Mario Grabner.

Redaktion 07.02.2022

The Big Quit, Covid-Klarheit & Co. – eine Chance für Unternehmen?

Gastkommentar von Mario Grabner, Kommunikationsexperte, Wirtschaftspsychologe und Gründer von myNLP in Wien.

WIEN. Wir erinnern uns: In den Anfängen der Pandemiezeit fürchteten viele Menschen um ihre Jobs, so manch einer überlegte gar einen Wechsel in „sicherere“ Branchen. Heute scheint das alles anders zu sein. Seit mehreren Monaten grassiert in den USA das Phänomen „The Big Quit“ (medianet berichtete), auch hierzulande stellt sich die „Covid-Klarheit“ ein. In scheinbar unsicheren Zeiten tun Menschen genau das, was noch vor zwei Jahren keiner erwartete: Sie kündigen ungeliebte Jobs. „Unflexible“ Branchen wie der Einzelhandel sind besonders betroffen, aber auch die IT und andere Branchen straucheln.

Stichwort Flexibilität: Mit einem Schlag wurden Dinge wie das Homeoffice oder Remote Work, Videokonferenzen und individuellere Arbeitszeiten normal. Das Kleinkind in der Morgenbesprechung, die Joggingrunde zwischen zwei Meetings, ein ausgedehntes Frühstück ausgerechnet zum sonst üblichen Bürostart. Das sind gravierende Veränderungen, die endlich „sinnvoll“ erscheinen. Die Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steigen sogar, eine Win-Win-Situation. Kaum einer mag zurück in die alte Welt, ab nun gelten neue Standards. Eine neue Chance für Unternehmen?

Bedürfnisse von Mitarbeitern kamen endlich an die Oberfläche
Dass Mitarbeiter die Flexibilität dem Gehalt voranstellen, war also doch kein Fehler in der Statistik. Wie gehen Unternehmen und deren Führungskräfte mit dieser Revolution der Erwartung an die Arbeit um? Wie könnten sie die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter auch ohne derartige „Eruptionen“ in der Arbeitswelt erkennen? Echte Leader sind gefragt, das ist ohnehin längst überfällig. Es geht um aufmerksames Zuhören, feinfühliges Beobachten und die richtigen Fragen – nicht erst im jährlichen Mitarbeitergespräch, sondern kontinuierlich und zwischendurch.

Wirksame Fragetechniken für relevante Informationen
Wer fragt, der führt – und lernt. Tatsache ist, dass wir unsere Mitmenschen häufiger falsch als richtig verstehen. Das liegt ganz einfach daran, dass wir schnell von uns auf andere schließen. So kann es sein, dass die Führungskraft unter „flexibler Zeiteinteilung“ eine Gleitzeitvereinbarung versteht, der Mitarbeiter allerdings dreimal die Woche das Kind am Nachmittag abholen möchte – ohne Voranmeldung bei der Chefin. Es empfiehlt sich, den Mitarbeiter bei ausgesprochenen Wünschen also einfach direkt zu fragen: „Was meinen Sie mit flexibler Zeiteinteilung?“ oder „Was bedeutet flexible Zeiteinteilung für Sie?“ Wichtig ist, jeweils jene Worte im gesprochenen Satz zu hinterfragen, die der Mitarbeiter besonders betont. Das sind in der Regel die Informationen mit dem meisten Emotionsgehalt, die einen Rückschluss auf die persönlichen Werte zulassen.

Kleinste Verhaltensänderungen sind erste Vorboten
Irgendetwas ist anders: Wer seine Mitarbeiter aufmerksam beobachtet, kann Änderungen im alltäglichen Verhalten schneller feststellen und gezielt ansprechen. Denn Unzufriedenheit beginnt oft im Kleinen und breitet sich langsam aus. So sind etwa Abweichungen bei der Pünktlichkeit oder eine plötzlich sehr akribische Zeiterfassung erste Vorboten. Eine gute Führungskraft hat immer auch eine Wahrnehmung und ein Gefühl für die Gesprächspartner. Besonders interessant zu beobachten sind daher die Antworten von Mitarbeitern auf Fragen: Waren sie früher lang, sind sie jetzt kürzer? Antworten sie generell später?

Tausche Chef gegen Coach
Immer häufiger vertreten Leadership-Expertinnen und - Experten die Ansicht, dass ein Chef gleichzeitig ein Coach sein sollte. Coaches arbeiten mit bestimmten Fragetechniken, kennen Modelle über Persönlichkeiten und Menschentypen, haben ein geschultes Auge für das menschliche Verhalten. Sie erkennen Probleme und Themen dadurch oft frühzeitig und erarbeiten Lösungsansätze gemeinsam mit dem Gegenüber – das ist in der Regel wesentlich wirksamer als konkrete Handlungsanweisungen. Genau diese Fähigkeiten sind auch für Führungskräfte unerlässlich. Viel zu oft liegt in der Praxis dann doch der Fokus auf Zahlen, Daten und Fakten, der Mensch dahinter wird übersehen. Zeit für die nächste „Eruption“, die diesmal die Leader trifft?

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